Kommentar

Lyrics als Lyrik. Über Songtexte als ernstzunehmende Lyrik. Eine Entgegnung zu einem Volltext-Beitrag.

von Samuel Hamen
April 11, 2016 / 0 Kommentare

Wie Uwe Schütte in seinem Essay Poetry plus Electricity = Rock’n’Roll in der letzten Volltext beklagt, erreichen die meisten Liedtexte von populären Künstlern kein ausreichendes Reflexionsniveau. Das liege laut Schütte nicht nur in der immensen ästhetischen Belanglosigkeit solcher Lyrics begründet, sondern vor allem in der supplementären Rolle, die Texte bei vielen Bands spielen würden. Die Reihe seiner Beispiele ist voll der usual suspects von Rammstein bis Tocotronic. Macht es also nicht durchaus Sinn, sich ernsthaft und wohlwollend in der breiten Gegenwartsmusik umzusehen, um nach der Lektüre von Schüttes traurigem Essay nach Gegenbeispielen und relevanten Aussagen zu suchen?

»We learned more from a three-minute-record than we ever learned in school«, sang einmal Bruce Springsteen, der stets dem amerikanischen Folk der einfachen Leute von Leadbelly, Guthrie oder Seegers verpflichtet ist und Patti Smith – die sich, wenn es um Fremdtexte geht, wie Schütte schreibt, gerne an Blake, Rimbaud oder Sebald orientiert – seinen Song Because the Night überließ. Genau dieser Bruce Springsteen hat später einmal aus den Früchten des Zorns von Nobelpreisträger John Steinbeck die Verse seines The Ghost of Tom Joad geschmiedet.

Puh. Ein ganz schöner Krampf, so ein griffiges Einstiegszitat für die germanistische Belle Etage zu legitimieren, und das nur, damit man diese kleine, dahingesungene Zeile ernstnimmt. Als ob sie nicht auch ohne diesen ganzen bildungsbürgerlichen Klumpatsch einen Kern Wahrheit enthalten würde.

Uwe Schütte geht aber noch weiter als nur vom Rezipienten einen bestimmten Wissensstand zu fordern. Besonders die Produzenten von Musik und Text müssten sich in der Kulturgeschichte auskennen, damit sie Reminiszenzen an Letztere in ihre Texte einbauen können. Schütte geht in seiner Argumentation dementsprechend positivistisch vor, getreu dem Motto: Wo hat einer in seinen Texten auf Literatur angespielt? Diese mit einem geistigen Textmarker gesichteten Stellen werden dann lockerleicht und auffällig naiv durchinterpretiert. Spechtl hat was über Améry gesagt und Lowtzow irgendwie Adorno gelesen: Heureka, ab in die Liste! Nicht alle Songtexte seien es nämlich wert, in den Kanon einer literaturkritischen Betrachtung einbezogen zu werden. Schließlich erreichen die meisten »nicht einmal ansatzweise jenes hohe literarische Reflexionsniveau […], das die Texte avancierter Songtextschreiber auszeichnet.«

Aber müssen sie das überhaupt? Die wahre Crux liegt nicht in der geringen Qualität mancher Texte (die ist unbestreitbar), sondern in der willkürlichen Kanonisierung, die Schütte vorgibt und -nimmt. Er möchte Songtexte literaturkritisch würdigen und erhält dafür die Grenze zwischen U und E aufrecht. Gut ist, was Tiefgang hat, ein gewisses Reflexionsniveau besitzt und von latent linksintellektuellen, längst etablierten Bands wie Tocotronic und Ja, Panik kommt. Rammstein ist raus, weil die Gedichte von Till Lindemann schlecht sind. Sind sie. Aber das sagt noch nichts über seine Songtexte aus, die Schütte gar nicht erwähnt. Will man Lyrics als Lyrik ernstnehmen, dann muss die Grenze fallen, dann müssen alle Lyrics als das betrachtet werden, was sie schon immer waren: Lyrik!

Dazu müsste man allerdings zuerst die Künstler ernstnehmen, die sich im Grunde genommen nur verschiedener Genres bedienen. Sven Regener schreibt neben Liedtexten eben auch Romane. Mit der Vertonung des Heiderösleins war auch Goethe ein Liedtexter, der Romane schrieb. Schütte würde vermutlich nur jene Gedichte von Heine gelten lassen, die Schubert in Kunstlieder verpackt hat, nicht aber jene, die als Volkslieder in der Mundorgel geendet sind. Im Grunde aber sind alle Dichter erstmal nur Textarbeiter. Und einen Liedtext zu schreiben ist etwas anderes als ein Gedicht zu schreiben. Der Liedtexter muss Rhythmus, Melodien und Lyrics zusammenbringen; er muss sich auf eine Weise ausdrücken, die einem ein Verstehen auch alleine vom Hören erlaubt; und er muss sich, je nach Musikgenre und Publikum, anderer Bilder und andere Spracheregister bedienen.

Schon Adorno hat sich vor einigen Jahrzehnten mächtig lächerlich gemacht, als er im Jazz nur die Synkopen hörte und daraus auf die »Immergleichheit« eines ganzen Genres schloss, um sich schließlich erhaben zu fragen, »wieso Millionen von Menschen des monotonen Reizes immer noch nicht überdrüssig sind.« Da hat einer eine Musik nicht verstanden, weil er sie nicht mit ihren eigenen Regeln begreifen wollte, sondern mit jenen der klassischen Musik. Ähnlich kommt Schütte mit seiner rosaroten Lesebrille angebraust. Er weigert sich, die eigene Terminologie Kraftwerks in deren eigens erschaffenen Horizont einzubetten – stattdessen stopft er die Songs wegen einer vermutlich eher zufälligen Homonymität seiner Übersetzung von ›sound poem‹ als Klanggedicht in die Dada-Kommode, bloß um anzumerken, dass die Kraftwerk-Sachen zu schlecht seien, um dort hineinzupassen.

Die Literatur findet längst nicht mehr nur zwischen zwei Buchdeckeln statt. Die Lyrik hat sich neue Formen geschaffen. Was an Adorno und Schütte so nervt, ist ihre polemische Bewertung von Dingen, von denen sie nichts verstehen (wollen). Sie hauen auf Phänomene drauf, die sie nicht gescheit, geschweige denn adäquat beschreiben können. Schlimmer noch: Sie betrachten die – angeblich minderwertigen –  Untersuchungsgegenstände gar nicht erst im Detail. Um von den Texten zeitgenössischer Musiker etwas über die Sprache, die Jugend und am Ende vielleicht auch über neue Formen der Lyrik zu lernen, müsste man abkommen von dieser arroganten Altherrenhaltung, das Neue als das Mangelhafte zu betrachten, dem es nicht gebührt, die eigene kostbare, intellektuelle Aufmerksamkeit zukommen zu lassen. Den eigenen Kenntnisstand aber als alleinigen Gültigkeitsraum für fremde Texte vorzugeben und damit stets auf dem Alten herumzureiten – das kann nur in die Dunkelheit der Vergangenheit und zu Stauballergien durch Klopstockbände führen.

Aber wo könnte die Schnittmenge zwischen Lyrik und Songtexten liegen? Womit beschäftigen sich beide? Wohl doch mit dem, womit sich alle Menschen beschäftigen: Liebe, Tod, Freundschaft, Adoleszenz.. Zusätzlich setzen sich Liedtexte auf ebenso verschiedene Weisen aus den genuin lyrischen Techniken zusammen: aus Rhythmus, Melodie, Reim oder Sprachbildern. Spannend sind weniger die immer gleichen Themen, sondern die zeitgenössische Faktur derselben. Wie reden wir heute über Liebe, Tod, Freundschaft? Bestenfalls anders als Goethe, Klopstock, Rilke & Co., die nun aber Schüttes Abgleichkontingent stellen.

Wenn die Böhsen Onkelz in Danket dem Herrn singen, »mit dieser Band hast du nicht viele Freunde, / doch die, die du hast, teilen deine Träume«, dann ist das ein ebenso abgrenzender Raum für eine Glücksgemeinschaft, wie ihn Schiller in der Ode an die Freude beschreibt, wenn nur derjenige sich in den Jubel einmischen soll, der ein holdes Weib errungen oder eines Freundes Freund ist. Natürlich sind beide Texte nicht deckungsgleich, Schillers Art des peer-grouping vollzieht sich anders als im ehrenheischenden Bruderbunddenken der Onkelz. Bloß: Im Chor gesungen entfalten beide Texte ihre Wirkung beim jeweiligen Zielpublikum. Darin liegen die Macht guter Texte sowie die optimale Inszenierung derselben. Brechts sozialistische Kampflieder sind nicht gerade Ausgeburten dialektischer Argumentationen. Auch wenn eine spezifische, politische Weltanschauung deren Abfassen befördert hat, sind sie dezidiert heruntergebrochen, um der besonderen Situation des Vortrags, in diesem Fall: dem Protestmarsch, zu entsprechen. Ton Steine Scherben, Hannes Wader, Die Toten Hosen, Frei Wild oder Tocotronic tun kaum etwas anderes, nämlich eingängige massentaugliche Verse schreiben, in denen sich Band wie Publikum in einem großen Selbstbefragungs- und Antwortlieferungszirkel selbst bestätigen. Daneben bedient sich die von Schütte so geschmähte Band Rammstein einer sehrpräzise gearbeiteten Sprache, die in ihren guten Momenten an die Konkrete Poesie erinnert und, so in Los, ironisch Stellung bezieht gegenüber den vielen Kritikern, die der Band  eine ›stumpfe‹ Musik vorwerfen. In den Lyrics von Los mimt Rammstein geschickt Anschuldigungen und Selbstdarstellungen:

»Wir waren namenlos, / und ohne Lieder / recht wortlos / waren wir nie wieder, / etwas sanglos, / sind wir immer noch, / dafür nicht klanglos, / man hört uns doch.«

Sang- und klanglos würden sie untergehen, das prophezeite die Musikkulturelite der Band. Nun, ihre Lieder mögen auch weiterhin sanglos bleiben, aber nicht wortlos und schon gar nicht klanglos. Geschickt ist auch das Apokoinu – also die Verwendung eines Wortes als Satzende wie auch als Beginn des nächsten Satzes – mit »recht wortlos«, eine Technik, derer sich Hölderlin oder Rilke zuweilen gerne bedienten, die Rammstein von so manchem Kritiker vorgehalten wurde.

»Wir sind nicht fehlerlos, / nur etwas haltlos, / ihr werdet lautlos, / uns nie los.«

Erich Fried hätte diese Verse schreiben können. Auch er versuchte, die im Sprachgebrauch festgefahrene Bedeutung unserer Worte aufzubrechen. Dass die Lyrics von Rammstein in ihrer Beschränkung auf Sex, Gewalt und Abnormitäten stellenweise gewollt provokativ und dadurch letztlich abgeschmackt daherkommen, ist weniger wichtig als die eben doch exzellente Spracharbeit, die auf Mehrdeutigkeiten und Deutungserweiterungen ausgerichtet ist.

Anderes Beispiel: Jede Woche haut Dendemann im Neo Magazin Royale neue Reime zu aktuellen Anlässen raus. Mal mehr, mal weniger relevant, witzig oder ernst. Vor allem zeigt er damit aber die Beweglichkeit von Rap-Musik-Texten, die ihm als avanciertem Texter eine große Bandbreite an Möglichkeiten bietet.

»Hier geht’s doch nicht um Heidenau, / nicht um den kleinen Nazi, die arme feige Sau, / das Problem ist Marke Eigenbau / und Mut ist nur das, was ich mich alleine trau. / […] Und falls du wirklich noch ein Fazit brauchst, / ich hab noch hunderttausend Reime auf ›Nazis raus‹.«

Reime, Wortspiele, Rhythmus, Witz, Metaphern, Reflexion des eigenen Tuns – alles da. Wo ist da noch gleich der Grund, solche Texte nicht in den Kanon ernstzunehmender Lyrik aufzunehmen? Anderes Beispiel: Deichkind. Momentan gibt es vermutlich kaum eine Band, die näher an den kommerziellen, sozialnetzwerkenden Jugendkulturen dran ist und dabei noch Witz und Haltung bewahrt. Und das, ganz ohne die gewiss legitime, aber letztlich doch prätentiöse Gedankenlyrik von halbintellektuellen Befindlichkeitsbeschreibern zur Lage der Nation. Für Deichkind gilt: Ja zu Panik, Krawall und Remmidemmi. In So ’ne Musik führen sie ihre eigene Idee von guter Musik vor:

»Lalalala-bumm, die Musik geht aus dem Leim, / wie Primaten kloppen wir auf Stock und Stein, / wir drücken die ganze Nacht auf die 808 / und bauen uns Papierflieger aus Noten von Bach.«

Außerdem hat Deichkind mit „leider geil“ mal eben ein neues geflügeltes Wort geprägt, also direkt Einfluss auf die Sprache genommen, wie es Goethe gut gestanden hätte: »Tu doch nicht so, / du magst es doch auch, / ich bin ein Teil von dir. / Guck dich doch um, / sieh sie dir an, / sie sind genauso wie wir. // Weg mit den Büchern, / weg mit dem Regal, / mein neuer Flatscreen: / leider geil.«

Nun, was soll man dazu noch sagen? »Es ist egal, ob die Jelinek in der Zeitung steht oder im Regal, solange ich bei dir bin, ist’s egal,« wie Wanda singen. Ein guter Beat macht halt Spaß, und die Liebe steht über dem Nobelpreis. Nochmal ein Zitat aus den Niederungen der Liedtexte, um sich hierauf einen Reim zu machen: »Alle, die von Freiheit träumen, sollen das Feiern nicht versäumen, sollen tanzen auch auf Gräbern.« (Marius Müller-Westernhagen) Jawoll, und sei es auf denjenigen längst toter Dichter! Da kann man sich auf den Kopf stellen, wie Lenz durchs Gebirge wandern und sich bei Bach die dritte Flasche Rotwein in den umgekehrten Kopf kippen. Gehört wird, was gefällt. Und das, was gefällt, ist zuerst der Betrachtung, dann der Bewertung wert.

Der kulturelle Hintergrund vieler Jugendlicher ist nicht jener von Herrn Schütte und anderen Akademikern (wie ich ja auch einer bin). Wollen wir die Kulturprodukte dieser Generation ausschließen, weil sie vermissen lässt, woran wir uns im Studium gewöhnt haben? In einem avancierten Sprachmix berichtet Haftbefehl von einer anderen Welt, von Geld, von Drogen, Autos, Frauen und alldem, über das man sich heutzutage als ungewisser Jugendlicher bestimmen kann. Von Kampfsportfilmen und Videospielen rappt er auf Deutsch, Türkisch, Kurdisch, in einer Wut, die mehr über seine Umgebung und unser Land sagt, als es ein distinguierter Vierzeiler je vermochte.

»Tokat, / Kopf ab, / Mortal Kombat, / Vollkontakt, / à la Ong Bak, / komm ran, / Opfer, du bist Honda, ich Sagat, / nicht link von hinten, ich hau dich frontal sakat.« (Chabos wissen, wer der Babo ist)

Leonard Adams

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