literarisches

Busbahnfhof HD. Aus einem topographischen Porträt

von Samuel Hamen
Juli 30, 2016 / 0 Kommentare

05.05.16 Irgendwann, es muss gegen halb vier sein, fährt ein dunkelblauer Reisebus vor, auf der Seite lese ich den Schriftzug: „Deutsch“. Der Fahrer steigt aus und öffnet eine der Klapptüren. Kurz überlegen wir, ihn hineinzuschubsen und die Tür zuzuknallen. Danach könnten wir, sagst Du, über die Autobahn heizen, bis der Tank leer wäre. Weder Du noch ich wissen, das müssen wir uns sehr schnell eingestehen, wie man einen Bus betankt. Später fahren immer mehr Busse ein, obwohl wir doch Feiertag haben und nirgends die Lust spürbar ist, transportiert zu werden. Am Ende, also um kurz nach fünf, parken vier Busse von „Deutsch Reisen“, zwei von „Fahr mit Hoffmann“ und einer von „Scharnagel“ auf dem Areal des Busbahnhofs. Nur bei einem der rauchenden Fahrer kann ich das Unterhemd erkennen; bei den anderen sehe ich nur das gestärkte Weiß der Hemden, das, viel zu strahlend, wie ich denke, von der Sonne beschienen wird. 07.05.16 Im April hatte es einige gute Tage gegeben für die Wartenden am Shuttle-Spot. Der Winter war überstanden gewesen, niemand hatte sich mehr vor Schneegestöber und Kaltregen schützen müssen, die feuchten Böen waren über uns alle hinweg- und weitergezogen. Endlich also hatten sie unter einem leicht verhangenen Himmel ohne Regen, Wind und Nässe auf ihre Busse warten können, die sie in die Erstaufnahmestelle brachten. Jetzt aber, Anfang Mai, bricht ein heißer Spätfrühling durch, mit Temperaturen über zwanzig Grad, und wieder stehen Menschen am viel zu kleinen Bussteig und versuchen, sich mit Zeitungen, Tüten und Jacken vor der Witterung zu schützen. 10.05.16 Das asiatische Restaurant im Erdgeschoss des Seitenflügels ist beidseitig begehbar. Wieder weigert sich der Kellner, meine Bestellung (Schweineinnereien süß-sauer) aufzunehmen. Das sei, so er, nicht gut für meinen sehr europäischen Magen. Aus lauter Ratlosigkeit bestelle ich wieder die Shanghai-Ente. Während wir warten, erinnern wir uns, nicht ohne Nostalgie, wie Du später sagen wirst, an das einzige Mal, als wir ausreichend viele waren, um an einem der Rundtische mit dem mittigen Drehelement sitzen zu dürfen. Jeder hatte eine andere Ente bestellt, aber auch nach der dritten Drehung schmeckten die Gerichte für alle von uns gleich. Den Pflaumenlikör kippe ich wieder heimlich in den Pflanzenkübel hinter mir. In mir reift die Erkenntnis, dass die Orchidee nicht echt sein kann. 11.05.16 Sie haben jetzt die Treppe zum offenen Parkdeck, das sich über den gesamten Seitenflügel erstreckt, mit Starkblechplatten abgeriegelt. Noch Ende April saßen auf den Stufen Obdachlose und fragten nach Geld, bis sie genug beisammen hatten, um im Penny Adelskrone zu kaufen. Letzten Sommer sah ich sie oft, wie sie nach 18 Uhr, wenn die Pendler weggefahren waren, auf das Parkdeck gingen und sich auf den Asphalt legten. Einmal waren sie zu fünft, und ein jeder hatte sich mittig auf einem Parkplatz ausgestreckt. Zwei hatten die Arme bewegt wie Schneeengel. Wären sie Mitglieder einer Band gewesen – es wäre ein beeindruckend gelungenes Plattencover geworden. 15.05.16 Die Touristen aus irgendeinem asiatischen Land sind bezüglich der Sauberkeit auf öffentlichen Plätzen umsichtig bis vorbildlich. Bevor sie sich auf den insgesamt acht Sitzbänken, die zwischen den Rangierinseln liegen, zusammenkauern wie Erfrierende, ziehen sie ihre Schuhe aus und richten sie parallel zueinander aus. Auch nach zehnminütigem Rätselraten ist uns unklar, wieso sie die Beine an die Brust ziehen, mit den Armen die Knie umfassen und leicht vor- und zurückwippen. Im Hintergrund, genau vor Mr. Wu, stehen die Busfahrer in den rechteckigen Schatten ihrer Busse und rauchen ihre Zigaretten, ohne miteinander zu reden. 16.05.16 In den Bergbräustuben werden die Leute auch immer rücksichtsloser. Nachdem ich einen Fensteraushang mit dem EM2016-Spielplan abfotografiert habe, kommt ein Mann aus der Kneipe heraus. Er will mich zur Rede stellen und sagt Sätze wie: Halt emol, wieso das Foto? Er steht unangenehm nah an meinem Körper. Ich mustere sein weiß-grün kariertes Hemd, dessen Stoffkacheln insbesondere in Kragennähe eierschalenfarben verfärbt sind. Nach zwei, drei Sätzen ist ihm seine anfängliche Entschlossenheit abhandengekommen. Wir stehen noch einige Sekunden unschlüssig in der schmaler werdenden Schattenrinne, wie entfernte Verwandte, die nicht mehr wissen, wie innig sie sich zu verabschieden haben. 17.05.16 Wieder einmal lügt die Werbung. Nicht um halb zehn, sondern um fünf nach zehn macht Deutschland Pause. Am Busbahnhof treten dann gegenüber meiner Sitzbank die Frisörinnen in ihren Cardigans aus der Beauty Lounge heraus, am Eckgebäude versammeln sich die Verkäufer des Möbelgeschäfts Sofa 3 und rechts hinter mir stellt sich ein Pulk Männer in möglichst farblosen Jacken vor das tipico-Wettbüro. Die Sofa 3-Leute halten ihre Zigaretten zwischen Daumen und Zeigefinger wie Preziosen. (Dieses Wort gefiele ihnen mit Sicherheit sehr.) Keine zwanzig Meter entfernt rauchen die Frisörinnen hastig ihre Marlboro Gold, zwischen ihren Ausrufen ziehen sie kurz und tief an den Zigaretten, dabei klappern die Metallic-Armbänder von Bijou Brigitte. Und die Wettbüro-Männer? Wenn man nicht aufpasst, sind sie schon fertig mit Rauchen, und man kriegt nichts mehr zu sehen außer dem Wegschnipsen der Stummel, möglichst weit hinaus auf den noch von der Nacht kühlen Asphalt des Busbahnhofs. 19.05.16 Wie uneinsichtige Schildkröten schlurfen die Leute heute über den Platz und weichen nicht einmal mehr den von Schülern frisch hingespuckten Kaugummis aus. Der Himmel ist verhangen. Du sagtest vorhin, er sei fischfarben, ich entgegnete aus Gewohnheit: Nein, er ist ziegenmilchig. Ansonsten passiert nichts. 23.05.16 Der Busbahnhof wird längs von zwei Seitenflügeln umfasst, in die insgesamt vier Passagen eingelassen sind. In einer dieser Passagen liegt der Eingang zu einer namenlosen Spielhalle, deren Fenster mit bedruckten Vorhängen verhangen sind. Zu sehen ist eine Gruppe Schauspieler, die so tun, als seien sie glückssüchtige Spieler. Wegen des unregelmäßigen Faltenwurfs sind alle verzerrt. Eine halslose Frau legt ihre Hand möglichst schmachtend auf den überkrummen Rücken eines Mannes, dessen Mund merkwürdig aufgerissen ist. Leider kann ich mir die Motive nur im Vorbeigehen anschauen – stünde ich zu lange davor, ich bin mir sicher, dass jemand aus der Spielhalle herausgestürmt käme, um mich zur Rede zu stellen. Ich habe aus dem Vorfall mit den Bergbräustube-Leuten gelernt. 27.05.16 Bis zum heutigen Tag sind Busse folgender Firmen vorgefahren: „Reisedienst Möller“, „Reise und Transport Wissmüller“, „Scharnagel“, „Deutsch Reisen“, „Transportunternehmen Thürauf“, „Fahr mit Hoffmann“, „Reizen Pardon“ (aus Belgien), „Voyages Sales“ (aus Luxemburg), „Risse Reisen“, „Grebe Busse“ sowie „Reise Schielein“. 31.05.16 Mit den Wochen verändern sich die Busgesichter. Haben die Leute zuerst noch glücksgierig hinaus in die ihnen so neue deutsche Städtelandschaft geschaut, so haben sie sich jetzt – es wird auch Zeit, sagst Du mit leicht zu durchschauender Ironie – den hiesigen Gepflogenheiten angepasst. Müde starren sie aus den gräulich verdreckten Busfenstern hinaus. Womöglich, so Du weiter, halten sie Ausschau nach einer straßenrändigen Aufheiterung, einem Mädchen vielleicht, das mit Kreide Blumen auf den heißen körnigen Asphalt zeichnet, oder einer Familie wie aus dem Werbekatalog, mit farbigen Polos, einem Kind auf väterlichen Schultern und zu schnell schmelzendem Schokoladeneis. Natürlich lässt sich derlei nicht erspähen. Stattdessen sehen sie uns beide, einmal von vorne auf der Bank mit der Garten-Center-Werbung und einmal von hinten, wenn der Bus am Ende des Busbahnhofs gewendet hat und zurückfährt zu den ehemaligen Baracken der Army. 02.06.16 In den zweieinhalb Stunden, die ich heute am Busbahnhof verbringe, zähle ich neun Pfandsammler. Die Rentner unter ihnen, es sind vier, haben ihre Scham längst abgelegt. Sie greifen ohne Handschuhe in die Mülleimer und wühlen darin herum, so wie sie, das unterstelle ich ihnen jedenfalls, an guten Tagen über den Bodensatz tiefer Kisten fahren, auf der Suche nach dachbödigen Erinnerungen. Bei den zwei mittelalten Frauen fühle ich mich an die Tierarztsendung erinnert, die ich am Vortag auf Vox geschaut habe. Dort hatte ein Tierarzt mit grauem Schnauzer und lustigem Dialekt in den After einer Kuh gegriffen, und ich war kurz erschrocken gewesen, als sein Arm bis zur Schulter im Innern des armen Tieres verschwunden war. Nun, bei den Frauen verschwinden die Arme immerhin nur bis knapp über den Ellbogen. Zuletzt kommen im Abstand von wenigen Minuten drei Jugendliche mit Kaufland-Tüten. Keiner der neun zieht an diesem Nachmittag auch nur eine Flasche oder Dose mit Pfand aus den Mülleimern heraus. 06.06.16 Auf den sumpfgrünen Plastikstühlen vor der Bergbräustube sitzen zwei Rentnerpaare. Nachdem die Kellnerin das Essen gebracht hat, fragt eine der Frauen: Is this rice or potatoe? Sie spricht „po“ wie „Po“ aus, und nach hinten hin nuschelt sie etwas wie „Tatort“. Die Kellnerin sagt: Ja. Einer der Männer sagt jetzt: Ist das rice? Das sähe aus wie Kartoffeln, sagt die Frau. Ob die so durch ein Grobsieb gerieben worden seien, fragt der andere Mann und drückt seinen Zeigefinger tief in die fragwürdige Beilage hinein. Ja, sagt die Kellnerin. Das seien Kartoffeln. Potatoes. Ihre Englischaussprache ist wesentlich besser als die der Rentner. Der erste Mann sagt nichts mehr, der zweite steckt sich den Finger in den Mund und bestätigt, dass es Kartoffeln seien. Die Kellnerin hat sich längst weggedreht. Aber die sähen aus wie klumpiger Reis, sagt die Frau, nach wie vor etwas ratlos. Dann beginnen alle ausgiebig zu kauen, und das Gespräch erlahmt. 19.06.16 Abends sitzen wir erneut bei Mr. Wu. Wäre ich ein Politiker, ich spräche von einem historischen Durchbruch, als ich die Schweineinnereien bestelle und der Kellner meinen Essenswunsch kommentarlos entgegennimmt. Dein Bitter Lemon ist auch an diesem Abend abgestanden; Du bringst rasch den üblichen Spruch. Ich wiederum nicke etwas zu schnell, um ehrlich zu wirken. Die Innereien erinnern an ein aufgeschlagenes Ei, nur dass das Eiweiß wie Blut und das Eigelb wie ein zusammengekrampftes Kleinorgan aussieht. Später bestehe ich darauf, zweimal den gesamten Busbahnhof abzuschreiten, aber bis auf drei neue Pisslachen in den Durchgängen hat sich in den letzten Stunden nichts Erwähnenswertes verändert. 27.06.16 Am Shuttle-Spot steht auch heute wieder dasselbe Trio. Du schlägst als Bezeichnung „bibeltreue Fans“ vor. Meine Idee, sie „gottesfürchtige Konvertiten“ zu nennen, stößt bei Dir auf wenig Gegenliebe, und so begnügen wir uns damit, von „Zeugen Jehovas“ zu sprechen, obwohl wir beide wissen, dass das so nicht stimmt. Das Trio hat einen Ziehwagen voller Flyer, Broschüren und Zeitschriften dabei, wie ihn sonst nur Großmütter und Pfandsammler hinter sich herziehen. Insgesamt legen sie weder die aufrührerische Energie von linken Montagsdemonstranten an den Tag, noch die grinsebackige Penetranz von Studierenden, die einen mit ihrem Tierschutz bedrängen. Nur wenige der Wartenden nehmen ihre Flyer entgegen; die meiste Zeit stehen alle stumm im löchrigen Schatten der kranken Eiche. Es ist schwer zu sagen, wer hier eigentlich auf was wartet. 05.07.16 Die Busfirma „Schierlein“ muss vor kurzem einen wichtigen Auftrag für sich entschieden haben. Seit letztem Montag fahren täglich mehrere ihrer Großbusse vor. Bald gibt es hier, sage ich Dir und Du sagst daraufhin, Dir gefalle diese Vorstellung sehr, mehr Busse von „Schierlein“ als von „Fahr mit Hoffmann“. Dann stelle ich mir den Jubelschrei des „Schierlein“-Inhabers vor, als er die Auftragszusage erhielt. An Deinen lidverhangenen Augen erkenne ich, dass Du Dir gerade das wütende Schlucken des „Hoffmann“-Inhaber vorstellst. Die Absage zerriss er in kleine Schnipsel und warf sie nach hinten hin über die rechte Schulter. Kurz fühle ich eine schöne Verbindung zwischen uns, dann reckt sich die Sonne weiter hoch in den Himmel. 12.07.16 Auf ihren Reisen sind sie sehr ängstlich geworden. Jedenfalls sehen die beiden Backpacker verschreckt in die Bläue hinauf, dann stellen sie sich in den Schatten vor der Beauty Lounge und reiben sich mit zu viel Sonnencreme ein. Es mag sein, dass sie, wäre es gerade nicht so heiß, über sich selbst gelacht hätten. Womöglich hätten sie sich albern gefunden, wie sie dort auf einem asphaltierten Fleck im Herzen Mitteleuropas stehen und diese sahneartige Flüssigkeit auf ihre weitgereiste Haut schmieren. Doch die Hitze gesteht ihnen keine Gedankenspiele zu, und nach gut fünf Minuten treten sie erneut in die Sonne hinaus. Mit vollgesogenen Poren laufen sie an mir vorbei wie Menschen, die glauben, sich allemal für die nächsten zwei, drei Stunden in Sicherheit wiegen zu können. 24.07.16 Um die Ecke kommen drei Fahrradfahrerinnen gebogen. Sie haben ihren Pedaliertrott aufeinander abgestimmt und reden miteinander, ohne die Köpfe hin- und herzuwenden. Bestimmt radeln sie seit vielen Jahren gemeinsam durch die städtischen Straßen, hin zu Familienfeiern, Freibädern oder Lesekreisen. Jetzt passieren sie das Sonnenstudio, ihre Nackenhaare sind leicht angeschwitzt, und eine sagt: Aber das mit den Turnhallen ist trotzdem ein Problem. Unsere deutschen Kinder sind doch schon viel zu dick. 30.07.16 Zum ersten Mal überhaupt sitzen wir auf der Bank ganz vorne am Bauhaus, gleich neben dem Dixi-Klo. Du wedelst Dir mit dem kantig zusammengefalteten Gesicht Jesu Luft zu und sagst nichts. Wenn es wenigstens ein nor-maler Einkaufstag wäre. Das fast lautlose Aufgleiten der Bauhaus-Schiebetür hätte uns verlässlich davon abgelenkt, dass wir uns seit Monaten nur mehr wenig zu sagen haben. Immerhin ist das Hellblau der Klokabine eine hübsche Ergänzung zur Farbe des Himmels am Ende dieses Vormittags.

gekürzt erschienen in: [SIC] – Zeitschrift für Literatur, wurde 2016 mit dem Hans-Bernhard-Schiff-Preis ausgezeichnet

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