Kritik

Ein Labor zum Labern. Über Maryse Kriers Erzählband „Allen Ernstes“

von Samuel Hamen
Juli 28, 2016 / 0 Kommentare

Spätestens seit „loslabern“ von Rainald Goetz wissen wir, dass auch dem hemmungslosen Geschwätz eine literarische Qualität innewohnen kann. In dem 2009 erschienenen Büchlein pendelt der deutsche Autor zwischen Plauderei und Pöbelei und zieht dabei eine cholerische Sprachschneise durch die rhetorische und soziale Mittemäßigkeit dessen, was ihn umgibt. In ihrem neuesten Werk mit dem Titel „Allen Ernstes“ erkundet die luxemburgische Autorin Maryse Krier ebenfalls die Schwatzabgründe unseres Zusammenlebens. In diesem Unterfangen tendieren die zwölf satirischen Geschichten mal zum Besseren, mal zum Schlechteren.

In den in fünf Kapitel eingeteilten Erzählungen wird sich den üblichen Tücken des alltäglichen Lebens angenommen: Alter und Krankheit, Pädagogik und Politik, Ehekrach und Trägheit. Zur Veranschaulichung dieser Sujets lässt Maryse Krier ihre Figuren gleichwohl nicht artig und achtbar miteinander reden, nein, sie gibt ihr Personal einer satirischen Spirale preis, die in groteske Gags und situative Gesprächskomik mündet. In der Erzählung „Die „Qual der Wahl“ etwa folgen wir dem monomanischen Redefluss eines Politikverdrossenen, den Krier genüsslich von einem Fettnäpfchen ins nächste schubst. So sagt dieser an einer Stelle: „[A]lles hat seine Grenzen, schließlich kann man Schwulen und Lesben nicht dieselben Rechte einräumen wie normalen Bürgern, wo kämen wir denn da hin, die reinste Anarchie, das seien doch Menschen wie wir, behauptest du, also, das möchte ich nun überhört haben, Marianne, mit solchen Leuten in einen Topf geworfen zu werden, das hätte ich nicht von dir gedacht.“ Später werden noch das Herziehen über Putzfrauen und das Fabulieren über „Luxemburgs alternative Partei“, kurz: LAP, als leeres Gefasel entlarvt.

Abgesehen von derlei Wortschwallen passiert in dieser und vielen anderen Geschichten sehr wenig – in „Allen Ernstes“ geht es Krier vor allem darum aufzuzeigen, wie sich ihre Figuren um Kopf und Kragen reden. In „Ma(h)lzeit“ ist es ein Kellner, der mit seinem schmierigen Geschwätz seine Gäste traktiert, in „Zur Feier des Tages“ erlaubt sich das Geburtstagskind bei der Dankesrede einen Fauxpas nach dem anderen, und in „Eine Erregung“ beschwert sich ein Gastgeber ohne Punkt und Komma über ein grobschlächtiges Architektenpaar, das er zum Abendessen eingeladen hat. Auf die einfältig-hyperaktive Redeweise, die all diese Texte strukturiert, ist in „Allen Ernstes“ allemal Verlass: Als Leser rutschen wir rasch in den unbekümmert dahinmäandernden Textfluss hinein, und das zumeist dümmliche Gepolter der Figuren garantiert Gag um Gag.

Kriers nun schon achte Publikation schreibt sich damit in die Tradition Thomas Bernhards ein – mit dem Unterschied, weniger verbittert, dafür lustvoll babbeliger vorzugehen als der österreichische Autor. (Die zuletzt erwähnte Erzählung trägt gar den Zweittitel: „Frei nach Thomas Bernhard“.) Gewiss ist der Grat zwischen gekonnter Mache und kopistischer Masche schmal, und es passiert hier und da, dass sich die Architektur der genannten Erzählungen selbst bloßstellt und damit ihren satirischen Clou preisgibt.

Ob Maryse Krier mit „Allen Ernstes“ den waghalsigen Ankündigungen im Klappentext gerecht werden kann, steht freilich auf einem anderen Blatt. Überhaupt fiele mir schlichtweg kein Autor ein, welcher dem Versprechen nachzukommen wüsste, „de[n] Humor eines Loriot“ mit „der Ironie eines Ephraim Kishon“ zu verbinden und gleichzeitig „auf den Spuren von Jean de La Bruyère“ zu wandeln. Statt dieser Trias an Großkünstlern wäre es womöglich ratsamer gewesen, sich in der nächsten literarischen Umgebung umzusehen: Eine Reihe an Geschichten in „Allen Ernstes“ erinnert einen nämlich unumwunden an ein rezentes Werk Guy Rewenigs.

Mit „Déi bescht Manéier, aus der Landschaft ze verschwannen“ legte dieser vor gut einem Jahr einen Dialogband vor, in dem er acht Gespräche entwirft, die ob der Streitsucht und Unversöhnlichkeit ihrer Teilnehmer notwendigerweise scheitern müssen. Ganz ähnlich verfahren einige von Kriers Erzählungen, etwa „Neu-Rose“ und „Ihr Kinderlein kommet“. Hier plagt sich eine Großmutter damit herum, ihrem besserwisserischen Enkel vor dem Zubettgehen vorzulesen; dort versucht eine Ehefrau einen Therapeuten davon zu überzeugen, dass ihr Mann unbedingt von ihm zu behandeln sei. Gegenüber den rhetorischen Gefechten bei Rewenig ächzen Kriers Entwürfe aber unter ihrer kompositorischen Last. Überzeugte bei ersterem der organische wie abstruse Gesprächsfortgang, so stört bei letzterer allzu schnell die mechanische Ulkerei.

Am offensichtlichsten ist dieses um Lustigkeit bemühte Erzählen in der Fitness-Persiflage „Maßnahmen zur Überwindung des inneren Schweinehundes“. Kurioserweise eröffnet just diese Geschichte den Band. Auch wenn darauffolgende Texte, die sich der stilistischen Idiosynkrasie Bernhards hingeben, diese erzählerische Schwäche wettzumachen wissen, drängt sich mit fortschreitender Lektüre die Frage auf, ob Maryse Krier denn mit „Allen Ernstes“ überhaupt eine eigenständige und gelingende Schreibweise vorlegen kann. Oder ob sie sich nur hervorragend darauf versteht, uns mit meisterhaft bernhardesken Stilübungen zu überzeugen.

Samuel Hamen

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