Kommentar, Kritik

Eine ›Kritiche‹ von Saša Staniši?´ Erzählband „Fallensteller“

von Samuel Hamen
August 9, 2016 / 2 Kommentare

[Vorgeplänkel: Bei Sasa Staniši?´ Erzählband „Fallensteller“ ist mir erneut aufgefallen, was für eine horrende Anzahl an Kritiken produziert werden, die teilweise / größtenteils in einem publizistischen Hohlraum für und vor sich hinwabern. Wahrscheinlich übersteigen die online verfügbaren Kritiken (inkl. Blogs, Amazon & Co) sogar die Textmenge des Erzählbands. Aber wem dienen diese Texte? Den Kritikern, die sich darüber legitimieren können? Den Verlagen, die sich die besten Sprüche für ihre Presseschauen heraussuchen können? Oder dem Autor, der kompetentes Feedback bekommt? Aus diesen skeptischen Überlegungen heraus ist folgender Text entstanden, der ausschließlich aus einer Pastiche bereits publizierter Fallensteller-Kritiken besteht (= Kritiche). Ein bestenfalls schräger Text, der alle argumentativen Widersprüche, stilistischen Idiosynkrasien und divergenten Literaturauffassungen mehr oder minder erfolglos (und trotzdem produktiv) zu bündeln versucht. Und bestenbestenfalls auch ein Kommentar zum Stand der Kritik anno 2016.]

„Tja. Hatte in der Spiegel Literaturbeilage einen Auszug gelesen“[1], „[d]aher sprang mein Herz nochmal ein bisschen höher, als ich ›Fallensteller‹ im Briefkasten vorfand.“[2] „Vor mir liegt eine bunte Libelle. Sie ist abgedruckt auf einem Buch mit blau-rotem Umschlag, das auf meinem Nachttisch liegt“[3]: der gerade erschienene Erzählband von Saša Staniši?. „Während ich mich auf mein Bett lege, das Buch in die Hände nehme und die ersten Seiten aufschlage, bin ich angespannt“[4]: „Wo ist hier der Köder, wo die Falle, und wann ist man hineingetappt?“[5]

„Auf eine Inhaltsangabe der Erzählungen kann hier verzichtet werden, weil: es passiert nichts.“[6] „Natürlich kann man, wie der Verlag das in der Vorankündigung tut, nach einem gemeinsamen Grundmotiv suchen und“[7] „so etwas wie eine Resterampe“[8] vorfinden. Kurzum: „Es handelt sich um Schlachtabfall“[9], nicht um „[einen] Restposten, sondern ein Spin-off“[10], ja, tatsächlich um einem „Bonus-Track“[11]. Aber „was heißt bei einem Autor wie Staniši? überhaupt ›tatsächlich‹?“[12]

 „In jenem schelmischen Kollektiverzählungston von hohem Wiedererkennungswert“[13] gibt Staniši? „Einblick in sein Autorenhirn und offenbart damit, wie viel Stoff noch in ihm schlummert.“[14] „Hier schreibt ein Autor, der genau hinsehen kann, der sich die deutsche Sprache als Instrumentarium angeeignet hat, mit dem er die Wörter immer wieder neu mischt, konjugiert und kombiniert, so dass“[15] „[ich] es als äußerst schwer zu lesen [empfand], und leider auch ermüdend. Die Figuren kommen überhaupt nicht rüber, werden eher so holzschnittartig beschrieben aus einer Erzählerperspektive, die über allem steht.“[16] Freilich gelingt es dem Autor auch, „behutsam mit seinen Figuren um[zugehen], mit ihrer Fremdheit in der jeweiligen Umgebung, in die sie geworfen sind. Er erkennt ihre Komik, den Witz des Profanen und Alltäglichen, ohne sie bloßzustellen“[17], „und immer wieder wird alles hinterfragt bzw. dann ist es doch wieder egal, weil es doch nicht so war wie es dort geschrieben steht.“[18]

„Fast alle Geschichten […] handeln auf verschiedene Weise vom Reisen, vom Unterwegssein, von der Ankunft des Fremden, der Faszination darüber und der Angst davor.“[19] Das ist „[g]anz gut lesbar, aber mir fehlt der rote Faden.“[20] Was wir ihm nun einmal zugestehen müssen: „[N]ur ein Autor, der einst selbst vor einem Bürgerkrieg geflüchtet ist, darf überhaupt so was schreiben.“[21] Er „interessiert sich für die Außenseiter, die Scheiternden, die Ungelenken, Seltsamen. Diejenigen, die in Lebensfallen sitzen oder sich selbst hineinmanövriert haben.“[22] „Unter den jüngeren Autoren gehört Staniši? [also] definitiv zu denen, die literarisch am weitesten spucken“[23], „und immer so weiter, dass es nur nervt mit der Zeit.“[24]

„Ich wollte das Buch schon beiseite legen, war auch ein bisschen enttäuscht. Aber immerhin war es Staniši?, ich hatte ihn schon einmal live gesehen, und ich hatte seine anderen Bücher gelesen und geliebt.“ DER Staniši?, „eine[r] der renommiertesten Autoren unserer Zeit“[25], ein „Erzählmagier“[26], ein „großer Zauberkünstler“[27], „der große Zaubermeister“[28], „ein begnadeter Illusionist“[29], „[d]a legt man ein Buch nicht so einfach zur Seite“[30].

Zweite Chance: „Die Inhalte der verschiedenen Geschichten erinnern mich in ihrer Skurrilität an die von Franz Kafka oder Bruno Schulz“[31], „an die aberwitzige Bilder- und Metaphernproduktion eines Clemens Setz“[32]. „Und wenn wir schon bei Thomas Mann sind“[33]: „Hat die Illusionsgeschichte nicht etwas von Kehlmann?“[34] „Ist das nicht der demonstrativ gelangweilte, zynische, superironische Ton einer Helene Hegemann oder Ronja von Rönne?“[35] So oder so: „Hanno Buddenbrook lässt grüßen.“[36]

Was sagt der Autor zu alledem? „,Viele wenden ›Fallensteller‹ auf alle Geschichten an. Aber das sehe ich gar nicht so, ich fand das einfach den besten Titel für den Band. Aber viele Geschichten haben damit absolut nichts zu tun‘, […] sagt [Staniši?] im Brustton der Überzeugung.“[37] Autoren ist ja prinzipiell nicht zu glauben, daher ist es letztlich „nicht falsch zu behaupten, dass es in allen zwölf Geschichten um Fallensteller im übertragenen Sinne geht, um Menschen, die Fallen stellen oder die in Fallen geraten.“[38] „Allerdings erweist sich der Fallensteller nicht als Schadenstifter“[39], denn: „Staniši? selbst ist der Fallensteller.“[40] „Und man nimmt es ihm sofort ab. Saša Staniši? hat gar nichts von einem Täuscher und Trickser“[41]; „[er] versteht sich darauf, Schlingen und falsche Fährten auszulegen, um seine Leser einzufangen, […] ein unwiderstehlicher Trickser und Hütchenspieler“[42].

„Wie ein gekonnter Kostümwechsel geht das vonstatten“[43], und „[i]n der Literaturkritik herrscht Einigkeit darüber, dass dies zum einen die unglaubliche Stimmenvielfalt […] sei“[44], „andererseits aber auch routiniertes Satzflusshandwerk mit Hilfe des immer gleichen Verfahrens.“[45] „Auch platzt das Buch vor Humor, einerseits“[46], „[a]ndererseits: An Variationen von Tonfällen herrscht kein Mangel.“[47] Uneinigkeit allenthalben, und die Frage bleibt: „Der Kritiker in der Falle seiner eigenen Deutungswut?“[48] Was bleibt? „Diesen Stil muss man mögen, das ist klar.“[49] Nein, jetzt ernsthaft: „Vor Freude möchte ich das Buch in die Luft werfen, denn“[50] „[e]ine klare Meinung kann ich nicht geben.“[51]

Samuel Hamen

[1] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

[2] http://www.lovelybooks.de/autor/Sasa-Stanisic/Fallensteller-1208143692-w/

[3] http://www.litaffin.de/sprache-mut-und-zauberei/

[4] http://www.litaffin.de/sprache-mut-und-zauberei/

[5] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article155812309/Grosse-Literatur-funktioniert-wie-ein-Zaubertrick.html

[6] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

[7] http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2016/05/Sasa-Stanisic-Fallensteller.html

[8] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

[9] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

[10] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article155812309/Grosse-Literatur-funktioniert-wie-ein-Zaubertrick.html

[11] http://www.sueddeutsche.de/kultur/belletristik-mit-saa-stanii-ist-gut-traeume-pfluecken-1.3008027

[12] http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-05/sasa-stanisic-fallensteller-rezension

[13] http://www.deutschlandradiokultur.de/sasa-stanisic-fallensteller-ein-literarischer-ethnologe.1270.de.html?dram:article_id=353633

[14] http://www.litaffin.de/sprache-mut-und-zauberei/

[15] http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2016/05/Sasa-Stanisic-Fallensteller.html

[16] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

[17] http://literatourismus.net/2016/05/sasa-stanisi-fallensteller/

[18] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

[19] https://www.ndr.de/kultur/buch/buchdesmonats/NDR-Buch-des-Monats-Saa-Stanii-Fallensteller,derfallensteller102.html

[20] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

[21] https://www.taz.de/!5300879/

[22] http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2016/05/Sasa-Stanisic-Fallensteller.html

[23] http://www.sueddeutsche.de/kultur/belletristik-mit-saa-stanii-ist-gut-traeume-pfluecken-1.3008027

[24] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

[25] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/erzaehlungsband-fallensteller-von-sa-a-stani-i-14352889.html

[26] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article155812309/Grosse-Literatur-funktioniert-wie-ein-Zaubertrick.html

[27] http://www.sueddeutsche.de/kultur/belletristik-mit-saa-stanii-ist-gut-traeume-pfluecken-1.3008027

[28] https://www.taz.de/!5300879/

[29] http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-05/sasa-stanisic-fallensteller-rezension

[30] https://lobedentag.blogspot.ch/2016/06/buch-der-woche-fallensteller-von-sasa.html

[31] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

[32] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article155812309/Grosse-Literatur-funktioniert-wie-ein-Zaubertrick.html

[33] http://www.sueddeutsche.de/kultur/belletristik-mit-saa-stanii-ist-gut-traeume-pfluecken-1.3008027

[34] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article155812309/Grosse-Literatur-funktioniert-wie-ein-Zaubertrick.html

[35] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article155812309/Grosse-Literatur-funktioniert-wie-ein-Zaubertrick.html

[36] http://www.sueddeutsche.de/kultur/belletristik-mit-saa-stanii-ist-gut-traeume-pfluecken-1.3008027

[37] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article155812309/Grosse-Literatur-funktioniert-wie-ein-Zaubertrick.html

[38] http://www.kulturradio.de/rezensionen/buch/2016/05/Sasa-Stanisic-Fallensteller.html

[39] http://www.deutschlandradiokultur.de/sasa-stanisic-fallensteller-ein-literarischer-ethnologe.1270.de.html?dram:article_id=353633

[40] http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-05/sasa-stanisic-fallensteller-rezension

[41] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article155812309/Grosse-Literatur-funktioniert-wie-ein-Zaubertrick.html

[42] http://www.sueddeutsche.de/kultur/belletristik-mit-saa-stanii-ist-gut-traeume-pfluecken-1.3008027

[43] http://literatourismus.net/2016/05/sasa-stanisi-fallensteller

[44] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/erzaehlungsband-fallensteller-von-sa-a-stani-i-14352889.html

[45] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/erzaehlungsband-fallensteller-von-sa-a-stani-i-14352889.html

[46] https://lobedentag.blogspot.ch/2016/06/buch-der-woche-fallensteller-von-sasa.html

[47] http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-05/sasa-stanisic-fallensteller-rezension

[48] http://www.welt.de/kultur/literarischewelt/article155812309/Grosse-Literatur-funktioniert-wie-ein-Zaubertrick.html

[49] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

[50] http://www.litaffin.de/sprache-mut-und-zauberei/

[51] https://www.amazon.de/Fallensteller-Sasa-Stanisic/dp/3630874711

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