Kommentar

Gute Zukünfte, schlechte Zukünfte?

von Samuel Hamen
September 17, 2016 / 0 Kommentare

I. Der Fluch des Jahresrückblicks

Wir können ihn uns jetzt schon vorstellen, wie er durch sein schrill dekoriertes RTL-Studio schreiten, in seinem adretten Anzug etwas verloren herumstehen und mit seinem Welpenblick in die Kamera hineinsagen wird: „Dieses Jahr hielt für jeden etwas parat: Freude und Tränen, Lachen und Weinen.“ Wahrlich, Günther Jauch wird es nicht einfach haben im kommenden Dezember, wenn er den 2016-Rückblick moderieren wird. Wie hilfloser Hohn wird es klingen, wenn irgendwann der obligatorische Satz fallen wird: „Aber hoffen wir, dass 2017 ein besseres Jahr wird, für alle von uns.“

Und wir Zuschauer werden heimlich mitnicken, auch wenn wir ebenso heimlich längst alle Hoffnung fahren gelassen haben, dass 2017, 2018 oder 2021 tatsächlich besser werden wird. Nicht mal mehr Jauch, dem Quizmaster, der doch immer alle Antworten im Voraus kennt, nehmen wir derlei Rhetorik noch ab. Tatsächlich scheinen wir das Prinzip Hoffnung als fehlprogrammierten Denkalgorithmus ausrangiert zu haben. An seine Stelle ist ein pragmatisches Verwalten und Verharren getreten, ein Denken, das nur mehr das Risiko-Management von Gegenwart kennt. Zukunft wird immer seltener als gute Möglichkeit und immer öfter als schlechte Unwägbarkeit gedacht. Sie ist lästig geworden, weil sie Unbekanntheiten und Unsicherheiten parat hält, denen wir heute mehr als jemals zuvor aus dem Weg gehen wollen. Diese Einhegung der projektiven Perspektive findet sich natürlich insbesondere in der Politik wieder, durchdringt aber auch die Gegenwartskünste.

II. Hollywoods Aufblähungen des Immergleichen

Am 14. Juli dieses Jahres erschien Independence Day: Resurgence, exakt zwanzig Jahre nachdem sein Vorgänger Independence Day die Katastrophenikonographie des Kinos revolutioniert hatte. Es ist im zweiten Teil eigentlich wie anno damals, nur ist alles ein wenig höher, schneller, weiter. Dieselbe Alienrasse greift erneut die Erde an, erneut kämpft die Weltgemeinschaft unter Führung der U.S.A. gegen den Eindringling, erneut gibt es Stadtzerstörungen, heldenhafte Präsidenten und einen routiniert knappen Finalkampf. Überhaupt gibt es in Emmerichs Blockbuster viele erneuts; etwas cineastisch Innovatives wird uns nicht dargeboten. Die Alienmutter ist schlichtweg fünfzig Mal größer als die anderen Außerirdischen, die Invasionsschiffe nehmen diesmal keine ganze Stadt, sondern gleich den halben Atlantik ein. Die Bilderwelten dieses Scifi-Films sind variationsarme Aufblähungen des Immergleichen.

Es scheint ganz so, als wäre sich Emmerich der Produktionsschleife, in der sein Megaprojekt steckt, bewusst gewesen. In Ermangelung konzeptueller Freiheiten im System Hollywood hat er sich dafür entschieden, dem Trash zu frönen. Nach dem Motto: Wenn wir hier sowieso nur Gängiges und Vorhandenes reproduzieren, dann aber bitte mit Chuzpe und Ironie. Anderswie sind die widersinnige Handlung sowie die dämlichen Auftritte von Jeff Goldblum und Bill Pullman jedenfalls nicht zu erklären. Herausgekommen ist ein Film, der die gestalterische Ratlosigkeit seiner Zunft abgekämpft hinnimmt und sich der einzig möglichen Poetik in Hollywood hingibt: der monströsen Dehnung des Vorhandenen. Dadurch wird eine Ästhetik des Gegebenen perpetuiert, die nichts mehr wagt und jegliche utopistische Imagination in den Wind schlägt – und das in einem Kunstgenre, das essentiell davon lebt, Schmiede waghalsiger Zukunftsentwürfe zu sein.

Für heutige ästhetische Programme gilt das, was der Schweizer Romancier Lukas Bärfuss vor einigen Monaten in einem FAZ-Interview sagte, also auch und insbesondere: „Die Zerstörung des positiven Zukunftsbegriffs ist eines der zentralen Probleme unserer Zeit.“[1] Während das starre Hollywood auf diese Gefahrenlage allem Anschein nach nur mit standardisiertem Bombast reagieren kann, lassen sich ganz woanders, nämlich in der Gegenwartsliteratur, teils feinsinnige adaptive Antworten auf die Verkümmerung eines positiven utopistischen Denkens feststellen.

III. Es war einmal: Literatur als Utopie

Aber nochmal zurück: 1959 war die gefühlte Weltsachlage eine gänzlich andere. Die (Ur-)Katastrophen, die den Erfahrungshorizont der Zeitgenossen geprägt hatten, lagen hinter der Gesellschaft, nicht vor ihr. Als Ingeborg Bachmann, damals eine der wichtigsten Repräsentantinnen der jungen deutschsprachigen Gegenwartsliteratur, in Frankfurt am Main ihre Poetikvorlesungen hielt, gab sie einer davon den Titel „Literatur als Utopie“. Von ihrem gebeutelten historischen Standpunkt aus dachte die österreichische Autorin Literatur als ein Hinausdrängen in das morgig und übermorgig Gestaltbare: „So ist die Literatur […] immer das Erhoffte, das Erwünschte, das wir ausstatten aus dem Vorrat nach unserem Verlangen – so ist sie ein nach vorn geöffnetes Reich von unbekannten Grenzen.“[2] Als allerletzten Satz ihrer Vorlesung setzt sie ein Zitat des französischen Dichters René Char: „Auf den Zusammenbruch aller Beweise antwortet der Dichter mit einer Salve Zukunft.“[3]

Günther Jauch nehmen wir seine „Salve Zukunft“ kaum mehr ab. Und den Dichtern? Sie mussten in den letzten fünfzig Jahren ihre Denk- und Schreibmodi aktualisieren, um auf das zu reagieren, was sich ihre Gesellschaften noch (und nicht mehr) unter Zukunft vorstellen können. Denn wir befinden uns heute in einer auch mediengeschichtlich gänzlich anderen Zeit. Eine „Zeit“, die uns Vergangenheit und Zukunft medial auf vollkommen neue bedrängende Art konsumieren lässt. Der Literaturwissenschaftler Hans Ulrich Gumbrecht schreibt über unsere Lebenspraxis:

„Vielleicht vollzieht sich unsere Existenz heute in einer Gegenwart, die beständig breiter und komplexer wird, in einer Gegenwart, die alle Möglichkeiten der Vergangenheit aufbewahrt und nebeneinander stellt, statt sie hinter sich zu lassen, in einer Gegenwart, für die das, was Zukunft war, zur Variation des Gegenwärtigen wird, weil die Zukunft blockiert ist von schicksalhaft wirkenden […] Katastrophen, die auf uns zukommen. Was die Erinnerungen, Orte und Möglichkeiten dieser immer breiter und komplexer werdenden Gegenwart allein noch zusammenhält, aber kaum mehr strukturiert, sind die Dispositive elektronischer Kommunikation.“[4]

IV. Leif Randts „Planet Magnon“ (2015) als gesellschaftlicher Wellnessentwurf

2015 erschien der Roman „Planet Magnon“ von Leif Randt, in dem uns ein kühner galaktischer Gesellschaftsentwurf unterbreitet wird. Die Menschheit hat ein fremdes Sonnensystem kolonisiert und lebt in sogenannten Kollektiven auf Planeten wie Blossom, Cromit oder Toadstool. Das sind durchideologisierte, teils sektenhaft organisierte Gruppierungen, die weltanschaulich einen jeweils eigenen Lifestyle pflegen. Es geht um Profilschärfung und die lebenspraktische, immer gewaltfreie Optimierung seiner selbst. Ein algorithmischer Großcomputer namens „Actual Sanity“ lenkt in dieser befriedeten postdemokratischen Galaxie die Geschicke der Menschen. Die Figuren, deren Leben diese Weltsoftware steuert, haben wenig gemein mit uns Zivilbürgern; sie kümmern sich, gesättigt und gleichmütig, vor allem anderen um die eigene psychosoziale Wellness. Das Internet wurde zum behaupteten Wohl der Bewohner übrigens abgeschaltet – Gumbrechts Diagnose der wenn auch nicht omnipotenten, so doch omnipräsenten „Dispositive elektronischer Kommunikation“ lässt grüßen.

Für den einen mag sich dieses Szenario anhören wie ein reibungsloses und stressfreies Leben, wie die Erfüllung aller Silicon-Valley-Träumereien. Für den anderen klingt es wie ein unfreies Dahinvegetieren am Rande des Weltalls. Im Gespräch sagte Randt, dass für ihn die Arbeit des Schriftstellers darin bestünde, „Räume aus diffusen Emotionen heraus [zu öffnen]“[5]. „Planet Magnon“ ist ein solcher Raum, eine Art Luftloch, und beim Hineinlesen in dieses Setting glauben wir, mal zu fallen, mal zu schweben.

V. Heinz Helles „Eigentlich müssten wir tanzen“ (2015) als ästhetizistische Apokalyptik

Im vorherigen René-Char-Zitat war die Rede gewesen vom „Zusammenbruch aller Beweise“, auf die der Literat mit einer bestimmten projektiven Haltung reagiere. In seinem Essay „Probleme der Lyrik“ von 1951 geht der deutsche Lyriker Gottfried Benn von derselben Ausgangslage aus – freilich, um einen poetologisch gänzlich divergenten Vorschlag zu machen:

„Artistik ist der Versuch der Kunst, innerhalb des allgemeinen Verfalls der Inhalte sich selber als Inhalt zu erleben und aus diesem Erlebnis einen neuen Stil zu bilden, es ist der Versuch, gegen den allgemeinen Nihilismus der Werte eine neue Transzendenz zu setzen: die Transzendenz der schöpferischen Lust.“[6]

Mehr als ein halbes Jahrhundert später scheint der deutsche Autor Heinz Helle der Bennschen Kunstdefinition anheimgefallen zu sein. Mit seinem zweiten Roman „Eigentlich müssten wir tanzen“ (2015) hat er jedenfalls eine fulminante Prosa vorgelegt, welcher die Lust am katastrophischen Bild zum Schreibanlass gereicht. Vier Freunde kehren nach einem Wochenende in einer Berghütte in das Tal zurück – und finden die Welt zerstört und verlassen vor. Übrig geblieben ist nichts als zivilisatorischer Schrott, den der Autor ästhetizistisch wiederverwertet:

„In der Mitte des Tals eine Straße. Auf der Straße: Autos. Leere, stehende Autos, so weit das Auge reicht. Sie stehen alle in Richtung Talausgang, in drei Reihen, auf beiden Spuren […], sie stehen regungslos, von links nach rechts. Wir sehen uns das eine Weile an. Dann ordnen wir uns ein.“[7]

Der französische Medienphilosoph Jean Baudrillard hätte sich über Helles apokalyptischen Ästhetizismus gefreut: „Imagine the amazing good fortune of the generation that gets to see the end of the world. This is as marvelous as being there at the beginning. How could one not wish for that with all one’s heart?“[8]

VI. Dave Eggers „The Circle“ (2013) und der Traum omnipotenter Technologie

In Dave Eggers Roman „The Circle“ von 2013 tauchen wir ein in das Innere eines fiktiven Technologieunternehmens, das ähnlich wie Google oder Apple operiert. Wir folgen der Protagonistin Mae Holland bei ihrem Arbeitseintritt in diesen abgeschotteten und ideologisch sowie argumentativ eigenartigen Kosmos. Dem Circle sind Konzepte wie Transparenz und Allverfügbarkeit Losungsworte, um, so das Ziel, alle Erdenbürger demokratisch zusammenzubringen. Auch wenn wir Maes Skeptizismus teilen und uns vor der blinden Preisgabe des freiheitlichen Individualismus fürchten, so bestechen die vielen Streitgespräche zwischen Mae und ihren Vorgesetzten vor allem dadurch, dass sie die Suggestionskraft der digitalen Heilsversprechen freilegen:

„[E]veryone at the Circle there had been chosen, and thus the gene pool was extraordinary, the brainpower phenomenal. It was a place where everyone endeavored, constantly and passionately, to improve themselves, each other, share their knowledge, disseminate it to the world.“[9]

Millionen von Mini-Kameras, die immer senden? Halssensoren für Politiker, um informelle Absprachen zu verhindern?  In „The Circle“ argumentieren die Jünger des Fortschritts derart geschickt, dass wir selbst bei größtem Widerwillen hier und da nicken und uns sagen: Ja, natürlich! So und nicht anders. Dass wir darüber unser heutiges freiheitliches Gesellschaftssystem aufgeben würden, ist fast schon verkraftbar in Anbetracht der paradiesischen Zustände, die uns versprochen werden.

VI. Zukunft als Luftloch – Fallen oder Schweben?

Allen vorgestellten Romanen ist letztlich gemein, dass sie die Kategorien von Utopie und Dystopie semantisch streuen. Sie warten mit Szenarien, Dialogen und Bildern auf, bei denen wir schwanken, ob wir uns jetzt wohlig oder schaurig berührt fühlen sollen. Die Erkenntnis, dass man sich gerade in einem dystopischen Entwurf befindet, mag niederschmetternd sein. Aber um wie viel heilloser fühlt es sich an, des Wissens verlustig geworden zu sein, ob wir uns gerade in der besten oder der schlechtesten aller Welten bewegen. Diese furchterregende Ratlosigkeit propagieren alle Romane auf jeweils eigene Art: Randt mit einem gesellschaftlichen Wellnessentwurf, Eggers mit technologischer Argumentationsbedrängnis, Helle mit einer ästhetizistisch gewinnenden Bilderwucht.

Dieser kategorialen Orientierungslosigkeit unserer Zeit hat sich auch PeterLicht im Song „Das absolute Glück“ angenommen:

„Das absolute Glück,

als der allerletzte Mensch

am Rand zu stehen […],

Beine baumeln lassen in die Wärme des Weltalls

 und der letzte legt die Nadel in die Rille

und wartet auf die Stille

und jemand geht über den Rand

als der Allerletzte.“

Zu Recht fragt ein User unter dem Youtube-Video des Songs: „Wäre wohl eher schrecklich als schön, oder?“

Als Bildpendant zu Peter Lichts heiterer Melancholie böte sich, und damit hört der Zitatreigen auch auf, der letzte Satz aus Christian Krachts kontrafaktischer Dystopie „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten“ (2008) an: „Er hing ein paar Tage, dann assen Hyänen seine Füsse.“[10] In allerbitterstem (und -billigstem) Zeitzynismus ließe sich fragen: „Wäre wohl eher schön als schrecklich, oder?“ Aber, wie gesagt, so richtig unterscheiden lässt sich das  alles nicht mehr. Es bleiben die erhabenen Bilder. Immerhin.

Samuel Hamen

[1] http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/themen/lukas-baerfuss-peter-von-matt-und-sibylle-berg-14196834.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2 (zuletzt aufgerufen am: 20.08.2016).

[2] Ingeborg Bachmann, Frankfurter Poetikvorlesungen. Probleme zeitgenössischer Lyrik, München, Piper, 1980, S. 82.

[3] Ebd., S. 95.

[4] Hans Ulrich Gumbrecht, Diesseits der Hermeneutik. Die Produktion von Präsenz, Frankfurt, Suhrkamp, 2004, S. 126f.

[5] https://ltrtr.wordpress.com/2016/05/10/gespraech-mit-leif-randt/ (zuletzt aufgerufen am: 20.08.2016).

[6] Gottfried Benn, Probleme der Lyrik, in: Ders., Gesammelte Werke, Bd. 4, Wiesbaden, Klett-Cotta, 1968, S. 1064.

[7] Heinz Helle, Eigentlich müssten wir tanzen, Berlin, Suhrkamp, 2015, S. 103.

[8] Jean Baudrillard, Fragments: Cool Memories III, 1990-1995, London, New York, Verso, 1997, S. 111.

[9] Dave Eggers, The Circle, New York, Alfred A. Knopf, 2013, S. 75.

[10] Christian Kracht, Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten, München, dtv, 2010, S. 149.

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