Kritik

Mitten im Abseits. Über Philipp Winklers Erstling „Hool“

von Samuel Hamen
September 20, 2016 / 0 Kommentare

1947 veröffentlichte der Lyriker Günter Eich das Gedicht „Inventur“, das folgendermaßen einsetzt: „Dies ist meine Mütze, / dies ist mein Mantel, / hier mein Rasierzeug / im Beutel aus Leinen.“ Dies war die Stimme der deutschen Kriegsheimkehrer, derer, die nach Jahren der Gefangenschaft eine ihnen fremd gewordene Gesellschaft vorfanden, derer, die sich der einfachsten Dinge rückversichern mussten, um wieder Fuß zu fassen. Der lyrische Benennungsakt wollte diesen randständigen Stimmen Halt und Hallraum geben.

Der Roman des 1986 geborenen Philipp Winkler beginnt ähnlich lapidar mit dem Satz: „Ich wärme meinen neuen Zahnschutz in der Hand an.“ Auch hier benennt jemand die sinnstiftenden Gegenstände um sich herum; auch hier bedarf ein Ich, das uns kurz danach als Heiko Kolbe vorgestellt wird, einer klaren Sprache, um sich selbst zu erfahren und zu artikulieren. Freilich ist die von Eich geschilderte Erfahrung von Krieg und Verlust eine vielfach schlimmere – für einen Protagonisten aus einem der wohlhabendsten Länder der Welt aber wartet Heikos Biographie mit fast allen Beutelungen auf, mit denen man heutzutage eine Westler-Figur ausstatten kann.

Die Lebensumstände des in Hannover lebenden Mittzwanzigers sind mustergültig zerrüttet: Die Mutter verließ die Familie, als Heiko und seine Schwester Manuela noch klein waren, der Vater ist Alkoholiker und lebt mit der Thailänderin Mie zusammen, und nach zwei erfolglosen Abi-Versuchen hat Heiko die Schule geschmissen und arbeitet nun im Wotan Boxing Gym seines Onkels Axel. Auch die Beziehung zu Yvonne ist in die Brüche gegangen; als erbarmungswürdiger Stalker parkt Heiko nachts noch ab und zu vor ihrer Wohnung, um ihr nahe zu sein. Wirklich heiter klingt das nicht. Es nimmt unter derlei Umständen also nicht Wunder, dass der Protagonist von „Hool“ den Zahnschutz zu seinem privilegierten Gegenstand auserkoren hat.

In der Clique tragen nämlich alle Zahnschutz, um für die sogenannten Matches mit Hools, also Hooligans aus anderen deutschen Städten, vorbereitet zu sein. Auf diese penibel vorbereiteten Prügeleien arbeitet und lebt Heiko hin. Nur im Adrenalinrausch der Schläge, umgeben von seinen Kumpels Ulf, Kai und Jojo, fühlt er sich geborgen. Hool sein – das ist die randständige Rettung für Schwankende wie Heiko. Fußball oder eine radikale politische Gesinnung spielen hierfür kaum mehr eine Rolle: „Wir sind ja nicht oft im Stadion. Ist einfach nicht mehr der Ort für unsereins.“

Der Erstling von Winkler, der diese Woche im Aufbau-Verlag erschienen ist, ist in gewissem Sinne ein entscheidungsträchtiger Roman. Entweder lassen wir uns vorbehaltlos ein auf Heikos Geschichte und laben uns an der literarischen Verfügbarmachung des abseitigen Hool-Milieus. Das dialektale Gebrabbel einiger Figuren, die Vulgärsprache (es wird sehr viel gepisst und noch mehr geschissen), die mafiösen Verstrickungen des Onkels sowie die selbstverständlichen Gewaltexzesse – die überausgestellte Karg- und Derbheit dieses Soziotops ist uns braven Lesern wohlig fremd. Dank Winklers übersichtlicher Prosa können wir es nun aber leichtfüßig und konsumistisch begehen.

Oder aber wir prüfen den Roman daraufhin, inwiefern es ihm gelingt, seinen Gegenstand sprachartistisch zu erfassen und zu durchdringen. Nicht der Realitätsgehalt von „Hool“ ist dann ausschlaggebend, sondern dessen Transferkompetenz, mit der eine „tatsächliche“ Realität (wenn es denn so etwas gibt) in sprachliche Wirklichkeit und Eigenständigkeit übertragen wird.

Leser, die sich für das Entweder entscheiden, kriegen mit „Hool“ gut lesbare Milieu-Literatur an die Hand, die zuverlässig unsere momentane Leselust für das Authentische bedient. (Stefanie Sargnagel, Karl Ove Knausgård, Benjamin von Stuckrad-Barre und Clemens Meyer lassen grüßen.) Jene aber, die sich für Romane als Sprachkunstwerke und weniger als Realitätscontainer interessieren, dürften sich schwertun mit den etwas mehr als 300 Seiten. Das stilistische Bemühen um figürliche Authentizität etwa steht sich immer wieder selbst im Weg. Mal denkt und spricht Heiko in biederstem Bildungsdeutsch („alter Haudegen“, „anpflaumen“), mal referiert er darüber, wieso „der Schiss so ein mieser, dreckiger und keine schöne aalglatte Wurst“ wurde.

Andere Romane der letzten Monate beweisen, wie es auch bzw. anders geht: Jakob Nolte mit „Alff“, Jan Snela mit „Milchgesicht“ oder Teresa Präauer mit „Oh Schimmi“. Aus einer tolldreisten Sprachmaîtrise schälen sich dort aberwitzige und kühne Weltentwürfe heraus, die auf ihre Weisen allesamt ein Stückchen näher sind an unserer Jetztzeit als Winklers stilistisch letztlich harmlose Realitätstreuherzigkeit. Aber, wie gesagt, man kann sich bei „Hool“ auch fürs Entweder entscheiden. Die Jury des Deutschen Buchpreise macht es vor.

Samuel Hamen

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