Kritik

Wer spukt am weitesten? Über Christian Krachts Roman „Die Toten“

von Samuel Hamen
September 23, 2016 / 0 Kommentare

Dass sich Christian Kracht am großen Prosastilisten Thomas Mann orientiert, wissen wir spätestens seit seinem Roman „Imperium“ von 2012 – und es scheint, als könne der Schweizer Autor seine Griffel einfach nicht vom Nobelpreisträger des Jahres 1929 ablassen. Mit „Die Toten“ legt er jedenfalls einen Roman vor, der sich stilistisch und motivisch einem der schillerndsten Texte Manns annähert und sich ihn zu eigen macht: Gemeint ist die 1913 erschienene Novelle „Der Tod in Venedig“.

Neben dem Titel sind es teils scheinbar achtlos hingesetzte Details, welche diese schriftstellerische Nähe anzeigen: Hier wie da setzen die Erzählungen im Mai und mit Verweis auf heftige Regengüsse ein; hier wie da reisen zwei wankelmütige Künstler an fremde Orte, um ihre artistische Arbeit voranzutreiben; hier wie da legen die Protagonisten zwar am Ende maßgebliche Kunstwerke vor, erkaufen diese geniale Hervorbringung aber mit der Erschlaffung der eigenen Existenz.

Aber der Reihe nach: Erzählt werden die Biographien zweier Männer, des Japaners Masahiko Amakasu und des Schweizers Emil Nägeli. Ersterer ist ein so eleganter wie abgebrühter Ministerialbeamter, der in Japan für die Förderung der heimischen Kinokultur zuständig ist, letzterer ein mutloser und fahriger Filmregisseur aus der Schweiz, der nach Umwegen über Skandinavien und Berlin für den Dreh eines Gruselfilms nach Japan reist. Dort erwartet ihn bereits seine Verlobte Ida, die eine Affäre mit ebenjenem Amakasu begonnen hat.

Die scharfsinnig arrangierten Szenerien, die Kracht uns in seinem fünften Roman darbietet, stammen aus den grellen Jahren Anfang der 1930er, einer Zeit, an deren Rändern das kommende Grau bereits schlierig aufflackert. Über allem liegt zudem, einer historischen Dunstglocke gleich, die Atmosphäre einer Dekade, in der die Kinobranche an menschenverzehrendem Größenwahn litt und sich dazu anschickte, unsere Seh- und Denkgewohnheiten radikal zu verändern. Als quirlige Staffage treten in „Die Toten“ dann auch historische Persönlichkeiten auf wie der jüdische Medienphilosoph Siegfried Kracauer, der Direktor des UFA-Filmimperiums Alfred Hugenberg sowie der Star des Stummfilms, Charlie Chaplin, den Amakasu auf dessen historisch belegter Japanreise 1932 kennenlernt.

Seinem Personal bringt Kracht eine Art einsichtige Zuneigung entgegen, und die kleinen und großen Peinlichkeiten, mit denen er es traktiert, wirken wie behutsam gesetzte Schnitte, durch die der Autor seine Figuren die Brutalität einer sinnentleerten Welt spüren lässt. Egal, ob Nägeli nach dem Scheitern seines Gruselprojekts kopfscheu wird und durch die japanische Wildnis irrt, ob Ida als erfolglose Schauspielerin in Hollywood zugrunde geht oder ob ein besoffener Chaplin Amakasu dazu nötigt, vom Dampfer in den Pazifik zu springen – die Protagonisten sind Kracht stets kümmerliche Statisten, die er in liebevoller Nachsicht auftreten lässt, damit sie seinen bizarren Geisterreigen vorantreiben.

Tatsächlich versteht sich Kracht in „Die Toten“ ohnegleichen darauf, sein medienhistorisches Aperçu mit Elementen der Künstlernovelle sowie der Spukgeschichte anzureichern. Mit schlafwandlerischer Stilsicherheit gelingt es ihm, aus Menschen Geister zu machen, aus Körpern Schatten und aus Klarheit Zittern. In „Die Toten“ gibt es keine Wirklichkeit, die uns Lesern Halt böte. Der Textraum ist vielmehr zugestellt mit Spiegelkabinetten, Schattenwänden und Simulakren. Das, was uns auf dieser Bühne unterhaltsamster Künstlichkeit erscheint, ist der transzendentale Abglanz unserer Leben, schwebend vorgebracht von Figuren, denen jegliche körperliche, emotionale, ja, insgesamt existenzielle Souveränität abgeht. Nicht umsonst beißen Amakasu und Nägeli ständig auf ihren Fingerkuppen herum: Vor unseren Augen verzehren sie sich selbst in schaurigen, oftmals gewaltdurchsetzten Bildern, die in einem erzählerischen En-passant-Modus vorgeben, nichts weiter bewirken zu wollen – und deswegen alles leichthin darzustellen wissen.

Nun ist Krachts Prosa auf autoritäre Weise selbstbezogen. Sie lässt keinen Widerspruch zu, weder seitens der Leser noch der Figuren, und setzt ausschließlich sich selbst in ihr Recht. Mit einer sadistisch-ästhetizistischen Mutwilligkeit stattet der Autor beispielsweise Nägeli, Amakasu & Co.  mit blümeranten Adjektiven aus: Mal ist die Rede von „hellblondgeschraubten Locken“, mal von einem „weißbehandschuhten Offizier“. Manchen ironiebefindlichen Lesern mag das pomadig vorkommen – nur übersehen sie in ihrer eilfertigen Süffisanz gerne, dass Kracht mit seiner Stilokratie ein sehr ernstes Geschäft betreibt und längst die lahme Dichotomie zwischen ironisch und unironisch hinter sich gelassen hat. Die „zerfurchten, unmißverständlich scharfen umbrafarbenen Felsen“ sind, so nervig das sein mag, nunmal beides: Kitschamüsement und Deskriptionsernst.

Dementsprechend ist „Die Toten“ gegenüber Manns „Der Tod in Venedig“ auch Arschtritt und Verbeugung zugleich. Um mal eine Ausflucht im wilden Zitieren zu suchen:

„[A]lles ist wahr und zugleich erfunden, an der Realität meßbar, aber gleichwohl ins Hochartifizielle übertragen, eigenständig und unverwechselbar in der Dialektik von Nachahmung und parodistischer Aufhebung des Imitierten mit Hilfe jener hermetischen Allvereinigungskunst, auf die er sich, wahrscheinlich, als Letzter, verstand.“

Diese analytische Wuchtbrumme stammt von Walter Jens – und hat Thomas Manns Prosa zum Gegenstand. Für „Die Toten“ müssen wir wenig ändern, nur die Apodiktik, Mann sei der letzte seiner Art gewesen, gilt es zu streichen.

Wie die Geschichte ausgeht? Nun, die Toten des Titels sterben nicht. Wie auch? Sie waren ab der ersten Seite dieses kompositorisch verschwenderischen Romans bereits tot. Kracht hat sie  zweihundert Seiten lang durch seinen Vexierkasten gescheucht, um aus ihnen Literatur zu machen. Die zwei hintersinnigen Annahmen des Romans lauten nämlich: Nur durch und in der Kunst ist Wahrheit zu erlangen. Zugleich tötet jede gelingende Kunst ihren Gegenstand ab, indem sie ihn zur Darstellung bringt. Der Spuk wird also kein Ende nehmen. Und die Künste, darunter das Kino und die Literatur, bringen die bange Geisterwelt, die uns derart bestürzt und belebt, letztlich nicht zum Verschwinden, sondern überhaupt erst in all ihren fassungslos schönen Gräueln hervor.

Samuel Hamen

vgl. auch das Dossier zu Krachts Lesung in Luxemburg auf 100komma7.lu, inkl. einigen Antworten auf Publikumsfragen

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