Kommentar

Ausflug in den Betriebszoo. Literatur, ihre Kritik und deren Kritik

von Samuel Hamen
Oktober 3, 2016 / 0 Kommentare

Bilden Sie mal einen Satz mit … Ein Dichterwettstreit, so heißt das gute Buchstück, das Robert Gernhardt mit Klaus Cäsar Zehrer 2005 herausgegeben hat. Als hätten beide geahnt, dass eine gewisse Literaturkritikerin auch mehr als zehn Jahre später nicht zu umgehen ist, kommt an einer Stelle der Imperativ: „Bilde mal einen Satz mit ›Heidenreich‹!“ Und die Antwort? Wir finden sie hübsch vorgetragen von bärtigen Männern in Hawaiihemden vor dritteprogrammreduzierter Kulisse, die man durchaus als hässlich bezeichnen könnte:

„Der Papst empört sich und wird bleich / Sankt Elke macht die Heiden reich.“ Das hätte Elke Heidenreich wohl nicht gedacht, in einem Buch vom großen Gernhardt auftauchen zu dürfen und es sogar in Jürgen von der Lippes Sendung Was liest du? zu schaffen. Übrigens: Der dicke Germanistikstudienabbrecher neben dem Germanistikstudienabbrecher von der Lippe heißt Jochen Malmsheimer und ist im Zoo des Literaturbetriebs das nimmersatte Walross der gehobenen deutschen Sprache in der Sparte Comedy und Dummes Zeuch.

Keinen Studienabschluss zu haben und trotzdem gut im Fach Wort zu sein, das macht auch anderen fernsehaffinen Affen Mut. Dafür wurde Frau Heidenreich wegen ihres Auftritts bei der Schweizer Literatursendung Literaturclub sogar die Ehre zuteil, von Frau Sibylle mit ein paar arroganten Sätzen bedacht zu werden:

„Pöbeln sieht man ja noch ganz gerne, aber – was berechtigt die wackere Frau eigentlich dazu, eine junge Schriftstellerin zu beleidigen? Moment, ich google das für sie: Soso, Frau H. hat mal ohne Abschluss etwas studiert. Das ist fürwahr ein Qualitätsnachweis, der geeignet scheint, über ungefähr ein Jahr unbezahlter Arbeit eines anderen Menschen zu urteilen. Ein Studium ohne Abschluss habe ich auch. Und biete mich jetzt direkt einigen Sendern als Ozeanografie-Kritikerin an.“

Das passierte aber erst, nachdem sich die NZZ über Heidenreichs harsche Kritik an einem Buch aufgeregt hatte. Aufgeregt hatte sich auch Jürgen Kaube in der FAS über Denis Scheck bei Druckfrisch. Der hatte Crystal „Meta-Autor“ Krachts neuen Roman in den Himmel und darüber hinaus gelobt. Und auch Ijoma Mangold bekam sein Wohlstandsbauchfett dafür weg, dass er beim Rindertatartalk im Brokatmilieu keine Erkenntnisse über Die Toten gewinnen konnte. Immerhin, die SZ spielte mit offenen Karten und meinte meinen zu müssen, man müsse „hier erst mal mit dem Mann beginnen, um zum Werk zu kommen.“  Literaturkritik und Literaturkritikkritik heute.

Früher hätte man einfach auf den unstudierten Ehrendoktor und Papsttitel tragenden Marcel „Ich habe Recht“-Ranicki gehört. Heute warten alle in Wahrheit nur auf den Maximalbiller. Die Chancen, dass er sich des Falles annimmt, stehen gar nicht so übel, denn Kracht veröffentlicht bei Kiepenheuer & Witsch und das Quarktäschchen musste sich schon dem Vorwurf ausgesetzt sehen, am liebsten Bücher von Kiepenheuer & Witsch zu besprechen.

Versucht wird ja so einiges im seriösen Geschäft der Bewegtbildbuchkritik: Druckfrisch, Lesenswert, Literaturclub, ErLesen. Nur gelesen wird selten. Weil aber genau das, die Leselust, in von der Lippes Sendung an erster Stelle stand, war Was liest Du? so gut. Es kamen zwei oder drei Leute zusammen und lasen sich vor, bis man sich vor Lachen bog, statt sich zu balgen, bis sich die Balken biegen. Präteritum und Präsens: Die eine Sendung wurde 2010 abgesetzt, dafür findet Scheck immer noch jedes Buch geil und erschrickt bei sämtlichen Antworten seines Gastes wie ein Eichhörnchen, wenn es blitzt. Und Westermann ist immer so berührt und Biller findet’s scheiße und Weidermann hat eine seltsame Frisur und knallblaue Sneakers.

Nun berichtet Der Spiegel, der Buchpreis würde in Zukunft auf „kesse Frisuren“ verzichten und trotzdem nicht so bieder wie einstmals werden. Wie jetzt? Ist das schon die vorläufige Absage an Weider- und Westermann? Ein Buchpreisträger, nicht ausgewählt von Kritikern? Eigentlich eine ganz schöne Vorstellung.

Denn es gilt: Stoppt dieses Standgasgebläse! Genug der hyperventilierenden Literaturbetriebsamkeit! Dabei hilft natürlich nur und ständig die Partei Die PARTEI. Sie fordert völlig richtig und zu Recht: „Inhalte überwinden“. Und genau das ist die Lösung für alle literaturkritischen Probleme unserer Zeit. Denn fairer geht’s wirklich nicht: 0 Inhalt, nur noch: Zahlen, Daten, Fakten. Und ab dafür: Von den ganz, ganz vielen hierzulande veröffentlichten Büchern (ca. 14.000 Belletristikneuerscheinungen pro Jahr) landeten 20 mit insgesamt 6162 Seiten auf der Longlist des Deutschen Buchpreises. Das genügt als „ein Fenster, das die Sicht auf die gesamte zeitgenössische Literatur eröffnet“, wie Heinrich Riethmüller, der oberste Kopf des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels e. V., schrieb. Ein Dachlukenfensterchen, aber gut. Aus diesem Stäpelchen hat die 7-köpfige Juryhydra nun wiederum 6 Bücher auf die Shortlist gesetzt. Oder die 14 anderen von der Liste gestrichen, wie man’s nimmt. Übrig geblieben sind die „besten“ deutschsprachigen Bücher des Jahres 2016. Das wäre also der gute und tolle und irre Abfall für alle.

„Ein Roman ist ein Stück Prosa von mindestens 300 Seiten, das die ganze Welt umfaßt.“ So schrieb es Götzimausi, wie Christine Westermann ihren ehemaligen WG-Mitbewohner gerne nennt, in seinem Abfalleimer. Damit wären bei der Shortlist nur 2 richtig fette Romane dabei, wobei sich andere auch nur knapp über die Romangrenze gerettet haben mit ihren 304, 310, 352 und 384 Seiten. Die haben damit aber nicht mehr Chancen, denn im Schnitt sind die Bücher dieser Shortlist mit 297 Seiten wirklich short – besonders im Vergleich zum letztjährigen 817-Seiten-Witzel. Auch bei den Titeln wurde alles weggekürzt und rausgekickt, was zu lang war. Für manchen manisch-depressiven RAF-Fan mag da eine Lücke, eine entsetzliche Lücke klaffen. Nicht jedoch für den feschen und frischen Mangold vom Literaturmarkt. Der beklagte vor allem das Fehlen von Kracht auf der Longlist, der Shortlist und generell und sowieso. Dafür müsste Widerfahrnis aber gewinnen, alleine schon wegen dem Titel. Ein kleiner Schritt in die richtige Richtung der Inhaltsignoranz.

Vermutlich steckt da aber eine Verschwörung hinter: Ein Schreibschulenschüler (Winkler, Hildesheim) und eine Frau (Schmidt, 64) sind genug. Außerdem war die Steinbeck mit ihren zarten 26 nicht nur wirklich etwas jung, sondern hat auch noch das kürzeste Buch mit dem längsten Titel geschrieben. Da wollte die Jury sich vermutlich nicht an irgendeiner psychologischen Kompensation beteiligen. Dafür sind doch die heidenreichen Kritiker da. Deswegen ist aber kein Schweizer mehr dabei. Dafür noch zwei von einstmals drei Österreichern, darunter standesgemäß ein Kaiser, nämlich der Kaiser-Mühlecker, und die Eva Schmidt. Hans Platzgumer steht mit seinem Buch Am Rand nun ebenda. Frau Schmidt steht beim einzig vertretenen österreichischen Verlag Jung und Jung unter Vertrag, ist zwar gar nicht jung, hat aber das kürzeste Buch der Shortlist geschrieben: 212 Seiten. Am jüngsten mit 30 Lenzen ist der Schreibschulenabsolvent mit dem kürzesten Titel: Hool. Der älteste von allen ist immer noch dabei: Bodo Kirchhoff, 68, hat das zweitkürzeste Buch geschrieben. Erstaunlich: keine Verbindung zwischen Alter und Länge. Vermutlich kommt es wirklich auf die Technik an. Das Durchschnittsalter der besten SchriftstellerInnen des Jahres beträgt 47,3 – so alt wie André Kubiczek gerade heute ist oder überübermorgen sein wird. Der hat aber 90 Seiten zu viel geschrieben, um auch mit seinem Buch voll in die Mitte zu treffen. Schade eigentlich. Sein Name klingt so integrativ. Man kann sich nun also entscheiden, ob man lieber junges Zeuch liest, oder was Langes, was Männliches oder halt doch Christian Kracht. Oder vielleicht, mal was ganz anderes, irgendwas von irgendeinem auf der Liste der Preisträger des Kasseler Literaturpreises für grotesken Humor. Oder einen anderen Großaussteiger. Arno Schmidt sticht Sibylle Berg: „Wenn ein neues Buch erscheint, lies du ein altes.“

Leonard Adams

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