Kommentar

Das Großvorhaben Literatur. Über die Lust an und die Notwendigkeit von Kritik

von Samuel Hamen
Oktober 12, 2016 / 5 Kommentare

Im deutschsprachigen Feuilletonbetrieb ist Kritik an der Kritik ein etabliertes und gelegentlich überstrapaziertes Korrektiv- und Innovationsmoment. Vor wenigen Tagen veröffentlichte beispielsweise Roman Bucheli in der NZZ den Artikel „Den Kannibalen fallen die Zähne aus“. Die im Artikel erwähnte Literaturzeitschrift delirium reagierte ihrerseits auf Buchelis recht knochige Polemik. Ein hübscher autoimmuner Kreislauf von der Infizierung bis zur Impfung. Und wir können sicher sein, dass sich die Literaturkritik auch nach der Verleihung des Deutschen Buchpreises in wenigen Wochen über sich selbst beugen wird, um zu gucken, wie gelenkig sie im Geiste noch ist.

Über diese Nabelschau wird ständig geklagt. Die Kritik sei narzisstisch, ignoriere gesellschaftliche Entwicklungen und beobachte ihren eigenen Zerfall mit dekadent lustvoller Ratlosigkeit. Der Sündenkatalog der Kritik enthält immer wieder dieselben zwei Punkte: Entweder frönt sie einer abwegigen Artistik und nimmt sich und die Literatur zu ernst, ohne Spaß denken geschweige denn erlesen bzw. erschreiben zu können. Oder sie spielt in unbekümmert marktaffiner Heiterkeit das Werbespiel der Verlage mit und ist scheuklappenartig ständig entzückt, begeistert oder sprachlos vor Staunen.

Wir, die wir in die mal kuscheligen, mal kratzbürstigen Decken eines ausdifferenzierten Feuilletonbetriebs eingemummelt sind, vergessen schnell, dass eine nervige Ausdifferenziertheit besser und toller und anregender ist als ihr Gegenteil. Wer wissen will, wie Literatur und ihre Kritik auf einem kaum bestellten Feld aussehen, in einem Diskursraum, der nur spärlich von einem Kritikbewusstsein durchdrungen ist, der wende sich einfach nach Westen. Nicht zu weit, nicht nach Frankreich oder Belgien, sondern in den Landzipfel, der dazwischen gequetscht wurde: Luxemburg.

Auch wenn es ein spannendes Unterfangen wäre, en détail die Zustände der Literaturkritik in Luxemburg darzustellen, möchte ich mich im Folgenden damit begnügen, ein kürzlich stattgefundenes „Debattchen“ nachzuzeichnen. Sozusagen der niedliche wie durchschaubare Versuch des Kindes, sein Tretauto neben dem Audi vom Vater zu parken.

Nicht in Literaturpapst-, sondern in Moses-Manier begann der Radio- und Facebookkritiker Jérôme Jaminet die Diskussion. In der renommierten Kultur- und Politikzeitschrift Forum veröffentlichte er über zwei Ausgaben hinweg seine „zehn literaturkritischen Gebote“. Sie lesen sich folgendermaßen:

3. Du sollst klar und deutlich urteilen. Es gehört ohne Zweifel zu den schwierigeren Aufgaben des hiesigen Kritikers, sich der Befangenheit in der Beurteilung zeitgenössischer Luxemburgensia zu erwehren, denn ist er nicht gerade mit dem Autor verwandt, verschwägert oder freundschaftlich verbunden, so wird er ihm zumindest des Öfteren begegnen.

Jedoch, es lässt sich nicht ändern: Man muss wahrhaftig bleiben und mit dem Mut zur Zuspitzung unmissverständlich urteilen. Das gilt auch und gerade, wenn ein Buch nichts taugt. Dann heißt es, Samthandschuhe abgelegt und ordentlich zugepackt, denn, wie schrieb bereits der alte Fontane: ›Schlecht ist schlecht und es muss gesagt werden!‹ Es wäre unangebracht, sich aus falsch verstandener Höflichkeit und Rücksichtnahme hinter einem Gestrüpp aus Phrasen und verschleiernden Ausdrücken zu verschanzen. Nein, der Kritiker muss nicht, wie Walter Benjamin meinte, vernichten können, aber er muss entschieden und eindeutig werten.

Sehr gut gemeint, sehr dröge formuliert. (Kurze bourdieu-verseuchte Beobachtungsmutmaßung: In einem Feld wie dem luxemburgischen Literaturbetrieb, dessen Positionierungen und Aktionsmöglichkeiten und -restriktionen durch historische Tiefe und Breite nicht sonderlich ausgeprägt sind, lässt sich Zeug ganz anders behaupten als in ausdifferenzierten Milieus. Schriebe jemand wie Jaminet in einer bekannten deutschen Kulturzeitschrift, ich würde nicht wissen wollen, mit wie viel Häme darauf reagiert werden würde.) Nun, auch auf dem luxemburgischen Acker gab es Reaktionen. Die Kulturjournalistin Valerija Berdi schrieb in der vorletzten Ausgabe des Forum:

Die zehn Gebote – eine archaische Auflistung teilweise moralinsaurer, pseudo-pädagogischer Regeln, wobei die Hälfte der Gebote der individuellen Selbstbestimmung widersprechen und Unterwürfigkeit fordern – und gerade den Literaturbesprechungen sollen Imperative aufgezwungen werden, die bei Nichtbeachtung womöglich bestraft werden? Natürlich mag Jerôme Jaminet diese Verordnungen provokativ, vielleicht auch ironisch meinen, doch der Inhalt und die Sprache werden mit solch einem Bierernst auferlegt, dass auch nur der kleinste Gedanke an Humor sich beim Lesen verflüchtigt.

Berdis Argumentation wiederum schlug – als Reaktion verständlich – in die entgegengesetzte Richtung aus. Keine Gebote, sondern Freiheit: „Gute Literatur ist lebendig, vielfältig, überraschend und unterhaltend, und sie ist vor allem frei. Das ästhetische Empfinden ist, trotz aller definierten Grundlagen, subjektiv, Freude am differenzierten Lesen soll gefördert werden, aber nicht mit Geboten, denn diese brauchen weder die Literatur, noch die KritikerInnen“.

Was bleibt da noch zu sagen? Die Pole sind abgesteckt, die Hüpfburg zum kritischen Rumtoben ist aufgeblasen. Aber nein, wie immer können Ergänzungen, Zurücknahmen und Erweiterungen als Rattenschwänze an die Texte drangeklebt werden. (Zweiter Fanboy-Bourdieu-Kommentar: Die Kritik in Luxemburg muss überhaupt einmal durch Debatten, Verwerfungen, Austauschmomente und Polemiken hindurch, damit bestimmte Positionen im Feld herbeigeschrieben, ausformuliert, besetzt und umkämpft werden können. Für ausländische LeserInnen mag das öde und die Wiederholung des Immergleichen sein; für den Haufen literaturaffiner Player in Luxemburg wiederum ist es bestenfalls der Anfang von irgendetwas Schönem und Produktivem, etwas, was beispielsweise in Deutschland längst gängig und deswegen als Systemstruktur unsichtbar ist.)

Daher also zwei Zusätze meinerseits. Erstens: Ich glaube nicht, dass es in Luxemburg so etwas wie eine ausgeprägte literarische Öffentlichkeit gibt, einen Diskursraum also, in dem alle Akteure, egal ob Leser, Autor, Verleger oder Kritiker, zusammenkommen, um über ihr Medium, die Literatur, und seine gesellschaftlichen Funktionen zu debattieren. Das ist zwar schade, aber weiter keine Katastrophe. Literatur wird auch in Ermangelung eines solchen Resonanzraums immer ihre Raison d’être haben. Und Literaturbegeisterte finden irgendwie auch immer zusammen, vielleicht tut sich hierzulande die kleine Schar nur etwas schwerer damit.

Wenn Jaminet seinen Geboten die Prämisse zugrunde legt, es gäbe eine solche Öffentlichkeit, die bloß mit Engagement und Expertise zu (re)aktivieren bzw. auszuweiten wäre, dann mutet das auf ehrenwerte Weise größenwahnsinnig an. 2500 Likes bei „Facebook“ sind keine literarische Öffentlichkeit, sondern eine (treu)lose Community. Ebenso wenig bilden die Besucher der „Walfer Bicherdeeg“ (Mini-Mini-Pendant zur FBM) eine kritische, neugierige und passionierte Leserschaft, der es in erster Linie um die Literatur in Luxemburg ginge. Das lässt sich recht einfach an der verschwindend geringen Zahl derer ablesen, die in Walfer den Lesungen der AutorInnen beiwohnen.

Gelingende Literaturkritik setzt, wie ich finde, auch nicht den Leser in sein Recht, ebenso wenig den Autor, den Verlag oder gar den Kritiker, sondern einzig und allein die Literatur selbst. Sie schert sich, wenn denn überhaupt, erst zweitrangig um die Erziehung irgendeiner Leserschaft oder die Unterstützung der AutorInnen. Man entschuldige die etwas schwirbelige Wortwahl, aber: Gute Kritik arbeitet primär dem diffusen wie grandiosen Projekt „Literatur“ zu. Vielleicht lässt sich diese oftmals ideelle Unternehmung mit dem Speisen einer kollektiven Daten-Cloud vergleichen: Man weiß zwar nicht so recht, wem man wohin welche Dateien schickt, aber die Gewissheit, das Großvorhaben Literatur mit eigenen Gedanken, Argumenten und Texten zu unterstützen, reicht allemal aus, um mit Spaß am Lesen und Schreiben weiterzumachen.

Zweitens: Berdis Feststellung, die Literatur sei frei, ist natürlich zuzustimmen. Was ließe sich auch dagegen sagen? Es geht KritikerInnen hoffentlich auch niemals darum, diese Freiheit willkürlich und eigenmächtig durch kunstrichterliche Urteile einzuschränken. Was diese Feststellung aber zugleich impliziert: dass es AutorInnen ebenso freisteht, verqueren, manipulativen und intelligenzarmen Stuss als Belletristik auszugeben und derart das Label „Literatur“ zu missbrauchen.

Und schlechte Bücher dieses Schlags können durchaus gefährlich sein. Erinnerungsliteratur etwa, die historische Ereignisse in viel zu enge Konstellationen presst und so tut, als seien die Gräuel der Geschichte in adjektivisch überausgestatteten Bildern auflösbar, die LeserInnen dann nur noch als bloßes Konsumgut zu „verschlingen“ haben. Oder engstirnige Gesellschaftsromane, die standardisierte Lebensentwürfe für Mann und Frau so lange propagieren und perpetuieren, bis die Leserschaft lebenspraktisch verarmt. Irgendwann wird sie sich dann gar nicht mehr vorstellen können, anders zu denken und zu leben als es ihr in derlei reduktionistischen bis reaktionären Sozialschmonzetten vorgeschrieben wird.

Solche Art Literatur soll nicht durch eine zwanghaft gutmütige Kritik mit dem Hinweis auf die Freiheit der Literatur abgenickt werden. Sie sollte auch nicht von BloggerInnen legitimiert werden, deren Metierverständnis dadurch geprägt ist, dampfende Teetassen neben Bücher zu stellen und Fotos dieser streichelzooartigen Art des Lesens zu twittern. Erwähnte Literatur sollte mit den publizistisch begrenzten Mitteln der Kritik als das benannt werden, was sie tatsächlich ist: textuelles Machwerk, das übersimple, ja, falsche Lebens- und Denkaxiome in Buchform packt.

Im besten Falle ist eine gelungene Kritik sprachlich und argumentativ dann auch derart überzeugend und unterhaltend, dass sie ein mieses Buch leichthin entlarven kann. Für mich gilt: Kritik sollte Büchern, Kulturprodukten insgesamt, Kommentare als Bedrängnis und kontextuell erweiternde Herausforderung zur Seite stellen. Dadurch werden gute Bücher immer gewinnen – und schlechte immer verlieren.

Samuel Hamen

kmmtr

5 Kommentare

  • Gunter Klotz

    Sehr geehrter Herr Hamen, es mag Sie ehren, dass Sie den luxemburgischen Literaturbetrieb die Leviten lesen. Ja, eine Literatur um der Literatur willen mag idealistisch gesehen viel attraktiver sein, als eine Kritik um der Kritik willen. Trotzdem sollten Sie, da sie auf Bordieu rekurrieren, auch die sozialen wie materiellen Verhältnisse von Kritik berücksichtigen. KritikerInnen des Typus „verkanntem Autor“ werden zumeist von Zeitungen bezahlt, leben von der Resonanz eines zumeist besser gestellten Bildungsbürgertums und müssen entsprechende Milieus bedienen. Hingegen haben die beflissenen „Buchanimateure“ aus der „Haus und Garten“- oder “ Generation Spaß“-Rubrik ein Lebensgefühl zu vermarkten, das sich gegenüber Verlagen und Werbeagenturen entsprechend in bare Münze über setzen lässt. Freiheit im Umgang mit Literatur wie auch das Trennen von „Spreu und Weizen“ braucht deshalb auch einen gewissen sozialen Wert, der sich in finanzierten Stellen oder Arbeitsstunden ebenso niederschlägt, wie Budgets und Kulturförderung. Nur mit diesen zusätzlichen Aspekten lassen sich sowohl Hofberichterstattung als auch Krümelkritik verhindern.

    • Sehr geehrter Herr Klotz,

      eigentlich wollte ich niemandem bösartig die Leviten lesen; womöglich hat die Polemiklust mich davongetragen … gut, dass Sie die soziale Stellung derjenigen, die mitmischen, erwähnen. Und auch hier würde ich ein Spezifikum eines kleinen Betriebs geltend machen: Es gibt in Lux. kaum freie AutorInnen – ich kann tatsächlich nur zwei Autorinnen nennen: Nora Wagener (http://norawagener.lu) und Nathalie Ronvaux. Alle anderen Player sind zumeist StaatsbeamtInnen (zum großen Teil LehrerInnen und MinisterialbeamtInnen), RentnerInnen oder Leute im Unibetrieb. „Reine“ LiteraturkritikerInnen, die nebenher nicht irgendwie auch anders journalistisch oder sonstwo tätig sind, gibt es nicht. Das sind also durchweg andere sozio-materielle Verhältnisse als in D oder FR oder sonstwo. Aber, und vllt. habe ich das nicht genügend herausgestellt im Text, ich würde diese Beobachtungen nicht als unveränderbare Strukturdefizite bewerten, die a) ausschließlich als negative / hemmende / unterentwickelte Elemente zu denken sind und sich b) nicht durch eine – in L gerade massiv stattfindende – Professionalisierung sowie eine zielgerichtete Kultur- und Sprachenpolitik ändern lassen können. (Die kulturpolitische und gesellschaftliche Valorisierung des Luxemburgischen wäre nochmal ein anderer und sehr wichtiger Punkt, über den man sehrsehr lange sprechen könnte.)

      Auch die jetzige Situation ist sehr spannend; auf keinen Fall möchte ich den gemütlichen kulturkritischen Rückzug auf die Metapher der „Literaturprovinz L“ einleiten, der einen dazu verleitet, jeden Roman aus L als notwendigerweise schlechter als irgendein Pendant aus den Nachbarländern zu bewerten. Und doch muss eine faire Beschreibung der momentanten Zustände auch die Jetzt-Defizite benennen, um sich realistisch&fair aufzustellen für die zukünftigen Entwicklungen im Betrieb, die sooderso passieren werden.

  • Jonathan Schaake

    In Luxemburg kann es keine literarische Öffentlichkeit geben, die mit der deutschen (oder französischen) vergleichbar wäre. Genauso, wie es dort keine Fußball-Nationalmannschaft geben kann, die mit der deutschen (oder französischen) vergleichbar wäre. Dazu ist das Land einfach zu klein. Sicher hat es viele Vorteile, ein sehr kleines Land zu sein. Auf die intellektuelle (wie athletische) Varianz wirkt es sich aber negativ aus.

    • Sehr geehrter Herr Schacke,

      einen 1:1-Abgleich würde ich auch nicht anstellen wollen; der deutsche Betrieb lässt sich wahrscheinlich nicht mal mit einem ähnlich großen Betrieb wie dem französischen vergleichen, ohne dass auf beiden Seiten Eigenheiten beiseite gelassen/geschoben werden müssten .. vielleicht war der Tretauto-Audi-Vergleich etwas zu schnell&einfach gedacht&geschrieben. Was ich aber nach wie vor gelten lassen will: dass Kritik² auch auf allerkleinstem Raum stattfinden kann (und in L halt noch nicht so ausgeprägt ist) und sie nicht auf Öffentlichkeiten beschränkt bleiben muss, die eine bestimmte Quantität&Qualität erreicht haben. In dem Sinne finde ich den Intro-Verweis auf die NZZ gerechtfertigt … dass ein kleiner Betrieb Vorteile besitzt, ist ein guter Punkt, das zeigt sich u. a. an der methodischen Ausrichtung der (noch sehr jungen) Luxemburgistik-Studien, die nie die Möglichkeit hatten, im Schlack des Kanons stecken zu bleiben bzw. von den Wucherungen des Konzepts „NATIONALliteratur“ behindert zu werden. Sie arbeiten stattdessen mit Begriffen wie „transkulturelle Literatur“ (was bei einem Grenzgängerland (wie L es ist) nahe liegt), „small literature“ oder „world literature“. Womöglich gewährt eine solch Greenhorn-Geschichte dem Fach eine Uptodate-Methodik, zu der sich etwa die Germanistik erst noch durchringen muss … was wären andere Vor- und Nachteile?

    • Und um dem Argument „Kleinheit“ ein wenig den Wind aus den Segeln zu nehmen: das Beispiel Island. Gut im Fußball & in der Literatur (Ehrengast der FFer BM 2011), bei 330.000 Einwohnern. (Lux hat etwas mehr als eine 1/2 Million.)

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