Kommentar, Kritik

The Ecstasy of Christian Kracht. Eine ›Kritiche‹ zu „Die Toten“

von Samuel Hamen
Oktober 17, 2016 / 1 Kommentar

[Vorgeplänkel: Nach der ersten Kritiche (Kritik + Pastiche) zu Sasa Staniši?´ Erzählband „Fallensteller“ sprach mich ein Freund an und meinte, das Format gewinne an Prägnanz, wenn man die Zitatnachweise wegließe. Die Kritiche sei vielmehr ein gutes Instrument, um die Aalglattheit des Feuilletonstils offenzulegen – und nicht die divergenten Lektürekriterien- und stile aller möglichen Rezensenten.

Seine These: Alle KritikerInnen lesen sich nahezu gleich, markante Unterschiede sind nicht (mehr) auszumachen. Mir fallen tatsächlich nur Dietmar Dath und David Hugendick ein, die einen singulären Schreibgestus haben. Könntet ihr SZ-Müller von FAZ-Wiele von ZEIT-Porombka unterscheiden? Bei den vielen Kritiken ist es wie im Kühlregal: Ehrmann oder Landliebe oder Weihenstephan – wir ahnen, dass alle Joghurts gleich schmecken, gönnen uns aber das Luxuszögern der Wahlberechtigten.

In diesem Sinne ist die folgende Kritiche der Versuch einer praktischen Überführung. Tatvorwurf: Das Feuilleton klingt und spricht und denkt zumeist identisch. Dementsprechend lassen sich Sätze und Absätze aus den Kritiken ohne nennenswerte (d. h.: bedeutungsverändernde) Umstellungen zu einem neuen kohärenten Text zusammenstellen. Das Ergebnis: die synaptische Textbündelung des Großhirns „deutschsprachiges Feuilleton“. Unfrewillig beteiligt sind: SZ, NZZ, Zeit, TAZ, FR, FAZ, Welt, Spiegel und Tagesspiegel. Am Textende findet ihr den Zitatschlüssel.]

The Ecstasy of Christian Kracht

Jetzt ist es also doch wieder passiert. Christian Kracht, der Autor der deutschen Gegenwartsliteratur, der sich am hartnäckigsten konkreten Fragen zu seinen Büchern zu entziehen scheint (sogar seine Lesungen finden in der Regel kommentarlos statt), steht schon wieder turmhoch vor seinem Buch. Man darf also Methode vermuten. Denn welcher Schriftsteller, der wirklich nur sein Werk sprechen lassen wollte, ließe die Berichterstattung mit einem Vorab-Fernsehinterview in den Hollywood Hills (in der ARD bei Denis Scheck) beginnen? Und mit einem Vorab-Zeitungsporträt, aufgezeichnet bei Rindertartar im Züricher Café Odeon, in dem einst auch schon James Joyce und Italo Svevo verkehrten (im Feuilleton der Zeit)?

Im Fernsehen ähnelt Christian Kracht dem Helden seines neuen Romans „Die Toten“: Emil Nägeli, Schweizer wie er, bloß kein Schriftsteller, sondern Regisseur. Wie Kracht da im durchaus nicht mittelmäßigen Licht Kaliforniens steht, an einer verwitterten Baustelle über den Dächern von Los Angeles, könnte er ein Schauspieler sein, der sich bei einem Casting um die Rolle von Nägeli bewirbt, für die Verfilmung des eigenen Romans.

Über Nägeli heißt es, ihm „gingen die hellblonden Haare aus, sowohl über der Stirn als auch am Hinterkopf; er hatte begonnen, sich eine langgewachsene Strähne von der Schläfe her seitwärts über die so verleugnete Glatze herüberzukämmen; um das unmerklich weiter erschlaffende Doppelkinn zu verbergen, hatte er sich einen Vollbart wachsen lassen, den er sich, über das Resultat enttäuscht, eiligst wieder abrasiert hatte; die faltigen dunkelblauen Augenringe, die früher nur morgens im Spiegel erschienen waren, verringerten sich jetzt tagsüber nicht mehr“. Das ist etwas drastisch, eine Übertreibung der tatsächlichen Verhältnisse. Im Roman schafft es Nägeli auch nie nach Hollywood – „ihm sagte dieses kulturlose Land wenig“, wie Kracht schreibt. Der Autor lebt dort immerhin.

„Die Toten“ – so heißt auch die letzte Erzählung von James Joyce – hat etwas von einer Farce, einer Historienspielerei und -klamotte mit vielen realen Nebenfiguren wie Charlie Chaplin, Heinz Rühmann, Siegfried Kracauer, Lotte Eisner, Alfred Hugenberg oder Ernst Hanfstaengl. Dreh- und Angelpunkt ist ein Film, den Nägeli als quasi Ersatzdeutscher und „langweiliger Schweizer“ für die deutsche Filmindustrie in Japan drehen soll. Die Japaner haben, in Person des Ministerialbeamten Masahiko Amakasu, der zweiten Hauptfigur, die Deutschen darum gebeten, „Fachleute“ zu schicken – und einen berühmten deutschen Filmregisseur, um zwischen Tokio und Berlin gegen die Übermacht des amerikanischen Films eine „zelluloidene Achse“ zu bauen. Nägeli wird sich dieses Projekt von der UFA verschwenderisch subventionieren lassen und sogleich zu Dreharbeiten nach Japan fahren. Zurückkommen wird er aber mit etwas anderem: einer Aneinanderreihung von „schwarz-weissen, stumm flackernden Szenerien“, die den gleichen Titel trägt wie das Buch, das Nägelis Geschichte erzählt: „Die Toten“.

In der ersten Hälfte des Romans führt Kracht allerdings zunächst seine beiden Hauptfiguren ein – wie es sich für einen Roman, der im Filmmilieu spielt, gehört: in einer Art Parallelmontage. Der Schweizer und der Japaner, sie sind typische Kracht-Figuren, einerseits fasziniert vom Konsequenten, Krassen, zum anderen aber höchst sensibel und feingliedrig. Man spürt die Zärtlichkeit des Autors für seine Geschöpfe, die beide an ihren Vätern leiden und sich an ihren jeweiligen Nationalcharakteren abarbeiten. Zwischen denen gibt es eine erstaunliche Verbindung, die Amakasu an Nägelis (fiktivem) Film „Die Windmühle“ auffällt, „eine einfache Geschichte aus einem kargen Schweizer Bergdorf, die in ihrer langatmigen Erzählweise“ an japanische Regisseure erinnere. Nägeli sei es gelungen, „innerhalb der Ereignislosigkeit das Heilige, das Unaussprechbare aufzuzeigen.“

Das Japan, in dem sich die beiden Hauptfiguren dann auf Seite 167 endlich begegnen, steht selbst an einer Zeitenwende: Junge Militärs ermorden den Premierminister, die zivile Macht erodiert, der Modernisierungsschub des Landes wird gebremst. Zugleich hat er aber bereits das traditionelle Japan dauerhaft ins Hintertreffen gebracht, jene „Hochkultur, die es versteht, sich gleichzeitig hochartifiziell sowie unter größter Natürlichkeit zum Ausdruck zu bringen.“ Am Ende des Buchs, auch das sei hier verraten, versucht Amakasu nach Hollywood zu fliehen. Dort gerät Ida auf Abwege, die kinematografischen, literarischen und wirklichen Toten werden eins, der Kreis schließt sich, und die amerikanische Darstellung von Gewalt hat die fernöstliche, mit der das Buch beginnt, ersetzt.

Zu den Besonderheiten von Christian Krachts neuem Roman gehört unter anderem diese hier: Die Erzählung folgt der dramaturgischen Struktur des japanischen No-Theaters. Was das bedeutet, erklären die Figuren selbst: „Das Essentielle am No-Theater sei das Konzept des jo-ha-ki?, welches besagt, das Tempo der Ereignisse solle im ersten Akt, dem jo, langsam und verheißungsvoll beginnen, sich dann im nächsten Akt, dem ha, beschleunigen, um am Ende, dem ki?, kurzerhand und möglichst zügig zum Höhepunkt zu kommen.“ Und diese Regeln hält der Roman auch mustergültig ein.

Narrative Konventionen hat Kracht zwar auch in seinen früheren Romanen sichtbar gemacht, allerdings bislang eher im Modus der Aneignung: Sein erster Roman „Faserland“ war im Grunde ein Bret-Easton-Ellis-Roman, der in der BRD spielte, „1979“ eine angespitzte Version von James Hiltons „Lost Horizon“, sein dritter Roman „Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten ein Medley aus Motiven von Philip K. Dick und Joseph Conrad, und sein international bislang erfolgreichstes Buch, „Imperium, lieh sich den Stil von Thomas Mann und das deutsche Kolonialismus-Setting von Otto Ehlers’ Reisebericht „Samoa“. In diesem Sinne ist „Die Toten“ sein bislang unabhängigster Roman. Er variiert kein Vorbild mehr, sondern steht auf eigenen Füßen. Er steckt sein Feld selbst ab. Das ist eine unbedingt gute Nachricht.

Allerdings muss auch noch etwas zum Stil des Erzählens gesagt werden, denn wenn man nur die an sich schon reichen und verwirrenden Inhalte berücksichtigte, hätte man doch das Wichtigste noch nicht erwähnt. Der Popliterat des Generationenbuchs „Faserland“ (1995) ist längst bei einem ridikülisierten Dandy-Stil der vorvorigen Jahrhundertwende angekommen. Es gibt sie noch, die kostbaren Worte. Kracht schreibt nicht „morgens“ sondern „des Morgens“, er schreibt „ihm träumte“, er liebt Wörter wie Trottoir oder Firmament, und es kommt vor, dass jemand „sotto voce aus einem verfaulten, obsidianfarbenen Gebiss“ spricht oder ein „Bouquet von Exkrementen“ erschnüffelt.

Verstörend wird dieser Stil, wenn er mit dem Grundkonzept des Romans zusammenwirkt: nämlich mit der Ästhetisierung des Schrecklichen. Der Stich in die Eingeweide des Selbstmörders zu Beginn lässt eine Blutfontäne auf eine „unendlich zart getuschte“ Bildrolle spritzen; der über Bord Geworfene, der am Ende des Romans unrettbar im Ozean treibt, vernimmt noch sterbend in den Wellen ein „versunkenes Oszillieren“, ja das „Meistergeräusch dieses Planeten“, während sich über ihm „in atemlosem Blau das endlose Geschenk des Himmels“ spannt.

Darf man so beschreiben, wie einer übelst krepiert? Dass der Dandy seine Coolness am besten an Entsetzlichem bewährt, indem er auch ihm noch ästhetische Haltungen abgewinnt, ist als Antwort wohl nicht erschöpfend. Die Herausforderung einer Ästhetik des Grauens ist von Baudelaires programmatischem Gedicht „Une Charogne“ („Ein Stück Aas“) bis zu den Filmen Quentin Tarantinos keine geringere geworden. Kracht ruft diese Ästhetik in seinem Roman nicht nur thematisch auf, durch die Bezüge auf Horrorfilme und japanische Rituale, sondern er gibt ihr auch eine Stimme, nämlich die seines Erzählers.

Heraus kommt ein raffinierter Realismus, der nicht auf eine repräsentative Wiedergabe der historischen Wirklichkeit abzielt, sondern mit den medialen Repräsentationen dieser Wirklichkeit sein mal frivoles, mal elegisches und öfters auch grausames Spiel treibt. Heraus kommt, mit anderen Worten: Kunst. Eine Kunst freilich – und 20 Jahre Kracht-Rezeption belegen das zur Genüge –, die alle irritieren muss, die Literatur (und ihren eigenen Umgang damit) mit Identitätspolitik verwechseln. An Eigentlichkeits-Angeboten mangelt es nicht. Krachts Text ruft sie in ihrem ästhetischen Potenzial auf und relativiert sie wieder, ohne sie zwangsläufig der Lächerlichkeit preiszugeben.

Vielleicht ist dies überhaupt der Kern von Krachts Prosa: dass an jeder Stelle, in jedem Satz, vielleicht in jedem Wort die anderen Stimmen mitsprechen, die ironischen oder besorgten Gegenstimmen, die Stimmen der Toten. Ist es nicht bezeichnend, dass die Kritik diese Form nicht-banalen Erzählens lange Zeit nur als Ironie-Problem verhandeln konnte, nach dem Motto: Meint der Autor das jetzt ernst oder nicht, und nervt das nicht allmählich? Als ob zwischen Setzung (A = A) und Zersetzung nicht das ganze Reich der Fiktion läge!

„Drei Deutsche ohne Deutschland“ heißt eine der irrsten Schlüsselpassagen in den „Toten“. Der jüdische Filmkritiker Siegfried Kracauer, Lotte Eisner und Fritz Lang fahren im Nachtzug aus dem „gräßlichen, blutigen, von Fleisch (und im spezifischen von Wurst) morphologisch geprägten Berlin“ heraus. Sie betrinken sich im Speisewagen. Vor den Fenstern huschen Dörfer vorbei, „wie vom Rauschen der Eisenbahn lediglich im Vorüberfahren befruchtete Bienenstöcke“. Kracht lässt – ist das nun ironisch oder schiere Perfidie? – ausgerechnet die vor den Nazis ins Exil flüchtende Lotte über das „magische Raunen“ des deutschen Waldes herziehen. Sie schwelgt – ex-negativo – von der „druidischen, heidnischen Kraft“, von „Hirschkönigs Siegeskraft, welche die Dekadenz der Lateiner überwinden könne“, dem „moosigen Druck der Erdkrume Germaniens und dessen Urwäldern aus Eiche“. Dagegen sei der französische Wald „frei vom teutonischen Gestammel um den deutschen Boden“.

Tja, womöglich hat man das größte Vergnügen mit den „Toten“, wenn man beim Lesen bereit ist zum mittleren Oszillieren. Wenn man also zulässt, nicht einfach nur souverän, distanziert zu lesen, sondern sich eher so hin- und herschwingen zu lassen zwischen Ironie und Ernst, zwischen Ästhetizismus und Albernheit, zwischen literarischem, cineastischem und zeitgeschichtlichem Spezialistentum und mutwilliger Fahrlässigkeit, zwischen Historischem und Fiktivem, Brüchen und der Heilung von Brüchen, zwischen dem Spielen eines Spiels und seiner Sabotage. Kein geborener Fabulierer ist da am Werk, sondern ein feierlicher Nivellierer, ein fast zwanghafter Veruneindeutiger. Symbole sind bedeutsamer als die Dinge selbst. Genau das ist die Poetik von Christian Kracht.

 Jonathan Schaake

Schlüssel zum Text:

“The Ecstasy of Christian Kracht”: vgl. Jonathan Lethem, The Ecstasy of Influence. A plagiarism, http://harpers.org/archive/2007/02/the-ecstasy-of-influence/?single=1

„Jetzt ist es also doch wieder…“ bis „…Im Fernsehen“: Jens-Christian Rabe, Christian Kracht zelebriert die hohe Kunst der Uneindeutigkeit, http://www.sueddeutsche.de/kultur/neuer-roman-die-toten-christian-kracht-zelebriert-die-hohe-kunst-der-uneindeutigkeit-1.3151838

„ähnelt Christian Kracht dem Helden…“ bis „…Der Autor lebt dort immerhin.“: Jan Küveler, Ganz großes Daumenkino, https://www.welt.de/print/welt_kompakt/kultur/article157946314/Ganz-grosses-Daumenkino.html

„’Die Toten‘ – so heißt auch…“ bis „…eine ‚zelluloidene Achse‘ zu bauen“: Gerrit Bartels, So, wie es niemals gewesen sein wird, http://www.tagesspiegel.de/kultur/die-toten-von-christian-kracht-so-wie-es-niemals-gewesen-sein-wird/14509150.html

„Nägeli wird sich dieses Projekt…“ bis „…das Nägelis Geschichte erzählt: ‚Die Toten‘.“: Philipp Theisohn, Der das Böse sieht, http://www.nzz.ch/feuilleton/buecher/christian-krachts-roman-die-toten-der-das-boese-sieht-ld.115984

„In der ersten Hälfte des Romans…“ bis „…unter größter Natürlichkeit zum Ausdruck zu bringen.'“: Felix Bayer, Ein Schweizer im Grauen, http://www.spiegel.de/kultur/literatur/christian-kracht-roman-die-toten-ein-schweizer-im-grauen-a-1111328.html

„Am Ende des Buchs, auch das…“ bis „…mit der das Buch beginnt, ersetzt.“: Carl von Siemens, Blumen aus Fleisch und Blut, https://www.welt.de/print/die_welt/kultur/article158040595/Blumen-aus-Fleisch-und-Blut.html

„Zu den Besonderheiten von Christian Krachts neuem Roman…“ bis „…Das ist eine unbedingt gute Nachricht.“: Felix Stephan, Der fernöstliche Diwan, http://www.zeit.de/kultur/literatur/2016-09/christian-kracht-die-toten-rezension

„Allerdings muss auch noch etwas zum Stil des Erzählens…“ bis „…auch eine Stimme, nämlich die seines Erzählers.“: Jan Wiele, Auf Sushimessers Schneide, http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/rezensionen/belletristik/rezension-zu-christian-krachts-roman-die-toten-14417841.html

„Heraus kommt ein raffinierter Realismus…“ bis „…nicht das ganze Reich der Fiktion läge!“: Moritz Bassler, Zwischen Setzung und Zersetzung, https://www.taz.de/Archiv-Suche/!5335976&s=christian+kracht/

„’Drei Deutsche ohne Deutschland‘ heißt eine…“ bis „…französische Wald ‚frei vom teutonischen Gestammel um den deutschen Boden‘.“: Sabine Vogel, Krachts deutschnationaler Mythenmuff http://www.fr-online.de/literatur/christian-kracht—die-toten–krachts-deutschnationaler-mythenmuff,1472266,34717960.html

„Tja, womöglich hat man das größte Vergnügen…“ bis „…das ist die Poetik von Christian Kracht.“: Jens-Christian Rabe, Christian Kracht zelebriert die hohe Kunst der Uneindeutigkeit, http://www.sueddeutsche.de/kultur/neuer-roman-die-toten-christian-kracht-zelebriert-die-hohe-kunst-der-uneindeutigkeit-1.3151838

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