Kritik

Lyrischer Unsicherheitsdienst. Über Adrian Kasnitz‘ Gedichtband „Glückliche Niederlagen“

von Samuel Hamen
November 25, 2016 / 1 Kommentar

In „Glückliche Niederlagen“ sind stets Mängel am Werk. Immer wieder übermannt den Sprecher in den Gedichten die Gewissheit, Dingen nicht auf den Grund gehen zu können, weil die Wörter ihm letztgültig nicht ausreichen. In „Havel“ heißt es: „Auf dem Wasser bewegen sich / Schatten von Vögeln, die du orten // aber nicht bestimmen kannst.“ Und im Tourismus- und Reisepoem „Tivoli“ wird dem Leser wenige Seiten zuvor dargeboten, wie schnell die Verbindungslinien zwischen Ich und Welt gekappt werden können: „Wo immer wir hinschauen, ist es schwierig / eindeutig zu bestimmen, was das war / was wir sehen, was das war, was wir anfassen.“

Allein: Es lässt sich gut und vor allem schön leben in dieser Mangelwirtschaft. Es gilt nunmehr, sich zu arrangieren mit der Beschränktheit des Menschen, seinen Unzulänglichkeiten und Abschweifungen. Hierfür lässt der 1974 geborene Kasnitz eine intime Dialogsituation in Kraft treten. Der Sprecher in den insgesamt 63 Gedichten wendet sich immer wieder einem Du zu – mal zweiflerisch, mal verliebt, mal schutzbedürftig. So entstehen Eindrücke, so volatil wie stimmungssüchtig. Ein weiteres Flussgedicht, „Bis zur Memel“, endet mit den Versen: „Und manchmal scheint es / als ob du noch eine Nacht bleiben könntest. / Der Trug ist größer und am Ufer gibt es / nichts, das wir anfassen könnten.“

„Glückliche Niederlagen“ verhandelt, wie wir beständig daran scheitern, unsere mehr oder minder weltläufigen Erfahrungen dingfest zu machen. Statt dieses Unvermögen zuungunsten der Kunst auszulegen, gelingt es Kasnitz auf so eindringliche wie behutsame Weise, schön zu scheitern. In den Blick geraten dem Lyriker bei diesem Unternehmen die verschiedensten Topographien: die städtischen Brachlandschaften, die europäischen Küstenregionen von Belgien bis Griechenland, die Hügel- und Gebirgszüge mit „diesem kleinen fiesen Mittelgebirgsregen / der die Jacke tränkt“.

Die leidige Frage, inwiefern Gedichte als engagierte Polittexte zu handhaben seien, streift der bereits sechste Gedichtband von Kasnitz unaufdringlich und adäquat. Zuletzt sind mit „Die Sprache von Gibraltar“ (Björn Kuhligk) oder „ich bin ein Feld voller Raps verstecke die Rehe und leuchte wie dreizehn Ölgemälde übereinandergelegt“ (Ulrike Almut Sandig) zwei Gedichtbände erschienen, die aktuelle Gesellschaftsthemen explizit zum Gegenstand ihrer Verse machen.

Gerade bei Lyrik besteht die Gefahr, das ästhetische Gebilde, das ein Gedicht vorrangig ist, allzu rasch einem Allerweltsgeplapper preiszugeben, um sich derart als versifizierte Form der Tagesthemen feilzubieten. Aber auch bei derlei heiklen Fällen vertraut Kasnitz zu Recht auf die Eingängigkeit seiner lyrischen Bildbestände, die Breschen zu schlagen wissen in unsere selbstgenügsame Alltagsheiterkeit. Das letzte Terzett des Gedichts „Oostende“ lautet: „Heimlich stehlen wir uns zu den rettenden Booten / die auf so Leute wie uns nur warten. Später dann / die fröhliche Fahrt. Auf dem Meer wird gekichert.“

Samuel Hamen

kmmtr

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