Kritik

Wie kommt das Falsche in die Welt? Über Tomer Gardis Roman „broken german“

von Samuel Hamen
November 18, 2016 / 0 Kommentare

Es ist so einfach wie selbstgefällig, Klugscheißer zu sein: Nein, das heißt nicht so. Nein, das spricht man anders aus. Nein, nach „wegen“ kommt Genitiv und nicht Dativ. (Was so auch nicht stimmt.) Was der Spezies Klugscheißer bei ihren Ereiferungen selten aufgeht: dass sie durch ihre Vorgabe, wer was wie zu sagen hat, Macht ausübt. Dass die Norm, die sie als gültig einsetzt, immer eine Ausgrenzung an den Rändern bedingt. Diese Norm besagt: Wer anders spricht als ich, spricht falsch. Und dieser Andere hat sich gefälligst zu integrieren, anzupassen und glattbügeln zu lassen.

Vielleicht ist das gleich zu Beginn als Trumpf des Romans „broken german“ zu nennen: Das Buch des israelischen Autors Tomer Gardi nötigt den Kritiker dazu, nicht in die Sphären ästhetischer Hudelei abzudriften; stattdessen nagelt er ihn auf dem Boden sprachpolitischer Macht und Ohnmacht fest. Benennen wir also die in Berlin lebende jüdische Hauptfigur Radili als das, was sie ist: ein Sprachaussätziger, ein linguistisches Hinkebein, ein Kommunikationsklotz. Er ist zugleich der Erzähler der Geschichte, und wie der Romantitel es bereits nahelegt, spricht Radili nicht unbedingt jenes Hochdeutsch, das wir aus germanistischen Lektürekursen der Uni Hannover kennen. Es klingt vielmehr so:

„Radili Anuan. Dunkelbraun Haare, schwarze Augen, schlank. Wenn nervös oder unsicher stottert. Lieblingsbier leider Jever. Egal wie viel er es übt, schaft er es nicht das Jever genau auszusprechen. Im Kneipe deshalb kriegt er viel zu oft dann ein Hefe. Jever ist Radili Anuans Lieblingsbier aber ein Hefe schmeckt ihm nach saueren Spuck. Magensaft.“

Radili kehrt nach seiner Kindheit, die er bereits teilweise in Deutschland verbrachte, als junger Erwachsener aus Nahost nach Berlin zurück. Dort lernt er Studierende einer linken WG kennen, mit denen er ein Filmprojekt realisiert; er trifft sich mit seinen Freunden Amadou, Fikert und Jamal im „Call Shop“, wo sie sich über die Tücken des Deutschen auslassen; immer wieder berichtet er von dem schwierigen wie witzigen Verhältnis zu seiner Mutter. Gleich zu Beginn erzählt er jene Episode, wie er als Dreizehnjähriger von Skinheads verfolgt wurde und sich daraufhin ein Klappmesser kaufte. Jenes Messer zieht sich wie das Motiv der Krähe durch den gesamten Roman.

Es geht Gardi um Störung einer unnachgiebigen Glattheit, um das Eindellen und Einkerben, um das Aufbrechen und Aufrauen der deutschen Sprache. Einer Sprache, anhand derer Kategorien wie „richtig“ und „falsch“, „gut“ und „schlecht“ dingfest gemacht werden – und anhand derer Inklusion und Exklusion betrieben wird. Für die meisten Menschen ist Sprache ob ihrer Alltäglichkeit nahezu spur- und spürloser Teil ihres Lebens. Die Lektüre von „broken german“ hilft, ein Gespür dafür zu entwickeln, wie frei bzw. unfrei Sprache machen kann.

Im Klappentext des Buches heißt es, dass „broken german“ „ein ganz normaler, übermütiger und ungenierter Großstadtroman“ geworden wäre, hätte Gardi sich nicht für seine randständige Literatursprache entschieden. Das ist nun auch die erzählerische Schwachstelle des Werks: Es ist über weite Strecken hinweg ein gängiger Berlin-Roman, mit seinem hoffnungslos verliebten Jungpersonal, mit seiner abgasgesättigten Anonymität und seinem biersüffigen Übermut in der Kneipe „Zum roten Faden“, der immer wieder zu skurrilen Situationen führt. Was ebenso recht schnell ermüdet, sind die postmodernen Tüfteleien, welcher Erzähler sich nun hinter welcher Schattenwand befindet, und die penetranten Hinweise auf die poetologische Absicht hinter dem Text, derer der Leser gar nicht bedarf.

Und wenn der Kritiker sich doch einmal in die Sphären ästhetischer Kleinkariertheit begeben darf: Die Falschheit ist nicht konsequent durchgezogen. So schreibt der Erzähler ein Wort an einer Stelle so nieder, wie er es hört („geendärt“), wenige Zeilen vorher hat er das gleiche Wort noch korrekt schreiben können. An anderer Stelle scheitert er an einem sehr einfachen Wort („dammit“), später glänzt er mit der korrekten Schreibweise von „Sperrholz“. Diese Aussetzer stören nicht weiter; sie zeigen lediglich auf, dass „broken german“ wie jedes andere Werk einem künstl(er)ischen Programm folgt – auch wenn der Roman vorgibt, authentisches Abbild sprachlicher Realität zu sein.

Der erste ist dementsprechend auch der einzige Trumpf von „broken german“. Aber wie viele Ässe muss ein einzelnes Werk überhaupt aus irgendwelchen Ärmeln hervorziehen? Dass der Roman den Muttersprachaktivisten und Integrationswütigen aufzeigt, wie schnell Sprache zum unschicklichen Disziplinierungswerkzeug verkommen kann – diese literarische Leistung sollte eigentlich eine breite Rezeption von Gardis Roman befördern. (Auch und gerade in Luxemburg, wo gerade aufgrund einer Sprachpetition über den Mehr- bzw. Überwert des Luxemburgischen gegenüber den „anderen“ Sprachen diskutiert, polemisiert und gestritten wird.)

Samuel Hamen

[zuerst erschienen in der Literaturbeilage „Livres – Bücher“ des „tageblatt“]

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