Kritik

Das Gegenteil von intakt. Über Margret Steckels Erzählband „Ins Licht sehen“

von Samuel Hamen
Januar 30, 2017 / 0 Kommentare

Das kürzlich vorgestellte Rifkin-Dossier weissagt Luxemburg eine großartige Zukunft: Die Menschen sind hypermobil, die Umwelt ist geleckt und sauber, jedes Dach glänzt solaranlagenfarben. Alles ist grün und gut. Das Dossier ist ein Beispiel für das erste Narrativ unserer Zeit, ein prächtiger Entwurf von Mensch und Welt, der willig von Politikern jeder Couleur aufgegriffen wird. Aber es gibt auch eine Erzählung, die eine andere, nämlich negative Form der Pracht entfaltet, ein Narrativ, das nicht vor kapitalistischer Zukunftslust strotzt, sondern sich der Gram und der Verlorenheit des Menschen im Jetzt zuwendet.

Mit ihrer neuesten Veröffentlichung, „Ins Licht sehen“, hat sich die Autorin Margret Steckel dieser zweiten Erzählung unserer Zeit angenommen. Gewiss: Das Rifkin-Dossier ist eine ökonomische Studie, Steckels Erzählband eine literarische. Gleichwohl ist beiden gemein, dass sie aufzeigen, wie ihre jeweiligen Urheber den Menschen betrachten und bewerten, was sie ihm zutrauen und was sie ihm vergönnen. Bei Steckels nun schon zwölfter belletristischer Publikation seit ihrem Debüt 1989 ist das Vertrauen in eine gelingende Lebensführung stark erschüttert. Ja, Rifkins Zukunft würde bei den hoffnungsarmen Figuren in „Ins Licht sehen“ kaum auf Begeisterung stoßen.

Ergiebig ist in den Erzählungen des bei „capybarabooks“ erschienen Bandes nur die Einsamkeit, tröstlich nur der Suff, produktiv nur die Beschwörung einer erkalteten Vergangenheit. In „Der Schotte“ etwa begleiten wir eine Witwe dabei, wie sie die Asche ihres Mannes in ein schottisches Küstendorf bringt, um es dort dem Wind anheimzugeben. Und in „Tschutscho“ stößt eine Spanienreisende auf einen streunenden Hund und nimmt ihn als Souvenir gegen das Alleinsein mit ins kalte Kerneuropa – um ihn am Ende mit Lug und Trug doch wieder loszuwerden.

Die meisten von Steckels Figuren sind abgekämpfte Frauen, deren Restzuversicht auf den wenigen Seiten, die ihnen zugestanden werden, zuverlässig enttäuscht wird. Es geht in allen der auf 167 Seiten versammelten Erzählungen um das Geworfensein des Menschen in eine vor Kälte klirrende Welt, in eine „Nacht, Feld der Angst, wundeste Zeit für schwarze Wahrheiten“, wie es in der Erzählung „Wenn Tante Anna kommt“ heißt. Dort wird das bange Hoffen einer Frau im Altersheim beschrieben, die auf ihren Besuch wartet. Ein Miteinander wird es für diese Protagonistin nicht geben, das weiß der Leser schnell. Ebenso wenig wird die Großmutter in der titelgebenden Geschichte „Ins Licht sehen“ ihre Enkel zu Gesicht bekommen. Stattdessen verbringt sie ihren (Lebens-)Abend mit Hund und Stricknadel vor dem Fernseher. Ihren Namen hat sie bereits auf den Grabstein meißeln lassen, „weil es dann später billiger würde.“

Steckel bietet uns mit ihrem neuen Erzählband nicht mehr und nicht weniger als eine fein nuancierte Welt in grau und grau an – oder um es mit den Worten einer ihrer Figuren zu sagen: „Da stand die Wirklichkeit, grau, kahl, geschändet und der Besichtigung ausgesetzt.“ Der Satz, der als perspektivischer Kern des gesamten Buches zu lesen ist, entstammt einem der stärksten Texte, dem Erinnerungsstück „Ein Wiedersehen“. Gemeinsam mit ihrer Mutter und ihrem Bruder reist die Protagonistin ins mecklenburgische Nichts, um das zum Mythos erstarrte Elternhaus des verstorbenen Vaters zu besichtigen.

Hoffnung gibt es bei Steckel nur als Ausbleiben von Trauer, Glück nur als jener blitzkurze Aussetzer, wenn das Unglück Atem holt. Wer derart von Trostlosigkeit und Trübsinn berichtet, dem verlaufen irgendwann vor lauter Schlieren und Schwärze die Konturen. (Ein tränendes Auge sieht nie deutlich.) Dementsprechend ist Steckels Stil weder stringent noch klar. Ihre Sprache entspringt vielmehr den Irrungen und Wirrungen der Figuren, deren zusammenhangsarme Gedanken dem Leser in vielen Vergleichen und Metaphern zugänglich gemacht werden. Richtig „klar“ wird einem nichts, auch wenn Steckels so einfühlsame wie unübliche Sprache uns ganz nah an die Figuren heranzuführen weiß. Aber ist Klarheit bei diesem Personal überhaupt möglich? Wer wäre schon souverän, wenn er wie die Figur in „Packeis“ im tiefsten Winter versucht, über die teilweise zugefrorene Küste aus der DDR zu flüchten?

„Ins Licht sehen“ ist eine auf dreizehn Erzählungen aufgeteilte Großetüde über das Verlassen-Sein und die Zumutungen, mit denen wir tagtäglich traktiert werden. In dieser Hinsicht ist das Buch der Zwilling der kürzlich erschienenen Prosasammlung „Larven“ von Nora Wagener, die ganz ähnlich von den Verletzbarkeiten des Menschen in der gegenwärtigen Zeit erzählt. Außen vor bleibt in dieser Literatur freilich jenes Fetzchen optimistische Resolutheit, derer wir womöglich gerade heute mehr denn je bedürfen. Die Figuren sind sich jedenfalls der fatalistischen Falle, in die ihre Autorin sie hineingeschrieben hat, durchaus bewusst. Die vereinsamte Großmutter aus der titelgebenden Geschichte sagt sich an einer Stelle: „Nun falle auch ich in den verhängnisvollen Chor ein, sei’s drum“.

Samuel Hamen

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