Kommentar

Wie wir lernen der Fiktion zu misstrauen. Über die New-Ego-Literatur

von Samuel Hamen
Januar 13, 2017 / 0 Kommentare

Es beginnt mit einer Enttäuschung: „Doch es gab mir nichts mehr.“ Peter Praschl mag keine Fiktionen  mehr lesen. Er leide an einem „Fiktionalitäts-Ennui“, schrieb er vor wenigen Tagen in der WELT. (Die neue Langeweile gegenüber Romanen teilt er übrigens mit Philip Roth.) Kafka, Flaubert, Joyce et al. fände er nicht mehr lesenswert, stattdessen habe er sich darauf verlegt, sich „Texte reinzuziehen, in denen ein schreibendes Ich mir lesendem Ich erzählte, was los war in seinem Leben, das meistens meinem eigenen ähnlich war […], und gleichzeitig total anders“.

Diese Abwendung vom Roman geht einher mit der Hinwendung zu Büchern von Autoren wie Thomas Melle, Benjamin von Stuckrad-Barre oder Karl Ove Knausgård. Sie würden „radikale Ich-Texte“ schreiben, die „mutiger“ seien als Romane. Das ist zwar eine für Praschl willkommene, letztlich aber willkürliche Aufteilung – sind doch sowohl Melles neueste Veröffentlichung Die Welt im Rücken wie auch Knausgårds Min kamp-Reihe auf den jeweiligen Verlagsseiten als Roman rubriziert. Und bei Panikherz habe man, so Stuckrad-Barre Ende letzten Jahres auf seiner Lesereise, unter anderem deswegen auf den Gattungszusatz Roman verzichtet, weil es auf der Sachbuchliste einfacher sei, auf Platz 1 aufzusteigen, als in der Belletristik.

Was ist überhaupt ein „Ich-Text“? Viele Romane sind in der ersten Person Singular geschrieben, und es gibt wiederum autobiografische Schriften, die in der dritten Person Singular verfasst sind, weil ihre Autoren Distanz herstellen wollen zum Erlebten. Hinzu kommen literarische Memoirs, die Fiktionalität als Bestandteil ihres Erzählens anerkennen und thematisieren, etwa Katja Petrowskajas Vielleicht Esther. Der Gegensatz, den Praschl behauptet, lässt sich nicht halten.

Seine New-Ego-Literatur mag überwiegend autobiografisch durchdrungen sein; das ändert aber nichts daran, dass wir uns auch beim Lesen von Panikherz oder Sterben auf eine literarische Kommunikation einlassen, auf ein Zwiegespräch mit einem Gegenüber, bei dem wir uns nie sicher sein können, ob das, was wir lesen, wahr ist oder gelogen. Und ist das nicht der Trumpf der Literatur? Dass sie uns von der alltäglichen Mühe entbindet, ständig zwischen Wahrem und Erfundenem zu unterscheiden?

Praschl liest also nach wie vor Romane, nur mag er das Romanhafte an ihnen nicht mehr, und deshalb leugnet er, dass es Romane seien. Das Fiktionale ist ihm nicht mehr Trumpf, sondern Makel. Es erstaunt, dass ein Literaturredakteur den Gründen dieser Abkehr nicht nachgeht. Stattdessen bricht er mit der gezierten Geste des Enttäuschten zu angeblich neuen Ufern auf und schlägt sein Zelt inmitten der Ich-Texte auf mit „ihrer Radikalität, ihrer Risikofreude, ihrer Verschlungenheit, ihrer Rohheit, ihrer Direktheit und ihrer emotionalen Wucht.“

Dabei ist auch dieser Unmut keineswegs neu. Recht grob führt Praschl die These von Maxim Biller weiter, die dieser bereits 2011 einigermaßen grob in der FAZ formuliert hat: „Die Literatur braucht wieder ein starkes, glaubhaftes, mitreißendes, suggestives Erzähler-Ich, das stärkste, das es je gab – sonst hört ihr uns, die tief empfindenden Dichter und Denker, im immer lauter werdenden Medienlärm nicht mehr.“ David Shields argumentiert in seinem Text Saving my life (2012) ganz ähnlich in Bezug auf Blogs: „The blog form: immediacy, relative lack of scrim between writer and reader, promised delivery of unmediated reality, pseudoartlessness, nakedness, comedy, real feeling hidden ten fathoms deep.“

Bemerkenswert ist die poetologische Verschiebung, die sich in den letzten fünf Jahren vollzogen hat. 2012 schreibt Biller über den Autor von Gegenwartsliteratur: „Ob er dafür eine gewisse Anna Karenina erfinden muss oder bis zur Kenntlichkeit sein eigenes Ich entblößt, ist egal.“ Heute, an einem klaren, eiskalten Januarmorgen zu Beginn des verrückten 21. Jahrhunderts, ist das nicht mehr egal. „Ich war muffig, ungnädig, meine Güte, dachte ich, was soll das, jetzt lässt Flaubert wieder seine Kutsche durch die Gegend fahren, und ich soll Emma verachten, was für ein durchsichtiger Trick“, schreibt Praschl heute. Anna und Emma werden zum unerwünschten Personal. Sie sind Gespenster ohne Substanz, Humbug ohne Körper – und die Autoren hinter ihnen erscheinen als Aufschneider, die uns etwas vormachen wollen.

Plötzlich steht wieder der alte Verdacht im Raum: Fiktion ist Lüge! Jeder Erzählung ist mit Misstrauen zu begegnen, weil sie den Leser bezirzt, manipuliert, an der Nase herumführt. Die momentane „J’accuse“-Stimmung gegenüber der Fiktion ballt sich zum absurden Vorwurf, Romane seien postfaktisch. Der gegenwärtige Abgesang auf die Fiktion ist daher vor allem eins: ein so verwegener wie naiver Abwehrzauber gegen die sogenannten Fake News. Man möchte sich lieber mit Texten auseinandersetzen, die Realitätstreue versprechen.

Auf der Strecke bleiben jene Weltentwürfe, die nicht behaupten, zu sagen, wie es ist, sondern die imaginieren, wie es hätte sein können. Vor einigen Monaten stellte Lukas Bärfuss im Gespräch mit der FAZ die Diagnose: „Die Zerstörung des positiven Zukunftsbegriffs ist eines der zentralen Probleme unserer Zeit.“ Der erzählerische Rückzug in das biographische Jetzt, sei es dasjenige eines Ex-Junkies, eines trunksüchtigen Vaters oder eines Menschen mit bipolarer Störung, ist ein Symptom: Wir wissen unsere Zukunft nicht mehr zu erzählen – und fabrizieren stattdessen narzisstische „Ich-Texte“.

Knausgård & Co sind keineswegs relevanter, nur weil sie vorgeben, authentisches Leben zu schildern und sich hierfür mit dem zurzeit sehr gefragten Attribut „wahr“ schmücken. „Vitamin D zog als riesiges Zeppelingeschwader über den Himmel“ – derlei abgedrehte Metaphern, wie sie uns Clemens J. Setz in Die Stunde zwischen Frau und Gitarre darbietet, sind mir hundertmal lieber und überdies aufschlussreicher für das Verständnis von Welt als die unerhebliche Information, dass Stuckrad-Barre irgendwann irgendwo in Deutschland mal wieder einen Entzug abgebrochen hat.

Samuel Hamen

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