Kommentar

Über Distanz

von Samuel Hamen
Februar 13, 2017 / 1 Kommentar

[In unregelmässigen Abständen wird in der Rubrik „Über …“ der Versuch unternommen, Zitate aus der Literatur in Beziehung zu setzen mit dem, was im Heute & Hier geschieht. Bestenfalls zeigt die Rubrik, dass diese Texte nicht nur musealisiert werden sollen oder zur Postkartenerheiterung herhalten können, sondern tatsächlich dazu beitragen, dass wir ein besseres / anderes / genaueres Verständnis davon erlangen, was gerade im Hier & Heute so abgeht.]

Wer kann es uns verübeln? In die Weite gehen zu wollen, hinauf in die Höhe, in die Ferne hinaus. Hauptsache: Auf und davon. Wie oft dachte der eine, der andere, egal, seien wir ehrlich: wir alle daran, auszuwandern. Weg von hier, bloß weg. Nur wohin? Neuseeland, ja, irgendeine Insel halt, hineingesetzt in irgendein Meer, Kubikkilometer von Wasser zwischen uns und dem nahen Übel, und die Dünung erst, die uns Horizont und Zukunft vergessen lässt. Neuseeland oder Tasmanien oder eine dieser halb vergessenen Inseln, die absurderweise zu Frankreich gehören. Schön wäre es dort, vor allem: schön ruhig, schön weit, schön weg.

Auf Twitter sah ich vor einigen Tagen eine Karikatur. Sie zeigte die „Voyager 1“, jene Raumsonde der NASA, die sich seit ihrem Start 1977 immer weiter von der Erde entfernt.

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So klingt misanthropisches Fernweh. Theologen fassen die Hölle auf als die größtmögliche Ferne von Gott. Die Karikatur denkt das Gegenteil: Die größtmögliche Ferne zu Trump ist das Paradies, es ist zurzeit die beste alle möglichen Welten.

Das ist natürlich Unsinn. Aber: Es ist nachvollziehbarer Unsinn, weil wir die Verzweiflung dahinter verstehen. Wir denken uns gerne hinfort, wenn es ungemütlich wird. 2002 schrieb der deutsche Lyriker Durs Grünbein das Gedicht „September-Elegien“, das sich mit 9/11 auseinandersetzt. Die Katastrophe ist nur noch aus dem Kosmos ertragbar: „Der Globus zieht seine Runden wie eh und je. Aus dem All / Gleicht der Fleck in Manhattan einem erloschnen Vulkan.“

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Für ein solches Sattelitenauge ist vieles hier unten ameisenhaft klein, unzählbar wie Sand, unsichtbar wie der Abrieb von Autoreifen. Im Dezember 2004 hätte dieser Blick den Tsunami im indischen Ozean bemerkt, immerhin, als weiße Kräuselung, als Schaum auf blauem Hintergrund.  Mehr aber auch nicht.

Der Schriftsteller W. G. Sebald beschrieb 1995 im Roman „Die Ringe des Saturn“ das Grauen, das ein solch distanzierter Blick hervorrufen kann. Ihm reichte es, aus dem Flugzeug hinabzublicken: „Wenn wir uns aus solcher Höhe betrachten, ist es entsetzlich, wie wenig wir wissen über uns selbst, über unseren Zweck und unser Ende, dachte ich mir, als wir die Küste hinter uns ließen und hinausflogen über das gallertgrüne Meer.“ Die Distanz, weiter oben noch stürmisch verlangt, bekommt uns nicht. Sie ist uns unheimlich, weil wir auf uns selbst zurückgeworfen werden. Letztlich wollen wir nahbar sein, müssen es auch sein. Keine Nähe ist auch keine Lösung, und aus einem erkalteten Kosmos oder von einer einsamen Insel aus lässt sich leider schlecht in Kontakt treten mit anderen.

Dass die Weiten des Weltalls uns zu ganz anderen Erkenntnissen drängen, zeigte der Astronom Carl Sagan 1994 auf. Damals veröfffentlichte die NASA ein Foto, das die Erde aus 6 Milliarden Kilometern Entfernung als kleinen blauen Punkt zeigte.

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„That’s here. That’s home. That’s us“, sagte Sagan in einer Rede anlässlich der Veröffentlichung des Fotos, „on it, everyone you ever heard of, every human being who ever lived, lived out their lives. The aggregate of all our joys and sufferings, thousands of confident religions, ideologies and economic doctrines, every hunter and forager, every hero and coward, every creator and destroyer of civilizations, every king and peasant, every young couple in love, every hopeful child, every mother and father, every inventor and explorer, every teacher of morals, every corrupt politician, every superstar, every supreme leader, every saint and sinner in the history of our species, lived there on a mote of dust, suspended in a sunbeam.“

Sagan schloss seine Rede über den Wert der Astronomie: „To my mind, there is perhaps no better demonstration of the folly of human conceits than this distant image of our tiny world. To me, it underscores our responsibility to deal more kindly and compassionately with one another and to preserve and cherish that pale blue dot, the only home we’ve ever known.“

Als ich anfing, den Artikel zu schreiben, war „Voyager 1“ 20,639,450,933 Kilometer von uns entfernt.  (Die NASA hat online eine Anzeige eingerichtet, die einem die aktuelle Distanz der Sonde zur Erde mitteilt.) Gerade jetzt, beim Tippen dieser Worte, sind es nur noch 20,639,424,412 Kilometer. Zurzeit holt die Erde Distanz zur Raumsonde auf, weil sie sich für wenige Monate im Jahr schneller um die Sonne bewegt als sich die Sonde von der Erde wegbewegt. So einfach klappt das mit der Distanzgewinnung glücklicherweise nicht.

[zuerst erschienen in: Tageblatt Lëtzebuerg, 11.02.2017]

Samuel Hamen

kmmtr

1 Kommentar

  • Toller Beitrag. Ich finde deinen Blog wirklich gut gelungen mit dem stimmigen Design 🙂

    -> https://captainbooksweb.wordpress.com/

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