Kritik

Leerlauf und Anmaßung. Über Luc Spadas Lyrikband „Fass mich an“

von Samuel Hamen
April 7, 2017 / 0 Kommentare

Luc Spada ist eine literarische Erscheinung, ein Phänomen, ein Wetterleuchten am harmlosen hellgrauen Literaturhimmel Luxemburgs. So jedenfalls lautet die (Selbst-)Erzählung des 1985 geborenen Autors und Schauspielers. Das Image des jungen und frechen Typen hat Spada sich durch zwei Bücher, Poetry-Slam-Programme und diverse Theaterarbeiten hierzulande errungen. Mit dem Gedichtband „Fass mich an“ soll nun der Ruf des „not so young but still angry man“ gefestigt werden. Zur Buchvorstellung samt Lesung luden die „Éditions Guy Binsfeld“ am vergangenen Donnerstag nach Bonneweg.

Das Publikum, das sich im „Café de la Place“, dem edlen Showroom des Verlags, eingefunden hatte, saß gespannt an den beeindruckend fleckenlosen Tischen, stellte seine Getränke auf gutgepolsterten Bierdeckeln in Verlagsoptik ab und versuchte sich in Vorfreude. Autor und Verlag schienen sich auf einen publizistischen Coup, einen Blitzeinschlag zu freuen. In der Luft lag das Versprechen: Wir haben sie unter Vertrag, die Speerspitze der jüngsten Literatur! Laut Umschlagtext sei Spadas drittes Buch „mitreißend“, „explosiv“, „laut“ und „radikal“. Auch der Titel lockt mögliche Interessenten mit der Ankündigung einer ungeschönten, nahbaren und unnachgiebigen Literatur: „Fass mich an“.

Aus den vorgetragenen Gedichten sprühten dann nur Fünkchen, einige wenige und nicht sonderlich helle. In anberaumter Stille lauschten die gut dreißig Gäste Versen wie: „kann mich denn niemand hören? / ruft die soap // niemand will dich hören / ruft die realität // schade / rufe ich“. Wieso der Autor Texte dieses Schlages mit vermeintlich innovatorischem Wagemut im Untertitel „Beats, Punchlines, Bitchmoves“ nennt, bleibt ein Rätsel. Es ist handelsübliche und hemmungslose Subjektlyrik, wie es sie seit mehr als vierzig Jahren gibt. Und das ist auch völlig okay, jeder darf (fast) alles aufschreiben und aufsagen, aber es ist auch völlig ohne literarische Bedeutung. In keinem Vers, den Spada vortrug, trat etwa ein avanciertes Gattungsbewusstsein zutage – obwohl der Autor als hinzugezogener Berliner wissen dürfte, welcherart in Deutschland die tatsächlich jüngste Lyrik- und Spoken-Word-Kunst ist.

„Fass mich an“ möchte die postmodernen Verwirrungen rund um das Subjekt, dessen mediale Resonanz und die nicht enden wollende Suche nach dem Ich im Nichts in Verse bannen: „atem ein / atem aus / ich schimpfe innerlich / meine stadt mein zuhause / kaputt alles kaputt aber / weiter leben / atme ein / aus“. Derlei zu schreiben ist sicherlich eine tagesfüllende Aufgabe für einen selbsterklärten Gegenwartschronisten, und bei den weniger schlechten Gedichten mag man – wie Marie-Laure Rolland vor wenigen Tagen im „Luxemburger Wort“ – durchaus an Michel Houellebecqs Dekadenzprojekte denken.

Wenn dieser Vergleich nun schon auf seine arg wackligen Beine gestellt wurde: So wie es dem Romancier Houellebecq (nicht dem Lyriker, der ist grässlich!) gelingt, des Westlers faulen Kern auszustellen, so misslingt Spadas Projekt wegen seiner sprachlichen Armut, analytischen Oberflächlichkeit und unkritischen Selbstgenügsamkeit. Über die poetische Üblichkeit und werkgenetische Stagnation der insgesamt 140 nummerierten Gedichte konnte jedenfalls auch der Eigenkommentar, Spada habe sich weiterentwickelt – in „Fass mich an“ käme das Wort „Fotze“ schließlich weniger oft vor als früher –, nicht hinwegtäuschen.

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(c) Éditions Guy Binsfeld

Dabei wünscht man diesem Autor, der sein Schreiben als existenzielle Artikulation begreift („D’Schreiwen ass mäin Truc, ech weess, datt ech schreiwe wëll“), dass er verdammt nochmal ein einziges gelungenes Buch zustande brächte. Und dann das: „ich steige aus dem bus aus / irgendwo / weiter ins nichts / ins nirgendwo / irgendwo / im großen nichts / ein kleineres nichts // du bist eh nicht“. Das mag als rhythmisierte Verlautbarung mündlich funktionieren, als kurzweilige Schall- und Wahnkunst, wird aber schneller schal als Bier in der Sonne und rechtfertigt kein 180-seitiges Buch.

Dementsprechend ungerührt und etwas ratlos ob des ausgebliebenen Knalls saß das Publikum im „Café de la Place“, sodass der Vortragende nach einer halben Stunde darum bat, man solle ihm bitte etwas Applaus spenden. Kurze Klatscherei, und schon drehte sich Spada beschämt zur Seite. Es durfte weitergehen.

Während einer guten Stunde las Spada nahezu 2/3 des Buches, und mit fortschreitendem Vortrag erhärtete sich ein Verdacht: Hier speist jemand leichthin ein vermeintlich geschmacksverirrtes und anspruchsloses luxemburgisches Publikum ab, von dem er allen Ernstes meint, es ließe sich durch Verse wie „ich / bin eingesperrt / hilflos / hilfe hilfe / ich feiere zu viel“ beeindrucken.

Spada ist der Überzeugung, in einem konkurrenzarmen Milieu, wie es die luxemburgische Literaturszene ist, unentbehrlich zu sein – nicht umsonst heißt eines seiner Stücke, das 2012 in der sog. Kulturfabrik in Esch/Alzette aufgeführt wurde, „Wenn nicht ich, wer denn sonst?“ (Ja, ja, die Ironie höre ich trapsen, aber sie ist auch typisch spadaesk: ein prophylaktisches Sich-Wappnen gegen triftige Kritik.) Und dieses Ich möchte allerlei sein: ein Bürgerschreck und Wohlstands- sowie Medienkritiker, ein unartiger Nestbeschmutzer und urban abgehärteter Ganzlebenskünstler, ein poetologisch avancierter Live-Lyriker und ein scharfzüngiger und stilsicherer Zeitgenosse. Tatsächlich liegt „Fass mich an“ ein anmaßend banales Literaturverständnis zugrunde. Das ist dahingehend besonders verwunderlich, als der Verlag „Guy Binsfeld“ eigentlich mit das hochkarätigste Literaturprogramm Luxemburgs betreut.

Gegen halb zehn verabschiedete sich Luc Spada mit den Worten, er hoffe, man habe etwas mitgenommen – und sei es nur Hass auf seine Person. Umso schlimmer wiegt es, dass „Fass mich an“ nur zweierlei hervorruft: blitzkurzen Ärger über die falsche Kühnheit, mithilfe derer sich hier eine Künstlerpersönlichkeit auswalzt, und dann lang anhaltende Gleichgültigkeit bezüglich dieses ergreifend belanglosen Buchs.

Samuel Hamen

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