Kritik

Es gibt nur zwei Themen: Die Liebe und den Tod. Über Tullio Forgiarinis Erzählung „Lizardqueen“

von Samuel Hamen
Mai 8, 2017 / 0 Kommentare

Ausnahmsweise sei als Einstieg mal einer jener wuchtigen Sätze des übergroßen Marcel Reich-Ranicki zitiert, mit dem der 2013 verstorbene Kritiker zu glänzen und einzuschüchtern wusste: „Literatur kennt nur zwei Themen. Die Liebe und den Tod. Alles andere ist Mumpitz.“ Wer könnte dem widersprechen? Der luxemburgische Autor Tullio Forgiarini scheint sich dieses Dekrets jedenfalls entsinnt zu haben, als er seine neueste Erzählung  „Lizardqueen“ verfasste.

Das bei „Éditions Guy Binsfeld“ erschienene Buch wirkt auf den ersten Blick wie eine absichtsvoll ambitiöse Verstrickung – frei nach dem Motto: Ich erlege mir derart vertrackte Schreibaufgaben auf, dass deren Einlösung nur als Glanzstück meinerseits zu feiern ist. Hierfür wird der Leserschaft das Tagebuch von Anemone Beatriz Biblisch, genannt Mona, präsentiert. Es trägt den Titel: „1 / ewige Liebe / (7 Stunden ungefähr)“ und berichtet auf unerhörte Weise von unerhörten Tatsachen. Nachdem befreundete Heimkinder, ihre Großmutter Anna, ihre Mutter Tess sowie ihr Stiefvater André die Trauerfeier verlassen haben, erspäht die gerade erst beerdigte Mona zwei zwielichtige Typen auf dem Friedhof: „Die zwei tragen lila Hemden. Schwarze Hosen, schwarze Krawatte. Mit mächtig viel Glitzer darauf. Sie leuchten geradezu in der untergehenden Sonne. Discototengräber.“

Es herrscht blanke Ratlosigkeit seitens der Protagonistin und der Leserschaft. Halluziniert Mona ihren Tod? Oder entspringt die Erzählung der Kruderie eines kauzigen Autors? Mit den Worten der siebzehnjährigen Mona: „Was um Him … um alles in der Welt ist hier normal?“ Seine unmögliche Geschichte führt der Autor freilich ungestört weiter aus: Mona entsteigt ihrem Grab und wird von den Gestalten ins sogenannte „Zentrum“ gebracht, eine Art Himmelspfortenbüro im städtischen Nirgendwo. Dort wird ihr erklärt, sie sei jetzt in ihr eigens imaginiertes Jenseits eingetreten. Es müsse sich nur noch entscheiden, ob sie in den Himmel oder die Hölle gehöre. Kurz darauf zückt der Himmels- und Höllenpförtner Francesco („Du kannst mich Franz nennen“) eine VHS-Kassette, die eine Aufzeichnung von Monas Selbstmord enthält.

Wer Forgiarinis Werke kennt, insbesondere den Roman „Amok. Eng lëtzebuergesch Liebeschronik“ (2011), ahnt, in welche Gangart die Erzählung nun wechseln wird. Als fantastisch abgedrehter Zwillingsbruder von „Amok“ schildert „Lizardqueen“ in Rückblenden die misslungene Kindheit und Jugend Monas. Mit ihren „Discototengräbern“ – der eine ist ein halber Engel namens Varak, der andere ein apathischer Zombie – besucht sie Stationen ihres früheren Lebens. Dabei wird ihr suizidaler Werdegang dargelegt: die Nähe zu ihrem Vater John, der viel zu gerne Hustensaft soff und starb, als seine Tochter zwölf war, die Alkoholsucht ihrer Mutter Tess sowie den sexuellen Missbrauch durch ihren Stiefvater André, der sie mit vierzehn Jahren dazu treibt, in ein Heim zu ziehen.

Erst vor wenigen Wochen musste der Streaming-Dienst „Netflix“ Kritik einstecken, weil seine neue Serie „Tote Mädchen lügen nicht“ vermeintlich unpassend (heißt: glorifizierend) vom Suizid einer Teenagerin erzähle. Wie verhandelt nun „Lizardqueen“ dieses so ernste wie arge Thema?  Sein Autor entscheidet sich für eine wilde Mischung aus verschiedenen Erzähltraditionen, um das heikle Sujet zu rahmen: So gibt Forgiarini in einer Herausgebernotiz an, er habe das Tagebuch ausgehändigt bekommen und bloß veröffentlicht. Zu dieser pseudo-editorischen Finte treten Endzeit-Fantasy-Elementen, Einsprengsel eines Roadmovie, Motive einer Coming-of-Age-Story sowie Anstriche eines Familienportraits. Wer aber auf nur 127 Seiten auf so vielen Hochzeiten gleichzeitig zu tanzen versucht, läuft immer mal wieder Gefahr, aus dem Schritt zu geraten.

Bei Forgiarinis nun schon achter literarischen Veröffentlichung schlägt sich das auf zweierlei Weise nieder: erstens in einer erzählerischen Rasanz, die keinen Halt kennt und in deren Tempologik ständig nach- und draufgelegt werden muss, um ja nicht zu bemerken, wie hastig Personal und Szenerien verheizt werden. So muss etwa die Jugend des Halbengels Varak auf unzulänglich wenig Raum mit dem Genozid an den Armeniern im Jahr 1915 verknüpft werden. Dieser historisch gewaltigen Untat gebührt mehr (Erinnerungs-)Platz und Ernst. Sie sollte nicht in bloß achtzehn Zeilen als dunkel glitzernder Dekor für die Biographie einer Figur herhalten müssen.

Zweitens ist die Erzählung durchweg sprachlich schludrig verfasst, ohne stilistisch ausgefeilten Gestaltungseifer. Wohlverstanden: Forgiarini will sich gar nicht als Stilmeister gebärden. Er sei, sagte er vor einigen Wochen bei einer Lesung, kein Perfektionist und habe sich mit „Lizardqueen“ ausprobieren wollen. Als einer der wenigen Autoren in Luxemburg, die Romane auf Deutsch, Französisch und Luxemburgisch veröffentlichen, sei ihm dieser leichtherzige Umgang nicht vergönnt. Das ändert leider wenig am Befund, dass „Lizardqueen“ mit vielen Werken deutschsprachiger Autoren in Luxemburg – von ausländischen ganz zu schweigen – sprachlich nicht mitzuhalten weiß. Aber wie gesagt: Forgiarinis neuestes Buch will rasant erzählen – und womöglich auch ähnlich rasant gelesen werden.

Samuel Hamen

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