Kritik

„aus mündern atemweise“. Über neue Lyrikbände aus Luxemburg

von Samuel Hamen
Juni 15, 2017 / 0 Kommentare

 

Die „graPHIiti“-Reihe des Verlagshauses „Éditions Phi“ dürfte die langlebigste und erfolgreichste Lyrikfördermaßnahme Luxemburgs sein. 1992 wurde sie lanciert, bis heute sind 107 französischsprachige sowie 26 deutschsprachige Bücher erschienen. Von José Ensch über Léopold Hoffmann hin zu Jean-Paul Jacobs und Anise Koltz – viele unserer maßgeblichen Autoren und Autorinnen der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts haben ihre Verse in dieser wichtigen Reihe unterbringen können. Und das Projekt schreitet voran: In den letzten Monaten sind weitere Bücher erschienen, die einen genaueren Blick lohnen.

Das Gedicht ist dem Schweigen abgerungen, seine Verse sind selten laut und prahlerisch, zumeist leise und bescheiden. André SimoncinisLe manuel du silence“ trägt diesem Schwebezustand zwischen sprachlicher Behutsamkeit und weltskeptischer Scheue bereits im Titel Rechnung. In dem 105-seitigen Buch versammelt der 1946 geborene Galerist, Herausgeber und Lyriker titellose Texte, die beständig Abwägungen treffen: „Mais le temps d’un regard / Il a disparu / Ne reste plus / Par cette nuit glaciale / Que le dessin des lèvres / Gravées par l’haleine“.  Abwägungen zwischen dem, was gesagt, und dem, was verschwiegen werden soll: „Tout reste à taire / Les mots / À leur tour / Se dérobent“. Ab und an fallen bei André Simoncini zudem Aphorismus und Gedicht in eins – so entstehen Verse, getragen von einem so schwere- wie wirkungslosen Humanismus: „Fragile démesure / D’un monde perdu / Dans un nombrilisme béat / Qui confond tristement / Le saut / et la chute.“

Im Gegensatz zu Simoncini gelingt es Carla Lucarelli in „Dekagonon“ nicht, die Wörter aus dem alltäglichen Trott zu hieven, hinauf zu flirrender Leichtigkeit. Die 1968 geborene Autorin hat sich zwei Aufgaben gestellt: Sie verfasst ihre Poeme auf Deutsch und Französisch. Und sie gibt sich selbst eine Formvorgabe: Nach dem Motto „Zehn von einer Sorte“ bündelt sie jeweils zehn Texte unter Rubriken wie „Hindernislauf“, „Digression“ oder „Mouvement“. Einer der „Haïku libre“ lautet: „Pour elle il devint une île / Et disparut / Au fond de l’océan“. Und einer der „Vierzeiler“ kurz darauf: „Die Sünden feiern einander / im Licht des Hochglanzmagazins / Ein Schatten überdeckt die Oberflächlichkeit / die aus der Tinte schwitzt“.  Beide Vorgaben gereichen der Autorin nicht zum Besten. Zu willkürlich ist die Zusammenstellung der Texte, zu karg und analytisch ihre Sprache, zu kunstlos insbesondere die Gedichte auf Deutsch. „Dekagonon“ fehlt ein Anliegen, eine Not, aus der heraus diese Verse in genau dieser Weise hätten geschrieben werden müssen.

Am Alterswerk basteln

Dabei können strikte Formvorgaben durchaus von Nutzen sein. Das beweist Lambert Schlechter in seinem neuesten Gedichtband „Milliards de manières de mourir“. In insgesamt 99 Neunzeilern, einem Format, das Schlechter bereits seit längerer Zeit bedient, verfolgt der 1941 geborene Autor auf Französisch und (ab und zu) auf Deutsch und Englisch sein großes Schreibprojekt: der Lust am Leben und am Geist, am Leib und am Unglauben zu frönen. Es sind zumeist unbekümmerte Verse, leichtfüßig und -fertig zugleich: „pour monter au ciel / il y a toute cette échelle à imaginer // et j’imagine et imagine / l’échelle du prunier, non // l’échelle des pompiers, non / ou peut-être les attacher l’une à l’autre // et j’imagine et imagine / puis cela m’épuise tellement // que je n’ai plus envie de monter au ciel.“ Im Vergleich zu früheren Gedichtbänden von Schlechter gibt es hier wenig Neues zu entdecken. Aber will man das einem Autor vorwerfen, der munter und eifrig an seinem Alterswerk bastelt?  

Nachlese aus dem Concours littéraire

Zuletzt sind zwei Gedichtbände zu nennen, deren jeweilige Urheber vor zwei Jahren beim „Concours littéraire national“ prämiert wurden. Im Falle der 1960 geborenen Ulrike Bail ist das damals ausgezeichnete Manuskript endlich als Buch erhältlich: Es heißt „die empfindlichkeit der libelle“ und ist eine Art Textpendant zu diesem Insekt, sprachlich dessen feingliedrigem Körper nachempfunden. Bails Gedichte sind zartbesaitet, brüchig und rissig geworden von all den Eindrücken, die sie zur Darstellung bringen: „auf / deinem atem auf / und nieder steigen verästelte / rispen die flüsse so blau / blüht zwischen dir und / mir was immer / es ist“. Wenn Simoncinis Verse flüstern, dann hauchen Bails Verse, Momente, bevor ihnen der Lebensatem ausgeht: „so steht sie am scheitel der flut steckt / in die brandung vier rosen addiert zur / stille die spur sedimentgestein / unverfestigt / wo das meer sich verliert“. Es wäre weit mehr über diesen Band zu schreiben, etwa über „meerblick“, ein Gedicht, das an die bestürzend schöne Küstenpoesie Jean Kriers anknüpft. Oder über die zu Versen geronnene Gewaltgeschichte unseres Kontinents, wie sie in „judenplatz wien“ kurz und knapp und grandios heraufbeschworen wird.

Nachdem Florent Toniello besagten Wettbewerb 2015 mit dem Manuskript „FLO[TS]“ gewann, legt er nun nach: „Ptérodactyle en cage“ ist der kürzeste der vorgestellten Bände. Er umfasst lediglich 58 Seiten – und doch sprudelt aus den Versen eine Lust am Sprachspiel heraus, eine Be- und Neugierde, alles und jeden unter die lyrische Lupe zu legen. Es ist das bei weitem vitalistischste Buch, mit Versen wie: „tu as été à l’école dans la rue / qui peut bien lire là-bas / ce que j’écris pour toi? / tes sentiments sont les miens / tes habits  de rustre me vont / comme des mitaines ajustées – / nous sommes deux poussières d’étoiles / dans la convergence des luttes“. Jedes Gedicht ist mit einem Datum versehen und vermittelt uns einen poetisch stark kryptisierten Tageseindruck. Dabei nimmt der 1972 geborene Toniello einzig und allein Rücksicht auf die Adäquatheit des literarischen Ausdrucks. Das ist hier und da eine Überforderung, geht aber letztlich zugunsten der Leserschaft: Dann muss man es halt ein zweites oder drittes Mal lesen. Toniellos rhetorisch überbordende Gedichte rechtfertigen jedenfalls die Mühe.

 

Samuel Hamen

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