Kommentar

Über Transparenz

von Samuel Hamen
Juni 2, 2017 / 0 Kommentare

Eine gute Übung in Zeitgenossenschaft: sich zu überlegen, wer wir gewesen sein werden. Wie wird man in hundert Jahren auf uns zurückblicken? Womöglich wird Selbstverständliches abwegig anmuten, etwa wie ich an einer klobigen verkabelten Bildschirmkiste sitze, um das hier zu schreiben. Über dieses Gedankenspiel sprach der Publizist Roger Willemsen in einer Rede, die er kurz vor seinem Tod 2016 hielt. Sie ist nun als Buch („Wer wir waren“) erschienen. An einer Stelle heißt es dort: „Das Heimliche, das einmal das Persönliche, das Private oder das Intime bezeichnet hatte, war plötzlich in den Rang des Bedrohlichen gerutscht.“

Wer heute etwas nicht in den sozialen Medien teilt, ist suspekt. (Wer dort nicht mal registriert ist, ist es doppelt und dreifach.) Wir erinnern uns, nicht ohne Nostalgie: Wer vor acht Jahren sein Essen bei Facebook herzeigte, wurde als fischfiletfotografierender Idiot belächelt – und das völlig  zurecht.  Heute haben Foodblogger Hundertausende von Followern – und der Idiot ist jener, der nicht weiß, was Instagram ist. Dort wird alles auf seine Herzeigbarkeit hin bewertet. Und so ist das Private nicht mehr zeitgemäß, ein beschämendes Werte-Überbleibsel von Leuten, die nicht wissen, was mit Selfies, Sharen und Sexting gemeint ist. (Banause, wer letzteres googeln muss!)

À propos Google, Apple und Facebook: In „The Circle“ (2013) von Dave Eggers versucht eine Medien-und Technologiefirma die Welt transparent zu machen, fair und gerecht und problemfrei. Biblig klug klingen die „Circle“-Mitarbeiter in diesem Roman, dessen Hollywood-Verfilmung im Herbst in Europa anläuft: „Nur Lügen bringen uns in Schwierigkeiten, nur die Dinge, die wir verstecken.“ Weiter: „Ich fühlte eine Entfernung zwischen uns. Ein Geheimnis zwischen Freunden ist wie ein Ozean, es ist weit und tief. Wir verlieren uns darin.“ Und nochmal weiter: „Genau das wollen wir erreichen: perfekt zu sein. Jegliche Information, die uns entgeht, ja, alles, was nicht zugänglich ist, verhindert, dass wir perfekt werden.“

Natürlich ist es ein Leichtes, das zu belächeln. Es mit einer überheblichen Handbewegung wegzuwedeln. Aber zittert diese Hand nicht auch ein wenig? In ehrfürchtigen Ahnung, dass die Silicon-Valley-Ideologie rund um Transparenz, Effizienz und Solutionismus unser Miteinander immer stärker bestimmt? Marc Zuckerberg, der Gründer von Facebook, sagte bereits 2010, dass das Private „keine soziale Norm“ mehr sei.

Da rutscht einem schnell mal ein wehmütiges Ach! über die Lippen. 1810 verfasst die Dichterin Sophie Tieck-Bernhardi den Aufsatz „Lebensansicht“. Sie schreibt: „Vergeblich ist es, zu wünschen, dass der Freund, den wir lieben, uns ganz in unserer eigensten Eigenthümlichkeit verstehen mochte; wir wünschen es auch im Grunde nicht, sondern immer möchten wir nur die Falten unsers Herzens vor ihm auseinander schlagen, wo wir die Verwandtschaft zu ihm fühlen. Das was unsere Scheidung von allen andern Wesen ausmacht, wodurch wir auch von dem geliebtesten Freunde abgesondert und einzeln stehen, suchen wir sorgfältig zu verhüllen, damit er sich nicht vor dem fremden Wesen entsetzen möge.“ Was für ein schönes Lob auf die Geheimniskrämerei! Auch die Bibel stellt – endlich mal! – die richtige Frage: „Es ist das Herz ein trotzig und verzagt Ding – wer kann es ergründen?“ (Jeremiah (17,9) Die einzig erhabene Antwort darauf? Weder „Circle“ noch Gott, weder ein Algorithmus noch eine Regierung. Geheimnisse wabern, schwelen, schimmern, sie sind wie Seifenblasen, nur schön und heil, solange sie unangetastet bleiben.

Gut hundert Jahre nach Tieck-Bernhardi schreibt der Philosoph Georg Simmel, „daß uns ein Teil auch der nächsten Menschen, damit ihr Reiz für uns auf der Höhe bleibe, in der Form der Undeutlichkeit oder Unanschaulichkeit geboten sein muß.“ Nochmals hundert Jahre später schreibt der  Philosoph Byung-Chul Han in einem Essay über die Transparenzgesellschaft, sie sei „eine Gesellschaft ohne Dichter, ohne Verführung und Metamorphose. Es ist ja der Dichter, der die szenischen Illusionen, die Scheinformen, die rituellen und zeremoniellen Zeichen hervorbringt und den hyperrealen, nackten Fakten die Artefakten und Antifakten entgegensetzt.“

Was Literatur uns liefern kann? Ein Überrest an Nicht-Offensichtlichem, ein Paket an Un-Information, das Gegenteil von Daten. Sie vermag es, die Lache zu trüben, damit wir uns und die Welt nicht bis zur totalen Kenntlichkeit gespiegelt sehen müssen. (Das wird den Lauf der der Silicon-Welt freilich nicht aufhalten, ihn aber erträglicher machen.)

Wer erschrickt nicht, wenn er oder sie sich in einem dieser runden Lupen-Zoom-Make-Up-Spiegel in Hotels erblickt? Mal ehrlich: Wer will sich und seiner Mitmenschen denn bis in die letzte hochauflösende Pore ansichtig werden? Was bleibt zu tun? Verschmiert die Spiegel, löscht die Cookies, lest kluge Gegenwartsliteratur, die sich dem Sujet aussetzt! Etwa den neuen Roman des Schweizers Lukas Bärfuss, „Hagard“.

Samuel Hamen

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