Gespräch

Ulrich Holbein: Interviews 1994 – 2012

von Samuel Hamen
November 24, 2017 / 0 Kommentare

Ulrich Holbein wurde 1953 geboren. Er hat Sozialpädagogik und freie Malerei studiert. Seit 1989 veröffentlicht er Texte. Darunter Romane, die nur aus Zitaten bestehen, Essays, die sich um alles Mögliche drehen, eine Doppelbiografie über Jean Paul und Goethe sowie Lebensbeschreibungen von 255 Narren der Weltgeschichte. Zu seiner Vielseitigkeit meint er, »selbstredend pfleg ich sämtliche Genres, einschließlich sogar Laudatio, Kondolenzschreiben, Traktat, Thesenpaket, Kitschroman, Leselibretto, Elegienzyklus, Sonettenkranz, unter betonter Vernachlässigung der Literaturgattungen ›Krimi‹ und ›Heldenepos‹.« In diesem Jahr wurde sein Roman, das kosmische Märchen Knallmasse neu aufgelegt. Obwohl er wie Reinhard Jirgl Arno Schmidt-Stipendiat war, wie Herta Müller Stipendiat des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia in Bamberg, wie Judith Hermann den Hugo Ball-Förderpreis und wie Robert Gernhardt den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor erhielt und obwohl ihm, wie fast allen, eine Ausgabe von Text+Kritik gewidmet wurde, kennt man ihn entweder gar nicht oder verwechselt ihn mit Wolfgang Hohlbein.

Freundlich hatte er einem Interview zugestimmt, fand die Fragen dann aber zu langweilig und unterfordernd. (Bei erneuter Durchsicht wird ihm dahingehend vollumfänglich zugestimmt.) Stattdessen hat er seine gesammelten Interviews zurückgeschickt und gemeint, man könne damit was machen. Es folgt also ein Zusammenschnitt von allem, was Holbein je über Holbein gesagt oder geschrieben hat:

Querdenker denken mir nicht quer genug, ich aber bin keiner. Wer wie ich als Kosmosoph in Jahrmillionen denkt, kann sich allenfalls nur nanosekundenlang um fortrollbare Atomkrümel kümmern. Wenn die Leut nicht wissen, als was für ein Extrem-Unikum ich um was für wahnwitzige Inhalte kreise, dann ist ihnen a priori auch wurscht, ob ich dabei Kaffee trinke oder narrativ vorgehe. Nee, ich zeige nichts auf, absichtlich jenseits jeden Zeigestocks. Als Anti-Rassist und Pazifist möchte ich meinen Mitbürgern nicht spürsinnig anmerken wollen, ob sie arisch, schwul, schwäbisch, bipolar, herätisch, fiktiv, gesichtsoperiert oder Stammzellenprodukte sind, oder Aliens. Ich möchte geradezu darum bitten: Auch Japaner und Roboter sind irgendwo Menschen. Mit blässlichen Termini à la »das Geistige« fang ich auch weiterhin ungern was an, und »das Geistige, das zur Gebärde zurückfindet« kommt mir gar nicht erst in die Wundertüte meiner Wanderprediger, Wendehälse, Windbeutel, Wonneproppen und Wundenlecker. Lieber guck ich mir den fliegenden Teppich, unter den ich die zu Fuß gehende Wahrheit kehre, etwas genauer an, wenn auch nicht absolut jenseits aller Kontextabhängigkeiten. Die kleinen Unterschiede zwischen scheinbar fiktiven Gestalten und angeblich existenten Persönlichkeiten möchte ich als graduell bezeichnen, oder als nicht äußerst maßgeblich. Deshalb gibts ja Romanfiguren, weil sie das normale Leben von Mitbürgern kompakter auf den Punkt bringen als normale Mitbürger. Ich maß ich mir nicht an, Realität gegen Romane auszuspielen, und begrenzte Wissenschaftler mythentauglicher zu finden als begrenzte Romanciers.

Jeder einzelne Geist oder Narr steht seiner Windmühle gegenüber, selten als Lebensberater und Krisenmanager, meist als irrende Seele, verstrickt in törichte Ideen. Fast jeder lässt sich von einem ausgefeilten Wahnsystem oder via Idol oder Spleen vorantreiben oder beflügeln, nach dem unbewussten Motto: Lieber eine falsche Weltsicht als gar keine Flügel. Deshalb sympathisier ich dringend auch mit grundlegend verkehrten Religionen und Welterklärern. Falls ich nicht bekanntlich relativ dauerhaft ein reinrassiger Erzähler wäre, könnt ich als Philosoph durchaus ein Buch schreiben des Titels »Zermalmung sämtlicher Weltanschauungen«, leider auch solcher Ismen, mit denen ich sympathisiere. Wer nach ›letzten Worten‹ giert, wähnt 1000 Seiten vorletzter Worte sparen zu können. Eher steck ich selber mittendrin in einer Mammutsymphonie namens Welt, die sich nicht um einzelne Kammbläser und Tippgeber schert.

Ich lebe lieber mitten in der Stille der Pflanzenwelt als neben der Popmusik von Nebenmietern und Nachbarn und gönne mir demgemäß den höchst unkomfortablen Luxus, keinerlei Führerschein gemacht zu haben und nie nach günstigen Verkehrsverbindungen zu japsen. Solche Unbeweglichkeit braucht aber kein psychischer Defekt zu sein. Zeitweise befand ich mich monatelang auf Fußreisen in Südeuropa, brach 3x nach Indien auf, blieb 4x unterwegs stecken, mal brannte was ab, musste auch mal ohne Geld, ohne Pass, ohne Pullover, ohne Schlafsack 2000 km zurücklegen, schlief auf Hochständen im Wald, trampte, lehnte phasenweise Technik ab, warf meinen Führerschein in die Fulda, schwor mir, nie wieder in Autos zu steigen, lebte auf meiner Erleuchtungsinsel Filicudi in einer Höhle, schrieb statt Werke bloß Briefe und hochtrabende Lyrik. In Tübingen hab ich sechs Jahre gewohnt, in Erfurt drei Jahre, aber Kosmosbewohner bin ich seit 2,5 Milliarden Jahren. Die Ursuppe, die Alpen, der Faustkeil, die sieben Weltwunder – das waren die ersten Großtaten, an deren fachgerechte Ausführung ich mich noch deutlich erinnern kann. Alles aus einem Guss, kein Tüfteln und kein Hobeln, kein auslaugendes Revidieren und Redigieren. Es war eine Phase der Einfallsfülle und des Kraftverströmens. Auf den Schluss zu verzettelte ich mich in Kleinkunst, allerlei Nippes und Maskottchen, nebeneinander aufstellbar, Gilgamesch, Zarathustra, Urfaust, Goethes Faust, Lenaus Faust, Grabbes Faust, Wagners Ring, Kafkas Schloß, Zettels Traum, Rothmanns Stier, immerhin, alles stammt restlos von mir, Nicht zuletzt Büchners Lenz. Sogar Gernhardts Ich Ich Ich stammt nicht etwa von Gernhardt, sondern bis ins letzte Detail hinein von mir, mir, mir! Von Maler Müller, Kanzler Müller und Wilhelm Müller bis Gustav Mahler, Henry Miller, Herta, Heiner und Hermann Müller, alle taten sich ahnungslos zusammen, um meine Werke zu verfassen, alle, alle und alle sind eingefasst in meine globusumspannende Liebe.

In sich versponnen zu sein, wirklich durch und durch weltabgewandt, das ist gar nicht so einfach. Dass ich ab und zu Sabine Christiansen und Ulrich Wickert verpasse, oder dass ich mich zur Bombardierung Dubrovniks noch nicht öffentlich geäußert habe, durch solche Abstinenz habe ich mich von der Welt noch nicht abgewandt. Da ich mich eher als Weltverschönerer sehe, statt als Weltverbesserer, wär mein größter Wunsch, mal in der Goethezeit oder durchs Nürnberg von 1587 spazieren zu können. Als Nostalgiker sehne ich mich in jede Vergangenheit zurück, 1.) in die Hippiezeit von 1970, 2.) in die Golden Twenties, 3.) in die Spätromantik, 4.) noch weiter nach vorn zurück, aber ich ahne und weiß, dass ich dort sehr unglücklich wäre, sehr eingespannt und eingesperrt wäre, und durch nichts aus den Biotopen und Milieus rauskönnte. Optisch oder phänotypisch bin ich sichtlich als Freak und Althippie unterwegs, selbst auf silbergrauen LSD-Kongressen in Basel ein reinhauender Farbtupfer, aber spirituell verachte ich jegliche Popmusic samt Jazz, hör das alles als Dandy mit Adorno-Ohren, lass auch Popliteratur gern links liegen, und steck ausschließlich in Ligeti, Schönberg, Purcell und lese fast nur spießigen Bildungsscheiß, gute alte Klassik.

Erzählen hat in der Literatur kaum noch was zu suchen. Das wird im mündlichen Bereich und im Filmstudio viel gekonnter gemacht. Die Romanciers hören nicht auf, das nicht mitzukriegen und erzählen und schildern immer weiter, pinseln unstoppbar ihre Porträtkunst, so als sage Malerei mehr als Fotos. Fast alle Autoren kommen gar nicht in die Verlegenheit, einen eigenen Stil präsentieren zu können. Die schreiben dann nicht nur dasselbe Buch, sondern sogar dasselbe Kapitel und dieselbe Strophe. Ulysses basiert auf einem Wortschatz von 60.000 – Goethe hingegen bietet 90.000. Heutige Durchschnittsakademiker zum Vergleich: 15.000. Jedes irgendwo herausgegriffene Buch, jede blinde Leseprobe zeigt die unübertünchbare, auch nicht mit Originalitätsgezappel übertünchbare Verwechselbarkeit aller Autoren. Einzig Ror Wolf lässt sich unter Dutzenden eindeutig heraushören, inzwischen aber auch nicht mehr, da Daniel Charms bereits lange vor Ror Wolf genauso wie Ror Wolf schrieb. Uwe Johnson, von dem ich nichts lernte, konnte von Arno Schmidt tatsächlich nichts lernen, ansonsten er unendlich viel von ihm gelernt hätte, z.B. wie man solche Pauschaldämlichkeiten, dass man von Arno Schmidt nichts lernen könne, am ertragreichsten vermeidet. Günter Grass will von Alfred Döblin beeinflusst sein, und Hans Wollschläger will sogar der Statthalter deutscher Sprache nach Arno Schmidts Tod sein, beide haben aber bloß Gebärden und Kinkerlitzchen abpausen können.

Die Krux des gegenwärtigen Gesamt-Outputs besteht möglicherweise darin, dass Autoren nicht schreiben können, wodurch ihre Publikationsfreudigkeit aber nicht leidet. Autoren verstummen zu wenig. Dass irgendwo in Klagenfurt das Niveau gestiegen sein soll, basiert auf demselben Humbug, dass Joyce und Beckett weltliteraturgeschichtlich x-Mal wichtiger sein sollen als der viel tiefere genialere Döblin oder Schmidt. Wenn ich das Sieb der Zeit wäre, stünde Gerold Späth zwölfmal berühmter da als Günther Grass, und Botho Handke dreißigmal unbekannter als Eckhard Henscheid, und Micky Remann und Eckhard Sinzig stünden ganz oben, und Norbert Gstrein, Johanna Walser, Ransmayr und Wagner wären selbst mit Lupe nirgendwo so richtig zu entdecken, trotz ihrer Auflagen. Mein Blick als Vegetarier ist vom Vorübergehn der Handkes so trüb geworden, nur dann und wann ein weißer Elefant namens Proust und Rumpf und Wulff. Alle Autoren mutieren absurd vor sich hin oder dämmern alsbald als Bibliothekskadaver oder als Google-Einträge herum; viel mehr ist nicht zu wollen, zwischen Kosmos und Weimar. Mich wirds sowieso nie gegeben haben – nie! Nie. Und die mir hinterher nachtrauern könnten, wozu sie mir ähneln müssten, wirds genauso wenig je gegeben haben – je!

Das Abnehmen des Cyberspace-Helms hat das Zuklappen des Don Quixote-Visiers nicht umfunktioniert. Leseratte und RTL-Glotzer hocken beide ruhiggestellt vor ihrem Medium und lassen sich süchtig beeinflussen, mit dem Unterschied, dass das TV zu viele Bilder bietet und die Literatur zur Zeit zu wenig oder zu blasse. Interessant wird es frühestens da, wo der Autor den Leser in eine sonderbar von bisherigen Schemata abweichende Sichtweise hineinzwingt, nur müsste ein Autor selber erst einmal einer solchen Sichtweise unterliegen. Sportler, siehe Muhammed Ali, I’m the Greatest, überbewerten ihre muskuläre Bodybezogenheit genauso wie Philosophen namens Soundso dem Output ihrer neocortalen Aktivität auf den Leim gehn – in summa: Der klitzekleine Größenwahn von allerlei kulturfixierten Einzelsubjekten nippifiziert sich inhaltlich irrelevant doch sehr, neben dem Kollektivwahn der vorhandenen Menschheit, die mit Vollgas in Klimawandel etc. hineinbraust, trotzdem im Einzelfall ungeschoren davonzukommen. Problem halt: Heilige Narren wie Soldat Schwejk oder das göttliche »Make love not war« oder »Alle Menschen werden Geschwister« gelingt es viel zu selten, aus harten Charakteren den weichen Kern hervorzukitzeln oder Kriege um einige Sekunden abzukürzen. Auf Gipfelerlebnisse folgen dann wieder Talfahrten, Durchhänger, Durststrecken, und jeder pyknischen Lustpäpstin steht eine dürre Sterbepäpstin gegenüber. Die Rückkunft des Mittelalters macht Fortschritte, doch die Wiederverzauberung der Welt lässt auf sich warten.

Ich kam nur auf diese dubiöse Welt, um einige dubiöse Gehirne zu erheitern, was nicht absolut jeder Rezipient verzeihlich findet. Ich hab irgendwie zu spät gemerkt, dass ich mir eine Heerschar untalentierter Besserwisser heranzüchtete und aktivierte, die mir von Kompetenz bis Sprachgefühl alles abstritten, was ich so an Rüstzeug mitbrachte. Nicht nur Anthroposophen, Muslime, Christen, Sannyasin – am aggressivsten schwollen leider die promovierten Akademiker auf – nirgendwo ein Schlips, auf den ich nicht plötzlich wider Willen getreten bin. Als Autor hab ich noch von keinem Lektor, Redakteur oder Kritiker zu inneren künstlerischen Problemen irgendetwas gelernt. Es soll Kritikerinnen geben, die an meinen Romanen emotionale Substanz vermissen und die einen unterhaltsamen Clown und Faun wie mich so anstrengend finden wie nur noch Theodor W. Adorno und Arno Schmidt.

Dass ich einen einzelnen Mann an seine vorangegangenen Leseerlebnisse erinnere, heißt doch nicht für mich, dass ich mich darin erschöpfe. Mittels Schmidt hat sich meine Einstellung zu mehreren Satzzeichen um 700 Grad gedreht, hin und zurück. Es gibt ein paar Sachen, die spüren bis jetzt nur Schmidt und ich. Die Frankfurter Rundschau nannte mich mal »talentiert«. Das gab mir den Rest. Da bekam mein Lieblingstherapeut viel zu tun. Das Geheimrezept zu eigenem Stil lautet doch wohl jedem Fall: Abweichen, Aufbrechen oder Aufweichen stehender Wendungen bzw. Dreiwort-Kombinationen. Von außen sehen meine gegenwärtigen Bücher nach Überfülle und Engpass aus, von mir her gesehen aber findet bloß ein gleichmäßiges Weiterschreiten statt. Kein Wochenende kommt in Sicht, kaum eine Schaffenskrise, null Frühpension, und alles nur, um nervige Projekte vorwärtszutreiben.

Ich brauch bloß Stille – meine einzige Droge. Ich hab zwar 6000 Dateien in 60 Ordnern, auch Fächer; besonders das Fach »Uneinsortierbar« quillt sinnlos über; zudem ca. 30 kg unausgebeutete Reisezettel und 2 Doppelzentner Kladden, hab aber keine Zeit, sie zu entziffern. Nach wie vor seh ich mich umzingelt von 17 Romanplänen. Es ist alles nur das Hirn, was das macht. Dass ich zitierfreudige Literaturliteratur produziere, dieses Gerücht hab ich mir zeitweise selber eingebrockt. So kam es, dass irgendwelche banalen Gestalten als Dichterfürsten rangieren, und unsereins wurde dann als Überbieter bloß als Glossist, Kolumnist, Feuilletonist verbucht. Der Produktionsprozess ist selbst mir total egal, ich nehm ihn bloß in Kauf, weil er wohl dazu gehört, wie Petersilie zum Cappucino. Sogar mein Hirn ist mir relativ wurscht, und als Zugabe: mein Geist, und ich bin mir wurst; ich benutze mich nur, damit was beim Schreiben herauskommt. Aber selbst das Schreiben find ich völlig nebensächlich, und das abgelegte Opus ist auch nicht so das Richtige. Publizieren tu ich nicht etwa aus Geltungsdrang oder um der Menschheit, die sich nicht nach mir verzehrt, irgendeinem Schmarren aufzudrücken; meine Ethik verböte mir solches. Demnächst schreib ich dann aber auch noch ganz normale Handlungs- und Liebesromane, mit viel Dialog und emotionaler Substanz. Ich habe als Vegetarier immer mehrere Würste in der Pfanne.

Moderation: Niklas Schmitt

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