literarisches, Gespräch

Unterhaltung mit einem Toten. Roger Manderscheid im Collage-Gespräch

von Samuel Hamen
Januar 6, 2018 / 0 Kommentare

Am 1. Juni 2010 ist der Autor, Zeichner und Radiostückeschreiber Roger Manderscheid gestorben. Er gilt als einer der maßgeblichen Autoren der Nachkriegszeit, der die luxemburgische Literaturszene wie kein anderer geprägt, belebt und vorangetrieben hat. Als höchstneugieriger und schaffenswütiger Schriftsteller hat er auch immer mal wieder Interviews mit sich selbst geführt. Diese Freude am literarischen Spiel soll zum Anlass genommen werden, um Manderscheid erneut zu Wort kommen zu lassen. Seine nachfolgenden Antworten sind zu – sagen wir mal – 95% aus Gesprächen entnommen, die er im Laufe seiner jahrzehntelangen Autorenkarriere mit unterschiedlichsten Zeitungen geführt hat. Der Rest ist Erfindung – und dürfte dem fabulierfreudigen Manderscheid hoffentlich als die größte Verbeugung vor seinem nach wie vor quicklebendigen Werk sein.

Hamen: Herr Manderscheid, an diesem Donnerstag begehen wir ihren siebten Todestag.

Manderscheid: (lacht)

H: Schmeichelt es Ihnen, dass in Itzig ein klitzekleiner Parkplatz nach Ihnen benannt ist? Und in Luxemburg-Stadt ein Durchgang am Kapuzinertheater, der so oft zugemüllt ist, dass sich Roger Krieps 2014 veranlasst sah, einen Wutleserbrief ans Luxemburger Wort zu schicken?

M: (lacht und hustet und lacht)

H: Wieso lachen Sie denn die ganze Zeit? (Pause) Gut, dann halt ernstere Themen: Welche Rolle gestehen Sie der Kultur heute in unserer Gesellschaft zu? Das haben Sie nun davon.

M: (beruhigt sich mit viel Mühe, dann schlagartig ernst) Manchmal habe ich den Eindruck, dass Luxemburg überhaupt kein kulturelles Land ist.

H: Woran liegt das? Womöglich an kulturpolitischen Verfehlungen?

M: Mit dem Begriff Kultur wird von offizieller Seite eher rumgewedelt wie bei chinesischen Massenveranstaltungen, bei denen Tausende von Fähnchen herumgeschwenkt werden.

H: Spielen Sie jetzt auf die „Assises culturelles“ an?

M: (schaut fragend.)

H: Das waren letztes Jahr die – egal. Nochmal zurück zu Ihrer Diagnose von oben: Würden Sie so weit gehen, Luxemburg als nicht-kulturell, letztlich als barbarisch zu bezeichnen?

M: Mich würde wirklich einmal interessieren, wie viele Luxemburger regelmäßig Bücher lesen, Kunstausstellungen und Konzerte besuchen, und zwar nicht aus rein oberflächlichen Gründen, sondern aus einem echten kulturellen Bedürfnis heraus.

H: Stichwort: Fast-Pleite der Buchhandlung Alinéa … und die berüchtigte TNS-Ilres-Umfrage von 2016 gibt auf Ihre Kritik ja teilweise Antwort. 44% aller Befragten konnten nicht einen einzigen nationalen Künstler nennen. Namentlich erwähnt wurden Serge Tonnar, Thierry van Werveke und Fausti.

M: (lacht wie eine altersmilde Schildkröte.) Ach, wissen Sie: Wenn ich schreibe, denke ich nie an einen möglichen Leser.

H: Welchen Wert messen Sie dem Schreiben überhaupt noch zu? In einer solch lebensfeindlichen Umgebung?

M: Wenn ich nicht schreiben kann, kommt es mir vor, als würde ein Stück von mir fehlen. Eigentlich ist das Schreiben ein Dialog, den man mit sich selbst führt. Es ist für mich eine Art zweites Leben, das langsamer abläuft als das rasante echte Leben und also tiefere Einsichten ermöglicht. Überhaupt verlangt Literatur Engagement, über Lebensjahre hinaus.

H: Könnten Sie darauf verzichten, Literatur zu Papier zu bringen? Altersabstinent zu werden? Der US-Amerikaner Philipp Roth hat vor fünf Jahren entschieden, nie wieder Fiktionen anzurühren.

M: Ich werde wahrscheinlich keinen luxemburgischen Roman mehr schreiben. Ich denke sogar in diesem Augenblick, dass ich überhaupt nichts mehr schreiben werde, aber das denke ich öfter. (Pause) Angesichts der 18 Millionen Arbeitslosen in der EU –

H: Ihre Zahlen, entschuldigen Sie die Einmischung, sind veraltet, es sind 22 Millionen Arbeitslose, also, laut Bericht des –

M: (verdreht die Augen) Ja, gut, also: auf der einen Seite das ungebremste Profitstreben weltweit operierender Konzerne und auf der anderen die arbeitenden Menschen, die weniger wert sind als Sklaven. Wenn ich sehe, wie statt mit radikalen Maßnahmen mit elendigen Leserbriefen auf all die Verkehrstoten reagiert wird, ja, dann gehe ich mit großer Skepsis an die Wirklichkeit heran, in der für Literatur immer weniger Platz bleibt.

H: Das ließe sich erweitern. Eine Reaktion auf diese Skepsis gegenüber der globalen Realität ist die Politisierung der Sprache, deren nationale Vereinnahmung. Wie stehen Sie dazu?

M: Ich habe das Gefühl, daß die luxemburgische Sprache, besonders im Kontext der 150-Jahrefeier, ein wenig künstlich in die Vitrine gestellt wurde.

H: Mit der Sprachenpetition und den zahlreichen anderen, teils nationalistisch grundierten Initiativen hat sich das letztes und dieses Jahr nur noch weiter verschärft. Über die luxemburgische Identität wird wieder kontrovers diskutiert.

M: (schüttelt den Kopf) Was bedeutet schlussendlich der Begriff „Identität“? Ich für meinen Teil weiß nicht, wer oder was ich gerne wäre. Ich weiß nur, wer oder was ich nicht gerne wäre.

H: Aber das Großherzogtum war und ist immer Ihr Thema gewesen. Man denke an die Romantrilogie um Chrëscht, der in der Nachkriegszeit in Luxemburg aufwächst. Oder an ihr wenig schmeichelndes Portrait „stille tage in luxemburg“, das damals für einen Skandal sorgte.

M: Luxemburg stellt eine Miniaturwelt dar, in der sich die globalen Entwicklungen und Tendenzen wie in einem Brennspiegel konzentrieren und beobachten lassen. Und diese Umgebung, in der ich wohne, nehme ich ernst. Das ist auch der Grund, wieso ich so hart daran arbeite, dieses Milieu wieder und wieder zu analysieren.

H: Zum Abschluss bitte eine knackige Antwort auf die Frage: Mit welchem literarischen Selbstverständnis setzen Sie sich an Ihren Schreibtisch?

M: Schreiben, ohne Hass, dafür mit einer gewissenhaften Genauigkeit.

Samuel Hamen

 zuerst erschienen im Lëtzebuerger Journal im Rahmen der Literaturkolumne:

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