Kritik

Den Zeitenwind in Worte fassen. Über Amitav Ghoshs Essay „Die große Verblendung“

von Samuel Hamen
Januar 20, 2018 / 0 Kommentare

Was gibt es vermeintlich Harmloseres als Smalltalk über Sonne, Nässe und Wind: „Wieder so viel Nebel. Immer noch Regen. Ach, diese Hitze!“ Im Supermarkt, vor dem Nachbarzaun, am Telefon – nur zu gerne reden wir wie Meteorologen vor uns hin. Aber in den letzten Jahren hat sich in diese unbekümmerte Plauderei etwas eingeschlichen, ein Unwohlsein gegenüber klimatischen Phänomenen, ein Verdacht, dass die Hitze um Pfingsten und die Überschwemmung im Januar ein neues, anderes Ausmaß angenommen haben. Die natürliche Umgebung ist uns suspekt geworden.

Diesen veränderten Wahrnehmungsmustern hat der indische Schriftsteller Amitav Ghosh ein Essaybuch gewidmet. „Die große Verblendung“ geht der Frage nach, auf welche Weise die Literatur von den allmählichen klimatischen Verschiebungen (und unserer Erfahrung derselben) betroffen ist. Als Autor zahlreicher Romane, die zumeist in Indien spielen, interessiert sich der 1956 geborene Ghosh auch aufgrund eigener Schreiberfahrungen für diesen Fragekomplex.

Ihm gehe es, schreibt er, darum, „den merkwürdigen Widerstand“ nachzuvollziehen, „den der Klimawendel heute der sogenannten ernsten Erzählliteratur“ leiste. Um diese These zu verfolgen, steht zu Beginn eine Diagnose: Die Gegenwartsliteratur habe es bisher versäumt, sich mit dem Klimawandel auseinanderzusetzen. Er käme zu selten in Romanen vor, und wenn doch, dann verkürzt oder in seiner ganzheitlichen Wucht inadäquat dargestellt.

Das sind starke, weltumspannende Worte, die notwendigerweise grob und ungenau bleiben müssen. Als planetarisches Phänomen ist der Klimawandel überall zu erfahren; dementsprechend arbeiten sich auch überall Schriftsteller auf die eine oder andere Weise an ihm ab. Und wer vermag schon, dies alles zu lesen, auszuwerten, einzugliedern? Mit einem halbgeschlossenen Auge fertigt Ghosh eine Bestandsaufnahme an, die nur dahingehend gültig ist, als sie seine eigene These auf scheinbar feste Füße stellt: Das Klima verändert sich, die Literatur nicht, also schreibe ich über dieses Missverhältnis.

Aber natürlich gibt es sie, Belletristik, die den Klimawandel zum Thema hat. Aus meiner arg beschränkten Sicht des deutschlesenden Mitteleuropäers kann ich für die vergangenen Jahre einige Bücher anführen: „Macht“ von Karen Duve“, „Winters Garten“ von Valerie Fritsch oder „Ein guter Mensch“ von Jürgen Bauer. Wer sich aus unserer bornierten Warte herausbegibt, würde schnell auf viele weitere kluge Bücher stoßen.

Diese argumentative Selbstgefälligkeit stützt die Freude an der eigentlich hochspannenden, weil aktuellen Lektüre. Denn die grundlegende Behauptung, ausgestattet mit Auszügen aus literaturwissenschaftlichen Studien, meteorologischen Aufsätzen und Augenzeugenberichten klimatischer Katastrophen, ist triftig dargelegt. Der bürgerliche kanonische Roman, wie er sich seit dem 19. Jahrhundert in den westlichen Ländern ausprägte, „konzentrierte sich immer radikaler auf die individuelle Psyche“, auf ein Leben, ein Ego, das durch eine kleine Unwägbarkeit geht, um verändert, bestenfalls gestärkt, aus derselben herauszutreten. Derlei punktuelle Individual-Stories seien aber inkompatibel mit einem globalen und kollektiven Phänomen:

„Das Wesen des Klimawandels setzt sich aus genau den Phänomenen zusammen, die vor Langem aus dem Territorium des Romans verstoßen wurden – aus Kräften von unvorstellbarer Gewalt, die unerträglich enge Verbindungen über unermessliche Zwischenräume in Zeit und Raum hinweg herstellen.“

Für Ghosh muss die zeitgenössische Literatur zwei Parameter umstellen, um auf angemessene Weise vom Klimawandel erzählen zu können: Statt einem Individuum muss das Kollektiv in den Blick genommen haben, statt eines bürgerlichen Hauses à la Buddenbrooks eine ganze Stadt in all ihrer Unübersichtlichkeit. Zudem muss die Natur nicht als eine zu beherrschende anti-rationale Entität konzipiert werden. Schließlich läge ihr „eine allumfassende Präsenz“ inne, „die ihre eigenen Ziele, über welche wir nichts wissen“ verfolge. Das klingt alles so reizvoll wie diffus, und einigen der Passagen klebt tatsächlich der Makel des Theoretischen an. Viel wird behauptet, viel eingefordert, viel klassifiziert. Aber eine Praxis dieser inklusiven, letztlich totalen Literatur wird nicht aufgezeigt.

Neben diesem ersten (und längsten) Kapitel „Geschichten“ gibt es zwei weitere: „Geschichte“ und „Politik“, in denen aus geschichts- bzw. politikwissenschaftlicher Perspektive der Klimawandel skizziert wird. Sie sind kürzer, üblicher und ohne großen Gewinn. Vieles kennen wir aus Nachrichten, Debatten und arte-Reportagen. Im ersten Teil von „Die große Verblendung“ steht jene These, die den Essay bedingt lesenswert macht; auf diesen 120 Seiten gelingt es Ghosh, die historischen Bedingtheiten des Romans als einer kulturellen Artikulationsform herauszuarbeiten, um ihn mit der Gegenwart und ihren Herausforderungen zu konfrontieren.

Samuel Hamen

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