literarisches

Zweitausendnaunddreißig

von Samuel Hamen
Januar 30, 2018 / 0 Kommentare

Eins
Auf den Autobahnen waren
die Abstände längst nicht mehr
einhaltbar. Die Lust zu hupen
nahm zu, und ab und an ärgerten
wir uns noch über eine Sonne,
die zu tief stand für unsere
Augen. Zuletzt verfuhren
wir uns aus Gewohnheit,
standen an Waldwegen, um halb
-herzig zu fluchen auf harzige
Flecken auf dem blauen Lack.


Zwei
Allenthalben Funklöcher zu stopfen,
das war noch Aufgabe gewesen einer
ganzen Generation. Wir aller
-dings standen da, standen
in den Funksignalen und störten
deren Durchzug ins Hinterland.
Alleine: Wenig blieb zu tun.
Noch eine zu rauchen und die
Werkstattfahrt nicht zu vergessen,
die anstand und die wir keinesfalls
mehr zu stornieren wagten.


Drei
Nahbar waren nurmehr noch
die vielen Fotos, unscharf
natürlich, von Katzen, abhanden
gekommen zwischen Liegen
-schaften toter Spekulanten.
Auf deren Brachflächen schärften
wir unseren Sinn für Geometrie und
belangten uns für gängige Symmetrien.
Später zählten wir die Aushänge
der Vermissten, die lückenlos in
den verblienenen Vierteln hingen.


Vier
Längs der Wegesränder lagerten
die Sedimente und warteten auf
heißhungrige Geologen. Doch
diesen gelang es immer seltener,
den Geruch von Erdfrüchten in
den eigenen Fingerkuppen bloß
-zulegen. Zu jener Zeit begab es
sich, dass wir meine Ersparnisse
aufbrauchten, um auch mal da
-bei zu sein, wenn ein Waldgänger
endgültig die Orientierung verlor.


Fünf
Als die Nieten am Flugzeug
-rumpf eines Nachts geklaut
wurden, war die Aufregung
gering. Die Hebebühnen wurden
weggefahren und die Gesetze
der Hydraulik vergessen. Tags
darauf standen wir in der Kabine
und saugten an Sauerstoff
-masken, bis die Lungenflügel
blau anliefen. Durch Fenster
sahen wir die Lotsen winken.


Sechs
Allerorten nahmen die Stückzahlen
ab. Statt ihrer stieg die Anzahl
falscher Alarme in Wohngebieten,
und bald schon hörten wir auf,
die Zigaretten an den Mund zu
führen, als wäre das selbst
-verständlich. Die Atemwege
waren nunmehr frei, aber
wir begnügten uns dennoch
mit weniger Luft als früher,
aus großer Angst vor Embolien.


Sieben
Wenn wir mal wieder was in
Händen halten wollten, zogen
wir aus tiefen Innentaschen
Handys und glichen das Wetter
ab. Unter den Hochdruck
-gebieten, von Halbinseln
kommend, litten all unsere Geräte
mit Akkus. Nunja, wir waren
genügsam geworden, was Nach
-richten anging, und vieles blieb
ungelesen im Posteingang liegen.


Acht
Lücken in den Parkhäusern luden
uns dazu ein, uns Panoramen aus
-zudenken, mit kleinwagengroßen
Tieren drin, Tieren, die wir lange nicht
mehr gesehen hatten. Die Abriegelung
der Außenbezirke war auch ohne
unser Zutun vonstattengegangen.
An den neuen Zäunen konnten wir
den Wuchs der Kinder besser
und genauer als vorher an
-kreiden und Zuwächse bejubeln.


Neun
Hingebungsvoll wünschten wir
uns etwas, das uns allen nottäte:
Traktorreifen, die bei Manövern
bersten, oder Tachonadeln, die
abfallen wie Laub von morschen
Bäumen. Nur dann wäre, so
die Hoffnung, die Hand
-habung über unsere Unfälle nicht
mehr gegeben. Hin und wieder
höhlten wir deswegen mit grobem
Werkzeug Löcher im Asphalt aus.


erschienen in: Entwürfe – Zeitschrift für Literatur

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