literarisches, Kommentar

In weiter Ferne lauter Licht. Auf der Ile d’Ouessant

von Samuel Hamen
Februar 27, 2018 / 0 Kommentare

Die Farbe des Meeres vor Ouessant ist die erste Herausforderung. Hier, gut 20 Kilometer vor der westfranzösischen Küste, gewinnt die Landschaft plötzlich an Tiefe, Kontur und Sattheit. Im Hafen von Le Conquet, von wo aus wir in die Fähre Le Fromveur 2 gestiegen waren, hatte uns noch die betonierte Üblichkeit eines Sommerortes im Winterschlaf erwartet. Verriegelte Häuser, leergeräumte Terrassen und, endlich mal, zu viele Parkplätze für zu wenige Autos. Aber jetzt, Minuten bevor wir auf der knapp 16 Quadratkilometer großen Insel anlegen, wirkt es, als sei ein Instagram-Filter vors Auge geschoben worden. Alles glänzt. Ist das Meer nun türkisfarben? Mattblau? Oder doch mit einem Stich ins Pastellgrüne? Und wie ließe sich dieser gleißend-kalte Schimmer auf den Wellen in Worte fassen?

Schließlich kommen wir wegen genau dieser Fragen nach Ouessant. Anlässlich des fünften Todestages des luxemburgischen Autors Jean Krier wollen wir seine Insel erkunden. Der 1949 geborene Lyriker hat über Jahrzehnte hinweg viele Reisen in die Bretagne unternommen, insbesondere zur Île d’Ouessant, über die er zahlreiche Gedichte geschrieben hat. Seine Bände sind eingepackt, seine Verse schwirren durch den Kopf. Wie sieht ein Schriftsteller diese Insel? Welche Worte findet er für diese insulare Kargheit, hinausgeschleudert ins keltische Meer?

Im kleinen Hafen der Baie de Stiff legt die Fähre an. An den Kaimauern prangern Graffiti und erinnern an die Präsidentschaftswahlen vom vergangenen Jahr: „Votez François Fillon“ für die Konservativen, „Fillon dehors“ für den Rest. Nein, une évasion, wie es so oft in französischen Reisekatalogen heißt, ein Entfliehen und Wegkommen ist auch hier, am vermeintlichen Ende der Welt, nicht zu haben. Auf dem Gelände des Hafens warten zwei, drei private Taxen, die die wenigen Touristen, die sich in der Nebensaison nach Ouessant verirren, gegen wenig Geld über die sonst autofreie Insel fahren. Zu diesen Anbietern zählt auch das Kleinst-Reiseunternehmen Eusa Découverte.

„Hier will ich bleiben“

Eusa sei der bretonische Name für die Insel, die, erklärt uns der Fahrer, weniger als 800 Einwohner zähle, während ich im ersten Gedichtband von Jean Krier, Bretonische Inseln, nach dieser einen Passage suche, die dieser Ankunft bei Prachtwetter entspricht. In den frühen Ouessant-Gedichten, die 1994 erschienen und 2006 im Kleinverlag Rimbaud wiederaufgelegt wurden, steckt eine Verve, mit der gemeinhin Fahnen in Böden gerammt werden, um das Terrain für sich zu beanspruchen: „Hier will ich bleiben, / dem Meer / nicht mehr fahren / über die runzlige alte Haut. / Hier bau ich mir / meine Ruine, zieh mir / über die Ohren das Fell, hier / soll alles / bei mir / an die falsche Adresse geraten im Heidekraut / 60m über dem Meer.“

Anfang Januar blüht das Heidekraut freilich nicht. Aber 60 Meter bleiben auch im bretonischen Winter 60 Meter, und während der zehnminütigen Fahrt vom Hafen im Osten nach Lampaul im Westen lässt sich die Umgebung aus dieser insularen Erhabenheit begutachten. Sachte Hügel, streunende Schafe, hüfthohe Mauern. Und die Regler für die Farbsättigung müssen von irgendeiner listigen Hand während der Überfahrt hochgesetzt worden sein. Das hüglige Gras ist grün, der Himmel blau, die Wolken weiß. Keine Chance für Nuancen und Finessen – alles ist satt, klar und unnachgiebig.

In Lampaul herrscht dann die Schläfrigkeit eines Dörfchens, das an der äußersten Peripherie irgendeiner Metropole vor sich hindämmert. Bloß: Hier gibt es keine Großstadt, auf die alles zuläuft, hier geht alles meerwärts, hin zu den Klüften und zur Gischt. Vieles ist in direkter Fuß-, ja Stolpernähe: der Zeitungsladen mit einer kleinen, überraschend gut sortierten Bücherecke, die Bäckerei, die Crêperie, die Kirche sowie der Supermarkt. Tatsächlich ist es angebracht, immer die statt eine zu schreiben – es gibt schlichtweg von allem nur eins.

Finde ich hierfür ein Wort?

Kurz darauf wird ein erster Spaziergang zum südwestlichen Zipfel unternommen, an der Kapelle Notre-Dame de Bon Voyage vorbei, hin zum Phare de Créac’h, in dessen Gebäudekomplex ein Schifffahrtsmuseum untergebracht ist. Die Insel ist auch jetzt, trotz des einschüchternd schönen Wetters, karg. Ihre Landschaft kündet von einem herben, entbehrungsreichen Leben. Im Gedicht Eines Blickes zu würdigen auch aus Jean Kriers viertem Band Herzens Lust Spiele (2010) heißt es: „Warum läufst da auf den Felsen herum, / so kahl, so karg u wahr, an diesem Meer / so platt, si crevée u die heiseren Schreie / der Tiere.“

Für diesen Band, der im Leipziger Lyrikverlag Poetenladen erschien, wurde Krier mit renommierten Preisen ausgezeichnet. 2011 wurde ihm beispielsweise der Adelbert-von-Chamisso-Preis zugesprochen, eine Auszeichnung, die an Autoren vergeben wird, die auf Deutsch schreiben, ohne Muttersprachler zu sein. Zudem erhielt Krier im selben Jahr den Prix Servais, den wichtigsten Literaturpreis Luxemburgs. In seiner Dankesrede, die er anlässlich der Verleihung im Centre national de littérature hielt, sagte Krier: „Die Antwort auf das Warum ist, wie sich das für einen Lyriker gehört, kurz und bündig: Man tut, was man kann. Auf theoretische Erklärungen wird verzichtet.“

Wer sich auf Kriers Werk einlässt, wird früher oder später ergänzen: „Man tut, was man muss.“ Denn diese mal grasweiche, mal von Wind und Salz verätzte Landschaft ist als eine Prüfung zu betrachten: Finde ich hierfür ein Wort, eine Formulierung, einen Vers? Ouessant als Schreibaufgabe – wer mit einer gewissen Dichtungslust hierhin reist, wird schnell zum Schreiben verleitet. Bei Krier entsteht hieraus ein beeindruckend vielgestaltiges Werk, das nur einen felsigen Streifen Land braucht, um eine ganze Existenz durchzudeklinieren.

Das Schmatzen der Wellen

Die prägnante Lage vor der französischen Küste hat nicht nur den Lyriker Krier herausgefordert. Im Presseladen liegen viele Bücher aus, die auf Ouessant spielen. Oftmals sind es insulare Melodramen mit verschrobenen Leuchtturmwärtern, im Atlantikwind anrüchig umherwehenden Röcken und vielen Küssen auf salzige Lippen. Daneben finden sich aber auch Bücher, die anlässlich des Salon du livre insulaire d’Ouessant ausgezeichnet wurden. Und von hier aus wäre es auch nur ein Sprüngchen, um die Maison des îles et des livres zu erreichen, ein Kulturhaus, das sich der Förderung der hiesigen Literatur verschrieben hat. Zuletzt stoßen wir beim Stöbern, als erneute Warnung, dass niemand der niederschmetternden Üblichkeit entkommt, auf Giulia Enders‘ Darm mit Charm in französischer Übersetzung.

Am nächsten Tag steht ein weiterer Spaziergang an, Richtung Osten, vorbei an der Kleinstsiedlung Porsguen. Der Weg führt an einstöckigen Häusern mit blaugestrichenen Fensterläden vorbei. Wie in einfallslosen Büchern bellt irgendwo ein Hund, am Rand biegen sich die Grasbatzen, vom Wind seitlich weggekämmt. Irgendwann verlassen wir die asphaltierte Straße und laufen querfeldein über einen Wiesenpfad. Es fühlt sich an, als hoppele man auf einer bestens wattierten Matratze vorwärts, auf die weite, offene Baie de Penn ar Roc’h zu.

Auf seinem Album Eusa hat der französische Komponist Yann Tiersen, bekannt für den Soundtrack von Die fabelhafte Welt der Amélie, dieser Bucht ein Stück gewidmet. Tiersen lebt seit Jahren auf Ouessant, am ersten Abend hatten wir sein gerahmtes Porträt in einem der Cafés gesehen. Aber der sonnenklare Augenblick ist zu schön, um das Smartphone herauszuholen und sich Tiersens Klaviermusik anzuhören. (Als Nachtrag jetzt dann doch:)

 

Stattdessen drängt sich in das Blöken der Schafe und das Schmatzen der Wellen, die in die Felsspalten hineinströmen, ein Gedanke: Ouessant ist wie Sylt, nur ohne Porsche und Gosch, wie Irland, bloß ohne Kerrygold-Werbung. Natürlich lockt die Leuchtturmromantik die an Seefahrt und Architektur Interessierten auf die Insel, die insgesamt fünf Leuchttürme zählt, darunter den 1700 fertiggestellten Phare du Stiff, den ersten französischen Leuchtturm im Ärmelkanal. Aber das touristische Klischee ist noch nicht verschlackt. Noch lässt sich über diesen Flecken Erde irren, ohne immerzu und überall vorgefestigte Bilder und Stimmungen bestätigt zu bekommen.

Erinnerungen an Paul Celan

Spät, am Ende des zweiten Nachmittags, werden uns dann Regen, Böen und Kälte entgegengeschleudert, als abendliche Maßnahme gegen zu heiter verbrachte Tage. Wer wie Jean Krier Sommer und Winter hier verbracht hat, hat natürlich auch hierfür einen Dreizeiler parat: „Jetzt werden die Letzten noch über die Felder, / Felsen u Fluren gejagt, dann aber kein Mensch mehr: / einsam wie immer. Es ist doch eine mächtige Zeit.“ Und die letzten Verse von Kriers Gedicht Produit de Bretagne lauten: „Sing nicht. Träume nicht: die Wolken / gehen sehr, unten am Felsen liegt immer neues / Geröll. Geht mal baden das Meer. Das Spiel ist aus.“

Wir fliehen ins Ty Korn, den einzigen Pub auf Ouessant. Er liegt neben der Kirche und beherbergt im ersten Stock ein mehrfach prämiertes Restaurant. Gleich neben der Tür hängen achtzehn blecherne Auszeichnungen vom Le Routard, dem berühmten französischen Reiseführer. Ein Zettel informiert darüber, dass die neunzehnte Plakette, jene für 2017, geklaut worden sei. Der diebischen „Arschgeige“ wird gedankt, begleitet vom Ausspruch: „Die Dummheit reift immer weiter, nirgendwo sind wir mehr sicher.“ Im holzvertäfelten Schankraum unternimmt man kurz den Versuch, die angenehm gedimmte Stimmung aufzuschlüsseln, sie auf die Kauzigkeit der Einheimischen oder die Mattheit der viel gewanderten Touristen zurückzuführen. Aber schnell gibt man derlei auf, trinkt stattdessen sein Starkbier und wühlt, um sein schlechtes Lektüregewissen zu beruhigen, ein wenig in den Gedichtbänden herum.

Jean Kriers Produit de Bretagne erinnert nicht zufällig vom Titel her an ein Gedicht von Paul Celan. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren hatte der deutsch-jüdische Autor jeweils einige Wochen in der Bretagne verbracht, um sich von Paris und den literaturbetrieblichen Anfeindungen zu erholen. 1960 blieb er einige Wochen in Trébabu, einem Dörfchen gleich vor Le Conquet, wo die Fähre zwei Mal pro Tag nach Ouessant ablegt. Und bei einem seiner früheren Reisen, im April und Mai 1957, hielt Celan sich in der größten Stadt der Bretagne, Brest, auf. Über diese Reisen hat der Literaturkritiker Helmut Böttiger ein aufschlussreiches Buch geschrieben: Celan am Meer (Wallstein, 2017). Eines von Celans Gedichten, das er im Mai 1957 zu schreiben begann, trägt den Titel Matière de Bretagne: „Ginsterlicht, gelb, die Hänge / eitern gen Himmel, der Dorn / wirbt um die Wunde, es läutet / darin, es ist Abend, das Nichts / rollt seine Meere zur Andacht, / das Blutsegel hält auf dich zu.“

Der Horizont verging zwischen Gischt und Dunkelblau

In der berühmten Meridian-Rede, die Paul Celan anlässlich der Entgegennahme des Georg-Büchner-Preises 1960 hielt, sprach der Dichter davon, dass jedem Gedicht sein Datum eingeschrieben sei, die eigene Zeit, die es wie die Luft zu atmen habe. Natürlich verwies er auch und insbesondere auf Auschwitz. Wer sich durch Jean Kriers Ouessant-Gedichte liest, kommt nicht umhin, diesen Ausspruch weiterzudenken, freilich in harmlose Gefilde hinein: Vielen seiner Gedichte ist ebenso ein Raum eingeschrieben, der Ort, der es gedanklich und bildlich hervorgebracht hat. Die zerklüftete Landschaft der Bretagne ist die zerklüftete Poesie.

Es wäre also adäquat gewesen, die vier mitgebrachten Gedichtbände Jean Kriers am nächsten Tag vor Ort zu lassen – damit Text und Topographie zur Deckung gelangten. Leider warnte uns ein Post-it am Bücherschrank unseres Hotels davor, die Glastür zu öffnen. Der Schrank wackle zu viel, die Schrauben seien zu lose. So packten wir die Bücher wieder ein und ließen uns zum sturmumtobten Hafen fahren.

An Bord der Fähre gab dann jeder sein Bestes, den meterhohen Wellen auf seine Weise zu erliegen. Die Hunde winselten und hechelten, die Menschen erbleichten und würgten. Ouessant entließ uns mit der Warnung, dass jetzt auch mal gut sei. In der Dünung verging der Horizont zwischen Gischt und Dunkelblau, und die Botschaft war klar: Beeindruckend war’s. Aber kommt ja nicht auf die Idee, aus diesem geschundenen, heillos schönen Flecken Erde eines eurer Katalogklischees zu machen.

 

Samuel Hamen

zuerst erschienen auf:

 

 

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