Kritik

Vom Nichtverzweifeln und Rausgehen. Über Lukas Bärfuss‘ Essayband „Krieg und Liebe“

von Samuel Hamen
Mai 24, 2018 / 0 Kommentare

Wer hat ihn gerufen, den Querulanten? Niemand. Wer fühlt sich berufen, diese Rolle zu übernehmen? Wenige. Und wer braucht diesen Störenfried? Ein jeder. Der 1971 geborene Lukas Bärfuss hat seine Rolle zwischen Unliebsamkeit und Notwendigkeit längst gefunden – zum Glück und zur Erhellung seiner Leserschaft.

1955 schrieb der Schweizer Dramatiker Friedrich Dürrenmatt: „Gewiss, wer das Sinnlose, das Hoffnungslose dieser Welt sieht, kann verzweifeln, doch ist diese Verzweiflung nicht eine Folge dieser Welt, sondern eine Antwort, die er auf diese Welt gibt, und eine andere Antwort wäre sein Nichtverzweifeln, sein Entschluss etwa, die Welt zu bestehen, in der wir oft leben wie Gulliver unter den Riesen.“ Lukas Bärfuss beweist in „Krieg und Liebe“, seinem zweiten Essayband nach Stil und Moral, dass auch er ein solcher „Nichtverzweifler“ ist, jemand, der sich immer wieder eine wachsame, brüchige Hoffnung erschreibt: „Alles, was ist, könnte auch anders sein. Wir können dieses Andere schließlich denken. Und da wir es denken können, muss eine andere Welt möglich sein.“

So formulierte es der Romancier und Dramatiker in der Rede A Nation of Nothing but Poetry, die er bei der Entgegennahme des Nicolas-Born-Preises 2015 hielt. Tatsächlich ist der Möglichkeitssinn ein oft beschworener Trumpf in diesen Essays: das Mögliche als Erweiterung, als eine Maßnahme gegen die Enge der Gegebenheiten. Denn hier findet Literatur zu sich: sprechen, um Auswege und Zugänge aufzuzeigen, schreiben, um miteinander in Kontakt zu bleiben bzw. zu treten. In einem Diskurs, in dem einzelne Begriffe wie Heimat oder Volk wieder ein alleiniges Realitätsrecht einklagen, ist jedes offene, inkludierende Sprechen ein widerständiges und waghalsiges.

In der Dresdner Rede, die Bärfuss 2017 ebendort im Staatsschauspiel hielt, wird dieser Möglichkeitssinn dann auch als ein politischer verstanden: „Und Dresden ist eine solche Koordinate / Ist eine solche Erzählung / Weil Dresden die Möglichkeiten zeigt / Die Wahl die wir haben / Entweder Sprache oder Gewalt“. Insgesamt ist vielen der Essays, etwa einer Rede vor jungen Journalisten oder einer Brandschrift gegen die Schweizer Politik (Suissemania), ein aktionistischer Drall eingeschrieben.

Zeuge seiner Zeit

Und wie bei anderen unlängst veröffentlichten Essaybänden, beispielsweise Das Wundersame in der Unwirtlichkeit von Marlene Streeruwitz, stellt sich die Frage, wie denn eine Praxis nach der Proklamation aussähe. Folgt auf das Schreiben das Lesen – und darauf das Tun? Oder ist das Schreiben das Tun? An einer Stelle heißt es bei Bärfuss: „Wem etwas an der Aufklärung liegt, der sollte rausgehen und den Leuten erklären, dass es eine Zukunft gibt.“ Wer liest, geht indes nicht raus. Schlimmstenfalls glaubt der Essay- und Pamphlet-Lesende, gar nicht mehr rausgehen zu müssen, so satt und klug und matt fühlt er sich.

Als Chronist, Diagnostiker und Kritiker, kurzum: als „Schriftsteller, der Zeuge seiner Zeit sein will“, scheut Bärfuss diese Inkonsequenz eines gelebten Intellektuellen-Lebens nicht. Und seine 28 Essays erbringen tatsächlich eine seltene Leistung: Sie bieten uns eine solidarische, ermutigende Lektüre an. Hier spricht jemand besonnen und resolut, über den staatlichen Zugriff auf unsere Körper, über den Hang zum Kriegerischen, der auch unserer Gesellschaft eingeschrieben ist. Hier zeigt jemand auf, wie das geht: konzises Denken und mutiges Sprechen in einer Zeit, die wahlweise mit Wörtern wie wirr, finster oder ungestüm adjektivisch überausgestattet wird. Die Stimme von Lukas Bärfuss hilft einem dabei, abseits der Schrillheit klare Sätze für unklare Zustände zu finden.

Intervention statt Kontemplation

Es gibt auch Beiträge, die weniger vom ab und an pastoralen Wachrüttel-Charakter zehren, etwa eine sehr persönliche Annäherung an das Werk Hermann Hesses, in der es Bärfuss gelingt, diesem so verwursteten Dichter fair gegenüberzutreten. Auch zu Walter Benjamins Theorie des Übersetzens erarbeitet sich Bärfuss auf wenigen Seiten einen umsichtigen Zugang, nur um erneut an der zentralen Scharnierstelle auch seiner Romane (100 Tage, Koala) anzugelangen, an der „Differenz zwischen der Gesellschaft, in der wir leben, und jener, die wir uns wünschen“.

In Krieg und Liebe hat Bärfuss eher Interventionen denn Kontemplationen versammelt. Nur wenige Beiträge wagen es, das Obligo des Einmischens, das sich dieser Autor auferlegt hat, zu kombinieren mit dem Poetischen und einer sprachlich schönen Schwebe. Aber wenn es denn gewagt wird, entstehen furios leise Texte, denen etwas Seltenes gelingt: die glänzend rhythmisierte Stilkunst, wie Bärfuss sie zuletzt in seinem Roman Hagard bewies, kurzzuschließen mit der Bezugnahme zur „verwirrlichen Welt“, wie es an einer Stelle im vorliegenden Band heißt. Das vergangene Jahr, ein Rückblick auf 2014, schließt so: „Die Fröhlichkeit zu bewahren fiel einem nicht immer leicht, und da die Melancholie, einst eine aparte und seltene Grundierung, zum allgemeinen Anstrich geworden ist und nicht nur einzelne Stimmen, sondern ganze Chöre in den Abgesang auf unsere Kultur einstimmen, und da sich niemand mehr seines Trübsinns schämt, bleibt es die Aufgabe meiner Generation, die Fröhlichkeit in die Straßen zu tragen, jetzt und an jedem Tag des kommenden Jahres.“

Samuel Hamen

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