Kritik

D wie Dating, E wie Einsamkeit. Über Melissa Broders Roman „Fische“

von Samuel Hamen
September 13, 2018 / 0 Kommentare

Bei Twitter, dem Hausmedium von Melissa Broder, gibt es ein Profil namens infinite scream, das von einem Bot gesteuert wird und pro Tag Dutzende von Tweets mit dem immergleichen Inhalt absetzt, einem langgedehnten Aaaaaah.

Die condition humaine wird algorithmisiert, sie wird zum redundanten Ausbruch eines am Leben Leidenden. Damit hätten wir auch schon eine recht konzise Beschreibung davon, was die US-Schriftstellerin Broder in ihrem Debütroman umsetzt.

Den in diesem Fall gut 350 Seiten anhaltenden Weltschmerz-Schrei stößt Broders Hauptfigur aus, die 38-jährige Lucy. Es steht nicht gut um sie: Auf den launig dahergesagten Vorschlag, man solle doch einmal eine Beziehungspause einlegen, geht ihr langjähriger Freund sofort ein. Sie fühlt sich alt und unbegehrt, überfordert von den Tücken der Liebe und dem Zwang zur Anerkennung. Und seit Jahren schreibt sie erfolglos an einer Promotionsschrift zur antiken Liebeslyrikerin Sappho, in deren Texte sie die eigenen Selbstzweifel hineinschmuggelt. (Das nennt sie dann im vollen Wissen um ihren Selbstbetrug Interpretation. Eine ähnlich entlarvende Bankrotterklärung an die Philologie hat in letzter Zeit nur Michel Houellebecq in Unterwerfung vorgelegt.)

Ein Ortswechsel für Lucy soll Abhilfe schaffen, eine Reise in den Westen, nach Venice Beach, wird unternommen, ins leerstehende Haus der Schwester an der Küste Kaliforniens, jener topografischen Petrischale, in die amerikanische Figuren immerzu gesteckt werden, um Träume zu hegen und Albträume wuchern zu lassen. Und genau das passiert dann auch vor Ort: Obsession trifft auf sommerumwehte Lust, Verzweiflung auf die Weiten des Pazifiks. In einer Therapiegruppe spricht Lucy über ihre Beziehungsprobleme, in dunklen Gassen hat sie desaströse Treffen mit Männern, die sie über Dating-Plattformen kennengelernt hat: „Wahrscheinlich hatte ich ein schlechtes Gewissen, weil ich ihn ablehnte, ohne ihn wirklich zu kennen. Ich schämte mich dafür, ihn aufgrund seines Aussehens in eine Schublade zu stecken, aber was konnte man von einer Knutschverabredung schon erwarten? Vielleicht war dieser Affenwerwolf alles, worauf ich hoffen konnte.“

Das Fantasma als Rettung

Nach solch ernüchternden Erfahrungen sucht die Protagonistin immer wieder die Ruhe des Meeres. An einem Felsen am Strand trifft sie dann Theo. Sie lernen sich kennen, unterhalten und küssen sich, bevor Lucy die Wahrheit erfährt: „Ich sah, dass sein Anzug gar kein Anzug war, sondern ein riesiger, schleimiger, schwerer Fischschwanz. Er hing an Theos Körper. Vielleicht war das sein Körper? […] Der Schuppenschwanz trug das Muster der Zeit, wie ein sandiger Meeresboden, der von den Wellen geformt wurde. Anscheinend hatte sich das Schuppenkleid im Laufe der Jahre herangebildet, wie eine Infektion, die langsam den ganzen Körper befällt. Bloß, dass es keine Infektion war. Der Mann war ein halber Fisch.“

Nachdem die Beziehung zu ihrem Freund vollends gescheitert ist, stellt dieser Meermann eine emotionale wie erotische Kompensation für Lucy dar. Er ist zärtlich und bildhübsch, liebevoll und aufmerksam, verletzlich und nahbar. Vor allem aber ist er reine Erfindung, eine imaginäre Maßnahme gegen die Einsamkeit. Zugleich nimmt Broder mit ihrem Meermann eine feministische motivgeschichtliche Revanche vor. Nach all den Nixen, Sirenen und Meerjungfrauen der langen Literaturjahrhunderte wird die Typisierung endlich umgestülpt: Das Objekt der Begierde ist nicht mehr die einlullend laszive Nixe, sondern eine Mischung aus archaischem See-Gott und naivem Surferboy. Hiermit führt Broder auch die Tradition Ingeborg Bachmanns fort, die bereits 1961 in der Erzählung Undine geht die Meerjungfrau einer klischierten Sexualsymbolpraxis entzogen hatte, um sie Anklage erheben zu lassen gegen die patriarchale Welt.

Bis auf diese gelungene Fantasma-Pointe bietet „Fische“ aber kaum mehr als repetitive Selbst- und Fremdanklage, Postkarten-Sprüche über die Liebe (sie tut weh) und zahlreiche lange Sexszenen, die sich bezüglich ihres pornographischen Gehalts nicht so recht zwischen Affirmation und Kritik entscheiden können. Die Figuren in „Fische“ schlafen miteinander, als dirigiere sie ein Pornoregisseur namens Machiavelli höchstpersönlich umher. Eine fundierte, auch medienkritische Haltung gegenüber den Bedingtheiten sexualisierter Machtverhältnisse, die der Pornographie zugrunde liegen, bildet sich dabei nicht heraus. Pornographie, die mit Elfriede Jelinek niemals die „Darstellung einer Handlung sondern einer Erniedrigung“ ist, dient Broder einzig und allein dazu, die Hauptfigur in all ihrer masochistischen Unentschiedenheit zu porträtieren. Zudem sind die Sexszenen, wie so viele andere Passagen, sterbenslangweilig. La petite mort ereilt die Lesenden bei diesem Buch irgendwann nach dem ersten Drittel, so üblich ist die Sprache, so schnell verrauchen die dialogischen Gags, so wenig Spielraum gibt sich diese Bekenntnisliteratur, die abseits der szenisch variationsarmen Selbstaussprache artistisch wenig zu bieten hat.

Blind für die Gründe, an denen man leidet

Denn natürlich muss der gottgleiche Jüngling Theo heißen. Natürlich wird es nicht gut ausgehen, wenn Lucy den Hund ihrer Schwester jedes Mal sediert, um ihren Liebhaber ungestört zu treffen. Und natürlich unternimmt eine Freundin genau dann einen Suizidversuch, wenn Lucy zu euphorisch selbstbezüglich ist, um auf deren verzweifelte Nachrichten zu reagieren. Tatsächlich ist die Handlung so vorhersehbar wie kalifornischer Wellengang an wirklich sehr ruhigen Tagen.

Die auch literaturkritisch spannende Krux besteht indes darin, dass dieser Roman etwas Wichtiges leistet: Er fordert für seine weibliche Hauptfigur die größtmögliche Freiheit, das heißt: die größtmögliche Widersprüchlichkeit ein. Lucy möchte ihr weibliches Verlangen ausleben, zugleich ist sie befangen in obsessiver Scham. Sie will sich abseits geschlechtlicher Stereotypen artikulieren, zugleich erlaubt sie Männern brachialen Zugriff auf ihre Psyche und ihren Körper. Umso enttäuschender ist es, dass dieser Stoff und dieses Personal an der eigenen formalen, auch sprachlichen Gängigkeit leiden. Einerseits wird herausgestellt, wie mühsam es ist, sich zwanghaft zu erfinden und zu erzählen. Andererseits ist kaum die Rede davon, dass diese Zwänge maßgeblich durch die Unterhaltungsbranche, durch die medial reproduzierten Geschlechterbilder, sei es in Werbung, Film oder Literatur, verstärkt werden. In „Fische“ werden Missstände lautstark benannt, ohne deren Kontexte, an denen auch die Literatur mit ihrer Repräsentationsmacht beteiligt ist, in die Reflexion über die eigene Repräsentation miteinzubeziehen. Und so bleibt die Figur, ja, so bleibt dieses emanzipative Schreibprojekt mit seinem schwachen Analyse- und Stil-Apparat blind für die Zusammenhänge, die ihm zugrunde liegen. Stattdessen flüchtet es sich in die Redundanz der existenziellen Beschwerde, die kein Ende kennen darf. Ansonsten fiele einem womöglich auf, dass ein richtig guter Roman zu diesem richtig wichtigen Thema weit mehr zu sagen und zu kritisieren hätte.

Samuel Hamen

zuerst erschienen bei:

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