Kritik

Das Gefühl, „mit großer Kraft zurückgezogen zu werden“. Über Anne Tylers Roman „Launen der Zeit“

von Samuel Hamen
September 11, 2018 / 0 Kommentare

Ihre Wünsche sind längst übersichtlich geworden. Einen Salzstreuer hätte Willa gerne, ein winziges Modell, wie es ihre Mitbewohnerin bei einem Flug nach New York einst geschenkt bekommen hat. Derek, ihr Freund und späterer Ehemann, kann darüber nur nachsichtig lächeln, bevor er sich erneut seiner Zeitschrift widmet. Später, nachdem sie gelandet sind, wird sie im Flughafen zusätzliche Trippelschritte machen, um nicht hinter den Mann zurückzufallen.

Es sind solche starken szenischen Miniaturen, die typisch sind für die Romane der US-amerikanischen Autorin Anne Tyler: Der kompakte Alltag wird zur ernüchternden Offenbarung. Auch in ihrem neuen Buch, „Launen der Zeit“, bietet uns die 1942 geborene Tyler eine Erzählung an, die gespickt ist mit unauffällig entlarvenden Episoden. In vier Teilen wird das Leben der Protagonistin Willa entfaltet; jedes Kapitel widmet sich einem prägenden Jahr ihrer Biographie. Das Buch setzt 1967 ein, Willa und ihre Schwester sind junge Mädchen und stehen unter der Fuchtel der überpräsenten Mutter:

„Ihre Mutter war zwar die hübscheste Mutter der ganzen Schule und die flotteste und klügste, doch plötzlich passierte etwas und sie bekam diese Anfälle. Oft wegen Willas und Elaines Vater. Oft auch wegen Willa oder Elaine, aber meistens wegen ihres Vaters. Eigentlich hätte er es längst wissen müssen. Nur was genau? Willa fand ihn perfekt und liebte ihn mehr als jeden anderen Menschen. […] Aber ihre Mutter sagte: ‚Ich kenne dich! Ich durchschaue dich! Immer ‚Ja, meine Liebe, nein, meine Liebe‘ und dabei so tun, als könntest du kein Wässerchen trüben!'“ Die Mutter ist Energie- und Nervenbündel in Personalunion: Mal wird die Schwester geschlagen, weil sie säuberlich gefaltete Kleidung in Unordnung gebracht hat, mal taucht die Mutter für einige Tage ab und lässt die verstörten Schwestern mit dem überforderten Vater alleine. Als Vorbild für einen gelungenen Lebensentwurf taugt sie jedenfalls nicht. 1977, das Jahr des zweiten Kapitels, sitzt Willa dann als junge Frau mit ihrem Freund Derek im Flieger, um ihre Eltern zu besuchen, und wünscht sich besagten Salzstreuer. Es ist ihr erster Flug, und wie so oft bei ihr herrschen Zagheit und Unsicherheit vor: „In der vermeintlich ewig zurückliegenden Zeit, als noch nichts auf der Welt für sie wirklich zu fürchten gewesen war, hatte sie Angst vor der Landung gehabt. Es war dann aber nur ein sanfter Aufprall, gefolgt von dem lang anhaltenden Gefühl, mit großer Kraft zurückgezogen zu werden.“

Immer hinterher: von Kalifornien in die Golfsiedlung

Tatsächlich ist diese Erfahrung für Willa nicht nur ein Landungs-, sondern ein Lebensgefühl: immer zurückgezogen zu werden. Ein Vollstipendium, das ihr das Studium der Linguistik ermöglicht hätte, schlägt sie aus, um mit Derek nach Kalifornien zu ziehen. Ihre spätere Anstellung als Lehrerin für Englisch als Fremdsprache wird sie an den Nagel hängen, um mit ihrem zweiten Ehemann Peter in eine Golfsiedlung für Pensionierte zu ziehen. Im dritten Kapitel, das im Jahr 1997 spielt, hatten wir vorher von einem Autounfall erfahren, bei dem der cholerische Derek tödlich verunglückt war. Willa bleibt verwitwet mit den Söhnen Sean und Ian zurück. Die Beziehung zu ihrer Schwester Elaine ist kühl und distanziert, und so fällt ihre bisherige Lebensbilanz ernüchternd aus: „Manchmal kam es Willa so vor, als hätte sie ihr halbes Leben nichts anderes getan, als das Verhalten irgendeines Mannes zu rechtfertigen. Mehr als ihr halbes Leben wahrscheinlich. Erst Derek, dann Peter.“

Dieser Lebensentwurf des Hinterhertrippelns wird erst 2017, im vierten, bei weitem längsten und besten Kapitel des Romans, aufgebrochen. Ein Anruf aus Baltimore erreicht Willa, eine unbekannte Frau bittet sie um Hilfe: Sie sei überfordert mit dem Kind, die Mutter sei angeschossen worden, die Nummer habe sie auf der Notfallliste von Denise, der Ex-Freundin ihres Sohnes Sean, gefunden. Und sie, Willa, solle bitte schnellstmöglich hierherkommen. Die Verwirrung ist groß, bei den Figuren ebenso wie bei der Leserschaft, erst nach und nach ergibt sich ein klares Bild: „‚Gut, aber was hast du mit ihr zu tun? Warum bittet sie dich zu kommen?‘ ‚Hörst du nicht zu? Ihre Nachbarin hat mich gebeten, Callie. Denise liegt im Krankenhaus, und ihre kleine Tochter –‘ ‚Die ist doch gar nicht Seans Tochter.‘ ‚Nein, ist sie nicht.‘ […] ‚Kleines, ich verstehe ja, dass du seit dem Umzug nichts Rechtes mit dir anzufangen weißt und gern mehr Kontakt zu deinen beiden Jungs hättest, aber was du da vorhast, ist einfach absurd. Du bist dieser Frau noch nie begegnet!‘ ‚Stimmt … Immerhin habe ich mit ihr gesprochen.'“

Hierauf hat „Launen der Zeit“ 150 lange Seiten hingearbeitet: dass Willa nach Baltimore reist, um die unbekannte Familie zu unterstützen. Sie hilft im Haushalt, chauffiert Leute umher, spielt Gesellschaftsspiele und fühlt sich endlich geborgen und gebraucht. Zu der neunjährigen Tochter von Denise, Cheryl, baut sie ein großmütterliches Verhältnis auf. In diesem anderen Milieu erwacht ihr Drang nach Selbstbestimmtheit – nach den restriktiven Jahren in der gehobenen bürgerlichen Mittelschicht, nach den Gesprächen über Pools, Urlaube und Golf.

Das Prekariat als Rettung

Dabei geht Willas Emanzipation einher mit einer durchaus fragwürdigen Sozial-Romantisierung des neuen Personals in Baltimore. Cheryl ist pummelig und geradeheraus, ihre Mutter Denise derb und forsch, ständig wird Eis und Pizza gegessen. Es ist unklar, wie die Rechnungen des Krankenhauses bezahlt werden sollen, das Viertel ist arm, und wie in einer Sitcom stürmen immerzu liebenswürdig schrullige Nachbarschaftsgestalten ins Wohnzimmer, die ihr Leben nicht unter Kontrolle haben. Während sich alle um sie herum nicht zurechtfinden, findet Willa endlich zu sich. So ist dieser Roman einigermaßen kurzsichtig bezüglich der Annahmen und Dynamiken, mit denen er seine Figuren zum Leben und Handeln erweckt. Das quirlige Prekariat dient der Rettung – denn nur „dort“, nur bei „denen“ ist das Unverstellte und Vitalistische zu haben.

Das Unglück ist hierbei eine ausschließlich familiäre Angelegenheit, dementsprechend liegt der Fokus immer auf den Beziehungen zwischen Mutter und Sohn, zwischen Ehemann und Ehefrau, zwischen Schwester und Schwester. Und auch die biedere Rettung liegt im Familiären, in diesem Fall in der Zweitfamilie, in die sich Willa in Baltimore hineingelebt hat. Dass das große Unglück, das Breschen in die US-Gesellschaft schlägt, weit mehr als ein Verwandtschaftszwist ist, das bleibt in „Launen der Zeit“ ein blinder Fleck. Freilich ist kein Gegenwartsroman dazu verpflichtet, großsoziale Themen wie Armut und Klassengewalt zu verhandeln. Aber wenn sie – wie in Tylers Buch – schon Teil der Geschichte sind, könnten sie doch mehr sein als Randzitat und Staffage. Die Verherrlichung von Schusswaffen, die dazu führt, dass Denise angeschossen wird, kommt ebenso vor wie Kommentare bezüglich weißer und schwarzer Identität: „Als Willa gequält aufstöhnte, sah die Krankenschwester sie an. ‚Kommt nicht oft vor, dass wir hier weiße Opfer von Schießereien haben.‘ Das Wort ‚weiße‘ sprach sie genauso zögerlich und behutsam aus, wie Willa ‚afroamerikanisch‘ gesagt hätte.“

Aber diese Dialoge und Szenen bleiben anekdotisch; es sind Nebenschauplätze, die es mit den romanesken Irrungen und Wirrungen des Familiären nicht aufnehmen können. Die Tatsache, dass Willa nach einer finalen Befreiungsgeste entscheidet, Geflüchteten Sprachunterricht zu geben, mag davon zeugen, dass Tyler ihre Erzählung aus dem bloß Privaten hinaushieven wollte. Aber diese etwas holprige Gegenmaßnahme am Ende kann nicht wettmachen, dass eine überzeugende Pointe abseits der Tyler’schen Roman-Standards fehlt. Die längst rekrutierte Leserschaft mit einer herkömmlichen Emanzipationsgeschichte bei Laune zu halten, ohne die eigenen Romankonzepte zu öffnen und zu aktualisieren – auf dieses Rezept hat sich Anne Tyler mit „Launen der Zeit“ zurückgezogen.

Samuel Hamen

zuerst erschienen auf:

 

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