literarisches, Kommentar

Ein langes Ausatmen. Eindrücke aus dem Städtchen Cadaqués an der Costa Brava

von Samuel Hamen
Oktober 13, 2018 / 0 Kommentare

Wer mit dem Flieger nach Barcelona reist, sieht bei gutem Wetter die Costa Brava, wie sie sich mal hinabschmiegt, mal hineinfräst ins Meer. Eine gute Viertelstunde vor der Landung auf dem Flughafen El Prat lässt sich mit etwas Glück sogar Cadaqués in einer verwinkelten Bucht ausmachen, hingelegt zwischen die aschgrauen Felsen und staubbraunen Flecken wie glänzend weißer Kies. Daumenbreit davon entfernt liegt das viel größere Roses in einer ausgreifenden ovalen Bucht. Selbst bei einer Flughöhe von tausend Metern sticht einem im Vergleich zum kleinen Nachbarn dessen Bausünden-Horror ins Auge – so hässlich, dass man aus Ratlosigkeit fast gewillt ist, diesen Service-Knopf zu drücken.

Aber schon steht die Landung an, schon ist man unterwegs in das katalonische Städtchen. Am Ende der etwa zweieinhalbstündigen Autofahrt geht einem ein erster Vorteil von Cadaqués auf: eine etwa 14 km lange Gebirgsstraße, eng, verschlungen und ohne viele Überholmöglichkeiten. Mal eben fahren hier keine Buskolonnen voller Schaulustiger vor. An kargen Feldern und felsigen Abhängen führt die Serpentinenstraße entlang. Die berüchtigte Windströmung Tramuntana, die oftmals über die Gegend hinwegfegt, hat diesen öden Flecken für sich in Anspruch genommen.

Umso stärker ist der Effekt, wenn der Blick sich hangabwärts öffnet und die ersten Häuser von Cadaqués in Sicht kommen. Schnell fallen einem alle möglichen Werbe-Idiotien ein: ein Lichterlebnis, eine weißgekalkte Lagune, eine Oase, eingefasst zwischen dem Blau des Himmels und dem Blau des Meeres. Lauter Katalog-Plattitüden, die mit jedem zurückgelegten Kilometer weniger flach klingen, um schließlich der Erkenntnis zu weichen: Hier zeigt sich etwas, das mehr ist als Floskel und Postkarten-Motiv. Nach der Einfahrt gelangt man schnell am Hauptplatz an, der Plaҫa de Passeig, mit seinem Schieferbelag, den historischen Häusern und Café-Terrassen. Zum Steinstrand sind es nicht einmal zwanzig Meter. Und auf die kurzatmige Übelkeit nach all den Serpentinen folgt ein langes Ausatmen.

Auf den papiernen Tellerunterlegern eines Restaurants am Platz ist ein Foto abgedruckt, das die Plaҫa zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts zeigt: Auf staubigem Untergrund stehen und sitzen unscharfe Gestalten in Grau herum, mehr Schatten als Körper. Sie wirken, als wären sie aus Michael Hanekes Film „Das weiße Band“ entlaufen. Die Fensterläden der Häuser sind geschlossen, im Hintergrund ist eine einzige Autowerkstatt auszumachen, kurzum: Es herrscht die Trostlosigkeit eines armen Fischerdorfes. Wie so viele europäische Küstendörfer hat Cadaqués eine typische Entwicklung hinter sich. In der ersten Hälfte des Jahrhunderts wurde der Ort touristisch entdeckt, allmählich etablierte er sich als Reise-Destination, wirtschaftlich adaptierte man sich an die neuen Begebenheiten. Heute verdankt der Ort seine Vitalität hauptsächlich diesem Status als touristischer Magnet.

Paella und Calamares

Ein wenig interessiert, ein wenig desorientiert trotten jene, die am frühen Mittag mit einer der zwei kleinen Fähren angelegt haben, über die Plaҫa de Passeig. Sie biegen in die engen Gassen ab, marschieren an den Fassadenblumen und Blätterranken entlang, hinauf zur Kirche Santa Maria, die die städtische Silhouette dominiert. Aber schnell kehren sie zum Mittagessen in einer der Touristenfallen ein, die es auch hier geben muss. Mit einem bemerkenswert anti-gastronomischen Gespür lassen sie dabei die guten, nicht viel teureren Restaurants links liegen, darunter das El baluard inklusive fantastischer Paella und großer Weinauswahl aus der nahegelegenen Anbaugegend Empordà. Auch das familiengeführte Can tito, das ein wenig versteckt in einer Steilstraße hinter dem Touristenbüro liegt, wird gnadenlos außer Acht gelassen. Hier verpasst man einen wunderschönen gewölbten Speiseraum sowie die besten Wolfsbarsche und Calamares à la plancha in ganz Cadaqués.

Abends, wenn die Fährgänger und Tagestouristen längst abgefahren sind, kehrt dann Ruhe ein, auch auf der Terrasse der Bar Maritim. Während der Saxophonist sich in der benachbarten Boía Bar abmüht und seinen Rücken gefährlich weit durchbiegt, wird den Deutschen am Nachbartisch Europa zum Buffet: Und wenn wir etwas in Kroatien kaufen? „Nee, das war zu felsig für die Fahrradtouren.“ Toskana? „Da fanden es die Jungs zu heiß und stickig.“ Und hier? Da schweigen und schwelgen beide plötzlich, der Mann in seiner spinatgrünen Dreiviertelhose, die Frau in ihrem Gewand in der Farbe verbrannter Butter. Sie schauen hinaus, links ist der Cucurucuc zu sehen, ein markanter Fels, der stolz aus dem Wasser ragt, rechts der Leuchtturm Cala nans, der von den Einheimischen Cebolla, die Zwiebel, genannt wird. Ja, das sei doch was, sieht man die beiden beschwingt denken, hier ließe sich leben, bevor sie wieder an ihren Gin Tonics nippen, unerschüttert in ihrem Glauben, immer überall willkommen zu sein.

Den Zitat-Charakter managen

Denn natürlich ist Cadaqués auch das: ein Ferienort für Wohlhabende. Die leinengekleideten älteren Menschen kann man erst dann Nationalitäten zuordnen, wenn sie im Presse-Shop wahlweise El país, die FAZ, The Guardian oder Le Monde kaufen. Am Wochenende fahren die Haus- und Wohnungsbesitzer aus dem Umland ein. Nur ab und zu steigen vom Campingplatz oben auf einem der Seitenhügel, die die Stadt einkesseln, deutsche Jugendcliquen hinab. Gut möglich, dass sie vom 100 km entfernten Lloret del Mar angereist sind, um sich von den dortigen Eskapaden zu erholen. Die Grenze zu Frankreich ist nicht einmal 40 km entfernt und tut ihr Übriges: Besonders im Juli und August ist die Stadt sehr voll.

Aber nach der Rentrée, die in Frankreich Anfang September den Schul- und Arbeitsanfang einläutet, wird es merklich ruhiger, so wie an diesem Septemberabend unter der Woche. Die Einen spielen Rummy, die Anderen schauen in die blauen Flammen ihres effektvoll angezündeten Schnaps-Kaffees. Alle aber umspielt die Atmosphäre dieses Orts, der sich jeglichen Trubels leichthin zu entledigen weiß. Das ist der größte Trumpf von Cadaqués: Die Stadt hat gelernt, ihren Zitat-Charakter zu managen. Egal ob Venedig oder Heidelberg, viele europäische Städte werden gerade zu ihrem eigenen Fossil. Sie erstarren, um touristischen Ansprüchen zu genügen – alles wird zur Kulisse im Dienst eines Foto-Objektivs. Hier hingegen herrscht ein Mix aus Unbekümmertheit, Stolz und Abgeschiedenheit vor, der seit Jahrzehnten die Menschen anlockt, einst auch zahlreiche Künstler.

Im Melíton etwa, dem dritten Café an der Plaҫa, spielten in den 60ern die gealterten Avantgardisten John Cage und Marcel Duchamp regelmäßig Schach. So erzählen es jedenfalls die vielen gerahmten Fotos, die an den Wänden des Lokals hängen. Auch Maler wie Pablo Picasso und Schriftsteller wie Paul Éluard waren oft in Cadaqués. Die stärkste auratische Wirkung aber übte und übt der Maler Salvador Dalí aus. Nur einen Steinwurf entfernt liegt Portlligat, eine kleine Bucht, an der sich Dalí 1948 niedergelassen hatte. Nach seinem Tod wurde seine Residenz zum Museum, seine künstlerische Extravaganz zum Dauerhinweis in der Stadt. Eine Statue hier, Info-Stelen zu seinen Cadaqués-Gemälden dort – und in gefühlt jedem zweiten Restaurant blickt er auf die Gäste hinab, aus überinszenierten Fotos, auf denen er Holzkreuze umfasst oder wie ein Tollwütiger schielt und gafft. Lediglich seine Nähe zum Franco-Regime wurde und wird Dalí von den Katalanen übelgenommen, die immer schon ihre regionale Autonomie besonders betonten.

Zwischen Folklore und Politikum

Wahrlich großes Programm wird dann auch anlässlich des katalonischen Unabhängigkeitstages am elften September aufgefahren. Balkons werden mit Fahnen geschmückt, die Dichte an Trikots des FC Barcelona nimmt schlagartig zu. Aber dieses Jahr hat sich etwas geändert. An Gittern und Stäben flattern Tausende gelbe Bändchen. Auf einer hohen weißgetünchten Hausfassade im Stadtzentrum prangern in Schwarz die Lettern „Llibertat presos polítics!“ – das in einer Stadt, in der sich Sommer für Sommer doch so wenig verändert, vielleicht mal die Polo-Hemden-Kollektion in einer der Boutiquen. Auch aus vielen Fenstern hängen Fahnen mit dem Schriftzug, der Freiheit für jene politischen Gefangenen verlangt, die im Rahmen der Autonomie-Bestrebungen verhaftet worden sind.

Wie wird dieser Feiertag also begangen, der nicht nur Folklore, sondern auch ein Politikum ist? Zuerst einmal so: Mit einer mopedgroßen Kanone schießt ein Typ am Samstagsmittag Berge an Schaum in den betonierten Kanal, der vom Meer abgeht und bei Sturm und Hochwasser vollläuft. Besoffen von Sonne und Schaum springen die Kinder über den Asphalt, der DJ hat seinerseits Spaß beim Auflegen von Rihannas Umbrella, die Eltern fotografieren, nicken sich im Rhythmus des dröhnenden Basses zu und suchen die Kühle des Casinos auf, eines Gebäudes, das eine Mischung aus Gemeindehaus, Vereinskneipe und Lokaltreff ist.

Am Vorabend des Feiertages ist dann eine ähnlich eindrückliche Szene zu sehen und zu hören: Auf dem Hauptplatz wird Sardana aufgeführt, ein traditioneller Tanz zu volkstümlichen Instrumenten wie Einhandflöte und Tamburin. Die Einheimischen umfassen sich mit bis zur Schulter erhobenen Händen, zuerst ist es ein Kreis von einigen Wenigen, die die zwar bedächtige, aber hochkomplexe Abfolge in den körnigen Staub tänzeln: rechter Fuß zurück, ein Schritt nach rechts, linker Fuß hinterher, rechter Fuß zurück und so weiter. Aber zur Musik des Cobla, des elfköpfigen Orchesters, wächst die Runde allmählich, bis sich zwanzig, dreißig Leute an den Händen halten. Eine der Mütter hat ihr vielleicht dreijähriges Kind in die Mitte gesetzt, dorthin, wo alle ihre Taschen und Jacken abgelegt haben. Ihm wurde die gelb-rote Flagge Kataloniens um den Rücken gebunden, und mit diesem Regio-Superheldenumhang wiegt es sich nun zum Rhythmus der Töne und Körper, erstaunt darüber, ins Zentrum dieses magischen Moments verfrachtet worden zu sein. Denn ins abendliche Licht tanzen die Katalonier auch einen Schutzzauber gegen Madrid, eine stolze Schrittfolge für ihre Unabhängigkeit: rechter Fuß zurück, ein Schritt nach rechts, linker Fuß hinterher, rechter Fuß zurück.

Wem gehört das Dorf?

Am Wochenende, das auf den Unabhängigkeitstag folgt, findet der sogenannte Marnaton statt, das Großereignis, das die Sommersaison beschließt. Vom nahegelegenen Naturpark Cap de Creus schwimmen 1500 Teilnehmer zur Hauptbucht in Cadaqués. Hierfür laufen am Freitagabend erneut die Auto-Karawanen ein, zuverlässig am frühen Abend gegen acht Uhr, nach der zweieinhalbstündigen Fahrt aus Barcelona. Egal wie sie gerufen werden, ob jeunesse dorée, Schickeria oder betuchtes Bürgertum, sie halten jedenfalls Einzug. Während der nächsten zwei Tage wird ihnen der Ort gehören: den unermüdlich Gutaussehenden, den offensichtlich Erfolgreichen, jenen, die ihre Bärte und Bastkörbe stolz durch die Gassen tragen, so, als wäre dieser Ort ohne sie ein Ding der Unmöglichkeit.

Aber auch diesen Modus steckt Cadaqués leichthin weg; der mediterrane Trubel ist dem Ort ebenso eigen wie die Trägheit müßiger Regentage. Am Sonntag sind die aufblasbaren Zieleinläufe abtransportiert, die Orga-Stände abgebaut. Nachmittags fährt dann gefühlt die Hälfte der Leute wieder ab und lässt Cadaqués unbeschädigt in weißgekalkter Ruhe zurück. Das Meer schwappt auch ohne die Gäste in die vielen Kleinstbuchten, die vor Anker liegenden Boote und Kutter wiegen sich im Wellengang und die Häuser strahlen die Resthitze eines Tages aus, an dem Cadaqués mal wieder von allem ein wenig verteilt hat: ein wenig Postkarten-Feeling für die Einen, ein wenig südländisches Tamtam für die Anderen. Ein Rest aber bleibt, den dieser Ort einfach nicht preisgibt, eine mal windherbe, mal meeressalzige Weigerung, allen immerzu zu gefallen.

 

Samuel Hamen

zuerst erschienen auf:

 

 

 

Beitragsbild: (c) José Luis Scaffo

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