Kritik

Eine Frauenbiographie zwischen Selbstzweifel und Souveränität. Über Fanny Wobmanns Roman „Am Meer dieses Licht“

von Samuel Hamen
Oktober 7, 2018 / 0 Kommentare

Der Startpunkt dieses Romans ist Ratlosigkeit: „Wir wissen nicht, was sagen. Das Schweigen bringt die Flocken in Rage, und du schaust mir in die Augen. Da fange ich an, dir zu erzählen.“ Diejenige, die hier zum Erzählen ansetzt, ist Laura, eine Mittdreißig-Jährige, die ihre demente Großmutter regelmäßig im Krankenhaus besucht. Andere Familienmitglieder und Freunde kommen nur selten vorbei. Erst hier, im Krankenzimmer, im Angesicht des nahenden Todes, finden beide zueinander: „Ich weiß nicht, was ich antworten soll, ich lache. Denn ich kenne von dir nur dein Schweigen, deine Geheimnisse, diese Zurückhaltung, die dein Leben durchzogen hat. Bloß nicht lästigfallen. Nichts aufrühren. Nicht zu tief bohren. Schauen, dass man klarkommt, ohne viel Aufhebens zu machen. Jetzt sprichst du mit mir und dein Mund läuft über.“

Tatsächlich ist „Am Meer dieses Licht“ ein Roman über das Sprechen, über das Zuhören und Lauschen, das Verstehen und Schweigen. Die 1984 geborene Schweizerin Fanny Wobmann setzt hierfür eine generationenübergreifende Konstellation in Szene: hier die Enkelin, die bei ihren Besuchen von sich, ihren Reisen nach England und einer Liebesbeziehung erzählt, dort die Großmutter, die an guten Tagen hellhörig ist, an schlechten mit ihren Exkrementen spielt. Und dazwischen steht die Tante beziehungsweise Tochter, die nur Pflegekosten und Krankheitsverläufe im Blick hat.

Alte und neue Unfreiheiten

Auch die Stückeschreiberin und Romancière Sasha Marianna Salzmann hat 2013 in ihrem preisgekrönten Theaterstück „Muttersprache Mameloschn“ drei Frauenbiographien verschaltet. Beide Autorinnen, Wobmann wie Salzmann, legen ihren Werken ähnliche Fragen zugrunde: Wann konnten Frauen auf welche Weise denken, sprechen, leben? Wann herrschten welche gesellschaftlichen Zwänge und Möglichkeiten? Bei einem der Besuche bei der dementen Großmutter stellt sich Laura die Frage: „Wie schaffte sie es, unterzukommen, an ihrem Platz, enger noch als all jene, die mich jemals erwarten könnten?“ Zwei Generationen später ist diese Milieu-Enge, von der die Großmutter auf einem Bauernhof eingefasst war, zwar geweitet; die Lebensoptionen für Frauen wie unsere Protagonistin mögen vielfältiger geworden sein. Aber die neue theoretische Verfügbarkeit hat wenig mit praktischer Selbstverständlichkeit und Verwirklichung zu tun.

Das wird besonders deutlich im zweiten Schwerpunkt des Buches, in einer Erzählung in der Erzählung, in der Laura ihrer Großmutter von einer missglückten Urlaubsbeziehung berichtet: „Wir treten hinaus in die Kühle der Straßen und in etwas, das mir wie das ungewisse Ende einer Begegnung vorkommt. Er jedoch hat eine klare Vorstellung davon, wie dieser Tag zu Ende gehen soll, und ich lasse es geschehen.“ Die selbstgewisse Lässigkeit des einen Lebens steht hier einem anderen Leben gegenüber, das sich seine Autonomie noch nicht errungen hat: „Er macht nicht das, was ich möchte. Ich getraue es ihm nicht zu sagen. Ich mache ihm eine Fellatio. Ich fühle mich gezwungen.“

So ist der zweite Roman von Fanny Wobmann, der von Lis Künzli aus dem Französischen übersetzt wurde, auch ein Buch über das Verhältnis zwischen Mann und Frau: Welche Nähe ist möglich? Und wer wird hier auf welche Weise beeinflusst? Als ihre Urlaubsbekanntschaft sie dazu drängt, in einem Pub einige Lieder zu singen, wählt Laura denn auch bezeichnenderweise Milord von Edith Piaf aus. Im Laufe der kurzen Kapitel wird überdies beschrieben, wie Laura und ihre Sprachlehrerin Hillary sich kennenlernen und sowohl freundschaftlich als auch körperlich annähern. Die Leserschaft folgt also einer Recherche, dem Versuch, eine sexuelle, familiäre und kommunikative Identität zu festigen.

Der große Konflikt dieses kurzen Romans liegt im zwischenmenschlichen Kontakt, mal zwischen Familienmitgliedern, mal zwischen Liebenden. Ihre Erfahrungen in der Schweizer Theaterszene, sei es als Stückeschreiberin, Regisseurin oder Schauspielerin, kommen Wobmann für dieses Prosaprojekt dabei sehr zugute. Tatsächlich machen die unauffälligen und prägnanten Dialoge das Herzstück von „Am Meer dieses Licht“ aus. Und die selbstreflexive Pointe dieses Romans lautet: Nur hier, in diesen Zeilen, in dieser Literatur, wird der Protagonistin der nötige Freiraum geboten. Nur hier kann sie sich aussprechen, sich vollumfänglich mitteilen. In diesem Sinne ist Wobmanns Buch ein starkes Plädoyer für die Literatur als Artikulationsraum eines Ichs. Hier wird, mit Pierre Bourdieu gesprochen, ein glückender „Versuch der Selbstobjektivierung, der Selbstanalyse, der Sozioanalyse“ gewagt.

Das Intime zum Preis der Betulichkeit

Dass die Protagonistin als Mikromechanikerin arbeitet, also kleinste Uhrenkomponenten zusammensetzt, ist die konsequente Spiegelung des Stils in der Berufstätigkeit. Filigran, Teil für Teil, wird ein Text montiert, ohne großes Aufsehen, ohne rhetorischen Bombast und Ballast. Mit dem Ziel einer schnörkellosen Darstellung amputiert sich „Am Meer dieses Licht“ freilich vieler Erzählregister, die der Literatur zur Verfügung stehen. Alles hier ist leise, beruhigt, ja narkotisch erzählt. So entsteht ein Sprechmodus des Intimen zum Preis der Betulichkeit. Das Effektlose wird zum Effekt, die Direktheit zum vermeintlichen Garanten eines wahrhaftigen Sprechens erklärt, ganz so, als brächte ausschließlich das unumwundene schmucklose Sagen eine Erkenntnis hervor: „Die Steine unter den Brüsten taten weh, aber der Druck hatte etwas Beruhigendes. Auch etwas Sexuelles.“

So gelungen „Am Meer dieses Licht“ das Politische im Privaten herausarbeitet, so sehr hegt sich der Roman formal selbst ein: durch eine Sprache, die den Charme des Prägnanten besitzen mag, die in ihrer Direktheit aber monoton wirkt. Ihr liegt das Verständnis zugrunde, dass abseits des Evidenten und Expliziten nichts zu haben und wenig zu sagen ist. Dass das Schattige und Uneindeutige, das Abseitige und Implizite ebenso Momente der Wahrhaftigkeit bereithalten – das findet auf den etwas mehr als 150 Seiten kaum Berücksichtigung. Und so platziert sich das Buch von Fanny Wobmann in jenem Spannungsfeld, in dem sich die gegenwärtige Literatur insgesamt bewegt. Sie will zwei Aufträge, zwei Ansprüche miteinander koordinieren: gesellschaftskritisch Missstände beim Namen nennen, zugleich ästhetische Eigenwilligkeit ausgestalten – auch fernab einer so aktualistischen Kategorie wie Relevanz. Ersteres bedient „Am Meer dieses Licht“ einfühlsam und umsichtig, indem sie auf eine Frauenbiographie zwischen Selbstzweifel und Souveränität zoomt; letzteres hingegen, das Entwerfen einer unkonventionellen eigenen Artistik, realisiert Wobmanns Roman nur leidlich.

Samuel Hamen

zuerst gesendet im „Büchermarkt“ vom

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