Kritik

Wir, die schwierigen Tiere. Zwei Essaybücher loten aus, wie nah sich Tier und Mensch sind

von Samuel Hamen
Oktober 13, 2018 / 0 Kommentare

Sommer 2006: Edmund Stoiber erklärt auf einer Pressekonferenz den Unterschied zwischen Normal- und Problembären und rechtfertigt die Abschussgenehmigung für JJ1 alias Bruno. Kurz darauf vergleicht das Satire-Magazin Titanic Kurt Beck mit dem vogelfreien Bären und wird daraufhin vom SPD-Politiker verklagt, der eine einstweilige Verfügung erwirkt. In der anschließenden Stellungnahme zeigt die Titanic sich irritiert, Beck sei doch gar kein Bär, sondern ein „lieber, netter Mann“.

Für die Human-Animal-Studies ist dieser albern anmutende Schlagabtausch ein gefundenes Fressen. Denn er rührt an Grundfragen der jungen kulturwissenschaftlichen Disziplin: In welchem Verhältnis stehen das Menschliche und das Tierische? Sind diese Kategorien überhaupt sinnvoll? Kann ich eine Identität ausbilden, entgegen oder trotz oder mithilfe der Tiere? Und überhaupt, wer ist schuld am Schlamassel: Stoiber, der Bären problematisiert, die Titanic, die Beck problematisiert, oder Beck, der die Titanic problematisiert?

Die zunehmende Beachtung, die dem Forschungszweig zukommt, spiegelt sich wider in einer wachsenden Zahl an literarischen Werken, die sich ebenfalls dieser Fragestellungen annehmen, darunter Teresa Präauers jüngst erschienenes Essaybuch Tier werden. Bereits in ihrem ersten Roman, Der König von Übersee, war der glücklichste Mensch jener gewesen, der ungeheuer oben mit Vögeln die gemeinsame Flugformation geübte hatte. Für ihr viertes Buch verringert Präauer nun die Entfernungen beträchtlich. Denn sie geht davon aus, dass „eine Definition, die versucht, den Menschen vom Tier scharf abzugrenzen, dabei wohl immer in Gefahr ist, beiden unrecht zu tun“.

Stattdessen will die Schweizer Autorin auf gut hundert Seiten beiden gerecht werden, indem sie die Grenzverwischung zum kulturgeschichtlichen Programm erklärt. Krude Wesen werden bei ihr zutage gefördert, darunter Zentauren, Harpyien und Hermaphroditen. In Enzyklopädien, Grafiksammlungen und Märchensammlungen, überall in der europäischen Kunstgeschichte lauern diese „hübschen Monster“, diese „Bastarde aus Mensch und Tier“. Aber Präauers belesener Ritt auch durch jüngste theoretische Schriften ist kein Selbstzweck, ganz im Gegenteil: Sie unternimmt in Tier werden den kühnen Versuch einer grenzüberschreitenden Anthropologie, bei ihr wird die Wissenschaft des Menschen prekär. Dabei gilt ihr besonderes Interesse den Kunstwerken, die den kreativen Durchbruch wagen und das Paar Mensch–Tier nicht als Gegensatz, sondern als Erwiderung und Erweiterung erachten: Designer-Tassen, die mit Tierhaar bezogen sind, Foto-Serien, in denen Hunde in typisch menschlichen Posen abgelichtet werden.

In diesem Sinne geht es der Autorin, wenn sie von hybriden Kreaturen wie der mythischen Harpyie spricht, auch um das Wissen von einem Ende der Kategorien, um einen paradiesisch weit entfernten und sehnsüchtig nahen Ort, „wo Mensch, Tier und Wort noch verklebt sind miteinander“. Naive Tierlobhudelei betreibt ihr Essay mitnichten, vielmehr legt Präauer eine belesene Streitschrift gegen identitäre Festlegungen vor. Die Kulturgeschichte des Tieres wird ihr zur Wunderkammer, aus der heraus sie ein Plädoyer für „ein Drittes“ und dessen „riskante Existenz“ anstimmt.

Sechzehn historische Tierbiographien

Zur Bearbeitung des gleichen Themas hat sich die US-Amerikanerin Elena Passarello eine etwas leichtere, zugänglichere Form ausgesucht. In insgesamt sechzehn erzählenden Essays von nicht mehr als dreißig Seiten zoomt sie in Berühmte Tiere der Menschheitsgeschichte auf historische Tierbiographien, etwa auf den Vogel Stahrl, einen Staren, den Mozart hielt, um dessen verspielt chaotische Gesangsrhythmik mit den eigenen Kompositionen kurzuschließen. Dieses Beispiel selten gewordener Kooperation steht nicht nur in diesem (auch musikwissenschaftlich interessanten) Kapitel im Vordergrund.

Beide Autorinnen beziehen sich diesbezüglich auf einen klassisch gewordenen Aufsatz der Human-Animal-Studies, auf John Bergers Warum sehen wir Tiere an?. Mit kulturkritischer Stoßrichtung rekonstruiert Berger frühere Zeiten, als das Tier das spirituelle Gegenüber des Menschen gewesen sei, etwa als angebetete Gottkreatur oder respektierte Jagdbeute. Allerspätestens mit der industriellen Revolution sei dieses symbiotische Miteinander zerstört worden, in den letzten Jahrhunderten sei es mehr und mehr degeneriert. Tiere harren nunmehr in Zoos aus, warten in Schlachthöfen oder werden an der Leine geführt. Andere Räume, wie sie etwa Mozarts Vogelkomponist durchschreitet, werden ihnen nur mehr selten zugestanden.

Die große Bildwanderung

Welches umwälzende Potential der Erscheinung eines Tiers einst zukam, welchen auch psychischen Raum es einnehmen konnte, verdeutlicht wiederum eine mediengeschichtliche Episode, die beide Autorinnen referieren. Zu Beginn des 16. Jahrhunderts fertigte Albrecht Dürer nach einer Erstzeichnung, die ihm aus Lissabon zugeschickt worden war, einen Kupferstich namens Rhinocerus an. Bei ihm wird ein dekorativer Kringel, wie er auf der Vorlage zu sehen war, zu einem Zweithorn, dass es so nie bei einem der Dickhäuter gegeben hat. Aber das Flugblatt ist gedruckt und verteilt, die imaginative Gier Europas nach dem Exotischen losgetreten. So angsteinflößend, so anziehend anders können Gottes Geschöpfe aussehen?

Hier zeigt sich ein Phänomen, zu dem die Essaybücher immer wieder zurückkehren. Es geht in den weitläufigen Tier-Mensch-Relationen immerzu um die Produktion und Distribution von Bildern: „So wandert, was Erfindung war, wie ein Kamel durchs Nadelöhr, hinein ins Lexikon und schleicht sich darüber in die Wirklichkeit ein.“ Dürers Rhino, bis heute millionenfach reproduziert, ist für Passarello dann auch eine Kreatur, „deren natürlicher Lebensraum die menschliche Vorstellungskraft ist“ – keine Laune der Natur, sondern der Kunst.

Ganda, das Rhino-Exemplar, das in Lissabon Pate gestanden hatte für die Kontamination der europäischen Imagination, ertrank übrigens, als er nach Rom verschifft werden sollte, um dort in einem Schaukampf gegen den päpstlichen Elefanten Hanno anzutreten. Irgendwo auf dem Grund des ligurischen Meeres liegen womöglich noch Zeugnisse dieser Unternehmung, Knochen und Ketten in erzwungener Umarmung.

Ein elektrischer Stuhl für Elefanten

Tatsächlich gehen Kommerz und Gewalt, auch das zeigen beide Essays, oftmals eine umtriebige Allianz ein. In einem der stärksten Texte legt Passarello eine doppelte Chronik an, hier die Geschichte der Elektrifizierung in den Vereinigten Staaten, dort die Annalen, ab wann Elefanten als Zirkustiere in die USA importiert wurden. Allzu schnell werden sich beide Linien in perfider Geometrie kreuzen. An einer Stelle zitiert die Autorin aus einer Ausgabe des Scientific American von 1889: „Würden die 3000 Volt, die einen Mann, wie man uns berichtet, zuverlässig töten […], ausreichen, um einem Elefanten das Bewusstsein zu trüben und ihn dann zu töten?“ Versuche werden unternommen, die Antwort wird lauten: Nein, viel zu wenig, das hat den Elefanten ja nicht mal gekitzelt. Doppelt so viel Volt sind nötig, wie sich vierzehn Jahre später herausstellen wird: „Der Rauch hüllt die Elefantenkuh ein, ihr Rüssel wird steif und ihre ganzen fünf Tonnen kippen nach vorn.“ Das hingerichtete Tier hieß Jumbo, der Kurzfilm, der alles für die weitere Populärverbreitung festhielt, trägt den Titel: „Elefant unter Strom“.

Verbrannt, zertreten, erschossen, erwürgt, aufgeschlitzt, elektrifiziert, ertränkt, ausgestopft: Die Bücher von Präauer und Passarello halten ausreichend Anschauungsmaterial bereit, um das neuzeitliche Tier-Mensch-Verhältnis in all seinen Gräueln zu bilanzieren. Dass die Matrosen auf dem Forscherschiff HMS Beagle 1835 die Hälse der Galapagos-Schildkröten aufschlitzen, um an das dort gespeicherte Frischwasser zu gelangen, gereicht für sich genommen aber zu keiner Pointe. Und wen sollte es überraschen, dass der Amerikaner John James Audubon tausende Vögel vom Himmel schoss und ausstopfen ließ, um, wie Präauer ausführt, die Forschungen zu seinem Großprojekt „The birds of America“ voranzutreiben? All dies ist gängiges Menschenwerk.

Weitreichende Schreiblizenzen

Der Clou liegt bei beiden Büchern in der Entscheidung für den literarischen Essay und dessen mal erzählerische, mal referierende Freiheiten. Die historischen Gewalttätigkeiten sind hier nicht nur informativ, sondern narrativ mitvollziehbar. Passarello etwa wählt eine zärtliche Du-Ansprache, um den Irrweg der Schildkröte Harriet festzuhalten. 1835 soll sie von Charles Darwin höchstpersönlich im Galapagos-Archipel aufgesammelt worden sein, um später sowohl den Klauen der Matrosen wie auch den Wirren des zwanzigsten Jahrhunderts zu entkommen. Mit mutmaßlich mehr als 175 Jahren starb sie im neuen Jahrtausend in einem australischen Zoo.

Dass das VIP-Detail rund um Darwin längst widerlegt ist, dürfte Passarello gewusst haben; für ihre Essays hat sie lange recherchiert, wie die Bibliographie am Ende verrät. Aber das ist weder fahrlässig noch dreist, schließlich verleiht gerade der Essay weitreichende schriftstellerische Lizenzen. Welche Textform wäre bei diesem Grenzgänger-Sujet auch besser geeignet als diese Gattung, die Kategorien wie Erzählung, Referat und Aufsatz produktiv zu vermengen weiß?

In einem dieser Hybridtexte erinnert sich Passarello daran, wie sie in den 80ern als Kind in den Zirkus ging, um Lancelot zu sehen, eine Ziege, die nach einer manipulativen Schönheits-OP am Schädel als Einhorn durch die USA tourte. Und in der Manege, in diesem einen Augenblick, in dem sich schielende Ziege und ewig verunsicherter Mensch ansehen, leuchtet etwas auf, „als wäre Betrachtung mit Berührung verwandt“, wie es Präauer so treffend an anderer Stelle formuliert. Es ist die Möglichkeit einer Verunsicherung, das Versprechen einer Erweiterung, die Idee einer Tier-Werdung: „Ja, sagt Lancelot und wendet sich mir mit seinen funkelnden Ziegenaugen zu. Er blickt geradewegs in meine einsame Seele, und irgendetwas in meinem Schädel erzittert. Komm und sieh, was für dich gemacht wurde – sieh dir das lebendige Einhorn an. […] Sieh mir in die Augen. Kannst du glauben, auf wie viele Arten du und ich füreinander gemacht sind?

Samuel Hamen

zuerst gekürzt erschienen auf:

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