Kritik

„Die einfachsten Silben sind das“. Über Maruan Paschens Roman „Weihnachten“

von Samuel Hamen
Dezember 21, 2018 / 0 Kommentare

Den tottraurigen Weihnachtsopa dürften die meisten noch im Gedächtnis haben. 2015 erregte die Werbung von Edeka die Gemüter, weil ein vereinsamter Großvater seinen Tod vortäuschte, um die Familie endlich wieder zusammenzubringen. Statt eines Begräbnisses erwartete die Trauernden dann aber der schelmische quicklebendige Opa. Friede, Freude, Raclettekäse. Aber was heißt es abseits dieser Werbe-Zumutungen, anlässlich des Festes die Familie wiederzutreffen, den merkwürdigen Onkel, die stille Mutter, die cholerische Tante?

Diese Frage hat sich Maruan Paschen in seinem zweiten Roman gestellt. Dabei bedient er sich einer Erzählsituation, die sich schon vor Jahrzehnten etabliert hat, spätestens Ende der 90er mit Serien wie Die Sopranos oder Spielfilmen wie Reine Nervensache: Der Patient berichtet seinem Therapeuten von seinem Leben. In diesem Fall heißt der eine Maruan Paschen, der andere Dr. Gänsehaupt.

Aber Weihnachten ist kein weiteres biographisches Schreibprojekt, das sich an der gerade beliebten authentischen Ich-Tümelei versucht. Das Therapiegespräch nutzt der 1984 geborene Autor vielmehr, um ein schelmisches Szenario auf die Beine zu stellen, in dem eine schrecklich nette und schrecklich merkwürdige Familie porträtiert wird. Deren Mitglieder lässt Paschen zu Beginn per Autokarawane zu einer Hütte am See reisen, dort wird wie jedes Jahr das Weihnachtsfest begangen. Die Onkel Berti, Tarzan, Otto und Art treffen gemeinsam mit ihrer Schwester und deren Sohn – unserem Erzähler – ein, und während Paschen Paschen erzählen lässt, wie das Fondue vorbereitet wird, findet der Sound dieses Buches zu sich.

In einem teils märchenhaften Rhythmus hangelt sich der Erzähler durch zahlreiche zumeist sonderbare Anekdoten. Etwa wie Onkel Art als Jugendlicher das Auto vom Studienrat Steinlein stahl und daraufhin vom Dorfpolizisten Haller erwischt und vom Förster Strahler bestraft wurde. Das Kapitel mündet in eine Gesellschaftsdiagnose des Nachkriegsdeutschlands inklusive Moral von der Geschicht‘: Der deutschtümelnde Filz der Hallers und Steinleins und Strahlers mieft weiter vor sich hin – während die komischen Paschens mit ihren „Unterkiefern von Fleischessern“ außen vor bleiben.

Aber so wenig Weihnachten ein Ich-Roman ist, so wenig lässt sich Paschen darauf ein, bloß das Floskelmännlein für Themen wie Herkunft und Integration zu mimen. Auch wenn seine Alter-Ego-Figur ihre „vielleicht milchkaffee-, cappuccinofarbene“ Haut erwähnt und darüber philosophiert, ab wann man als sogenannter „in Deutschland lebender Araber“ gelten darf, wird die Herkunft nicht zur alles entscheidenden Frage. Das Buch sträubt sich merklich gegen eine solche kategoriale Festlegung. Besonders deutlich wird diese Verweigerung, wenn Paschen nach Tripolis fliegt und sich als Arzt ausgibt – und das nur, weil der Pilot auf Arabisch einen medizinischen Notfall meldete: „Ich wollte sagen: Ja, hier ist einer, der diese Sprache versteht. Hier ist einer, der in Deutschland lebt und diese Wörter versteht.“ Aber die Labels passen nicht; weder ist die Figur ausgebildeter Arzt, noch lässt sie sich auf ihre migrantische Herkunft reduzieren.

Empathisch von der Familie schreiben

Zwischen derlei Reminiszenzen kehrt der Erzähler immer wieder zum siedend heißen Fondue zurück. Denn als Familienbande sind Art, Maruan und der ganze Rest nicht nur bildhaft aneinandergekettet. Aus unerfindlichen Gründen legen sie sich tatsächlich Handschellen an und schmeißen die Schlüssel anschließend in den Fondue-Topf. Die Symbolik wird greifbar, das literarische Sprechen macht Ernst. Ein wenig erinnern diese Szenen an Drax aus Guardians of the Galaxy, der nicht kapiert, wie Metaphern funktionieren. Er nimmt alles wortwörtlich, ein Zeigefinger am Hals ist für ihn ein Zeigefinger am Hals, kein Zeichen fürs Kehle-Aufschneiden. Bei Paschen wird dieses Am-Schopfe-Packen der Sprache zum Programm. Da wird der Therapeut mit dem irrsinnigen Namen denn auch gefragt, ob er denn den Unterschied zwischen Worten und Wörtern kenne, nur um erklärt zu bekommen: „Worte bestehen natürlich aus Wörtern und Wörter bestehen aus Buchstaben und diese Wörter bekommen ihren Körper von Schreibmaschinen. Worte aber kriegen ihren Körper in uns.“

Mit diesem starken Formbewusstsein ist „Weihnachten“ eine Art Zwillingsbuch von Heinz Helles kürzlich erschienenem Roman Die Überwindung der Schwerkraft. Beide fragen sie danach, wie das geht: ehrlich und einfühlsam, zugleich künstlerisch eigenwillig über die Familie zu schreiben. Bei Helle steht die Beziehung zum verstorbenen Bruder im Mittelpunkt, bei Paschen liegt ein Fokus auf dem geliebten Onkel Art: „Ich kenne Art nur mit zwei Händen, die so groß sind, dass das Weinglas in sie hineinfällt. Alles, was Art hält, fällt in ihn hinein, mich hat er früher, als ich Kind war, in die Luft geworfen, dann hat er mich aufgefangen und dann bin ich in ihn hineingefallen.“

Bei Art wurde Krebs diagnostiziert, das Wort Adenokarzinom steht im weihnachtlichen Raum wie eine stark nadelnde Nordmanntanne. Aber wie über einen Verlust sprechen, wie zu sich und zu Worten finden, wenn die Lücke droht? Auch der Vater Paschens geistert als Abwesender durch die Seiten, ohne wirklich greifbar zu werden. In Weihnachten werden zwei Optionen durchgespielt, wie insgesamt auf solche Verlusterfahrungen reagiert werden kann: mit Ironie oder Empathie, mit Distanz oder Nähe. „Was halten Sie eigentlich von Ironie?“, fragt die Figur ihren Arzt dementsprechend, der sich bis zur letzten Seite nicht zu Wort melden wird.

Basteln mit der Lego-Literatur

Der Patient Paschen jedenfalls kommt ohne sie nicht aus. Gefühlt jede zweite Seite ist mit ironischen Effekten bestäubt: Das war nicht so gemeint. Das ist so ein Spruch. Ach, vergessen Sie das. Lesen Sie da jetzt nicht zu viel rein. Hier wird ein Sprechen in Anbetracht seiner Wirkung einstudiert, etwa wenn Paschen über seinen Besuch im Hambacher Schloss nachdenkt. Dort wird – wenn wir dem Autor denn glauben wollen – als Exponat eine Lego-Version des Schlosses gezeigt, um das sich Männchen mit „Legoschoppen und Legodeutschlandfahnen und Legokarren“ scharen. Im Schloss steckt ein Schloss, in der Sprache die Sprache. Und in diese Matroschka-Struktur begibt sich auch der Autor – und mit ihm notgedrungen der Leser.

Klar, das klingt mühsam, gewollt und selbstbezüglich. Aber der große Coup dieses kleinen Buches besteht darin, wie alles die Balance hält. Auf diese Weise kann Paschen eben auch über Herkunft und Identität nachdenken, ohne seinen Roman zum Dokument seines sogenannten Migrationshintergrunds zu machen. Tatsächlich ist Weihnachten viel zu clever und leichtfüßig, um sich auf solch einen kleinen Nenner runterbrechen zu lassen. Zugleich legt Paschen uns ein herzerwärmendes Familien-Porträt vor, unter anderem vom totkranken Art, dessen magische Präsenz sich der Neffe damit erklärt, dass „nicht nur alles in Art hineinfällt, sondern auch, dass alles durch Art hindurchfällt und auf der anderen Seite herauskommt und ein wenig mehr Art ist als vorher“. Es gibt sie immer wieder in diesem Roman, diese klitzekurzen Augenblicke, in denen Ironie und Empathie in eins fallen, in denen die Worte ihre Körper in uns kriegen.

Ob diverse Onkel nun ermordet wurden, wem wir eigentlich zugehört haben und wer dieser dauerstumme Therapeut überhaupt ist, den Paschen in Tripolis gesucht hat – alles bleibt bis zuletzt in melancholischer Schwebe. Und so wie die Dinge durch Art hindurchfielen, um verwandelt wieder zu erscheinen, so fällt der Leser durch diese verwinkelten, kindischen und zärtlichen 200 Seiten, um am Ende „gepresst und umgedreht, geschliffen, mit Kanten, gebrochen“ herauszukullern.

Samuel Hamen

zuerst erschienen auf:

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