Kritik

Nachts, halb vier in Deutschland. Über Max Wolfs Roman „Glücksreaktor“

von Samuel Hamen
Februar 18, 2019 / 0 Kommentare

Nachts, halb vier in Deutschland, im Sommer 1994: Fred tanzt, trinkt und schluckt Pillen. Voller Elan stürzt sich der 17-Jährige in das für ihn neue Nachtleben mit all seinen Versprechen – und wird im Laufe weniger Monate ebenso dessen Schattenseiten kennenlernen. Den erlebnishungrigen Jungen stellt Max Wolf ins Zentrum von „Glücksreaktor“. In diesem Roman widmet sich der 1976 geborene Autor gewissermaßen dem Gegenteil der „Knoppers“-Werbung, die uns morgens um halb zehn artige Menschen vorführte. Stattdessen kriegen wir einen Heranwachsenden vorgesetzt, der in den Wirren der Pubertät verloren geht. Sein Hass auf die Eltern, die Lehrer und das Kaff Faitach bei Erlangen führen zum Überdruss, dem alle mal gefrönt haben: „Es ist Samstagnacht, mein Vater liegt unter seiner Premium De Luxe Sommerdecke und träumt von seiner Beförderung zum Ameisengruppenleiter, ganz Faitach liegt im Bett und träumt, aber ich, ich bin dabei, aus einem siebzehnjährigen Dämmerzustand zu erwachen, ich bin dabei, meine Ameisenhaut aufzubrechen und abzustoßen, ich bin dabei mein Leben zu beginnen.“

Freds Ausweg aus dieser vermeintlichen Hölle ist der Einstieg in die Drogenszene. Natalie, die er über Freunde kennenlernt, besorgt ihm die ersten Pillen, wenig später kann er über Substanzen und Dealer-Hotspots fachsimpeln. Nach und nach erschließt sich der Jugendliche auch neue musikalische Erfahrungsfelder, besonders Techno und House schlagen ihn in den Bann. Naturwissenschaftsfreak, der er in der Schule ist, verarbeitet Fred die vielen neuen Eindrücke auf besondere Weise: Er nimmt seine neue Umgebung als physisches oder biochemisches Muster wahr. Immer wieder ist von Sehnerv-Meldungen und Transmittergewittern die Rede, davon wie Augenlider auf Sinkflug gehen und wie Schallwellen einen monstermäßig anturnen. Diese Passagen besitzen erst einmal den Charme der Nerd-Sprache. Hier sucht ein Teenie seinen ganz eigenen Weltwahrnehmungsapparat und findet ihn im Wissenschaftsjargon. Als einziges metaphorisches Prinzip auf gut 250 Seiten verliert die Rhetorik rund um Zellhaufen-Entspannungskonfigurationen aber nach und nach ihren Reiz.

„Das ist Gabi Gerster, die beste Freundin meiner Mutter. Und wenn Gabi Gerster im Dr. Ritterweg 8 einläuft, dann startet in meinem Phantasielappen eine starke exotherme Reaktion. Und wenn ich an den Mann von Gabi Gerster denke, dann bekomme ich einen spontanen Brechreiz. Der verbringt sein Leben nämlich damit, Gartenmöbel in Italien zu kaufen und dann in Deutschland wieder zu verkaufen.“

Raven im Nürnberger „Boot“

Wolfs Roman tritt an, vom Unspießigsten überhaupt zu erzählen, von Selbst-Erweiterung, Grenzübertritten und einer anti-bürgerlichen Feier des Rausches. Im „Boot“, einem Techno-Club, der ab 1985 an einem Nürnberger Kanal vor Anker lag, wird dieser ekstatische Aufbruch auch von Fred gelebt. Diese Szenen aber erfasst Max Wolf eher bemüht denn exzessiv, eher in behäbigen denn entgrenzenden Bildern: „Die Stroboskope blitzen, Nebel wird auf die Tanzfläche gepumpt, funkige Elektrobeats schwingen durch die Luft. House, hat Natalie letztens gesagt, das ist High-Tech-Soul. I am, you see, I am the creator, and this is my house. And in my house there is only house music. Meine rechte Hand macht wellenförmige Bewegungen zu den Klängen, das elektrische Feld des DJs regt mich an, meine Bewegungslappen funken Richtung Beine, aufstehen, bewegen, tanzen, aber ich kann nicht mehr.“

Denn der Erzähler ist dem gehassten Ameisenvater weit näher, als er es wahrhaben will. Seinem Tonfall und seiner Wortwahl ist durchweg der Muff des Milieus eigen, dem er doch entkommen will. Merkwürdige Jugendwörter wie „1A-Alligatorengrinsen“ und „raketenmäßig“ sollen zwar den generationellen Unterschied markieren und aufzeigen, wie fern wir der elterlichen Ödnis sind und wie nah wir uns am Puls der Zeit befinden. Dennoch manövriert sich „Glücksreaktor“ schnell in eine Sackgasse hinein: Durch die Wiederholung des Verachteten im eigenen Tun widerspricht sich das Buch vom Sound her ständig selbst. Es ist einfach zu brav für sein Thema, und sein Autor nicht in der Lage, aus dem Sujet mehr zu machen als ein Anekdötchen. Der Techno-Rave gerät ihm zum Dia-Abend.

Zugleich zeigt sich hier, dass „Glücksreaktor“ eine Erinnerungsschrift für Erinnerungsfreudige ist, geschrieben für diejenigen, die in den 90ern aufwuchsen, die sich im Lokalkolorit und in den Figuren wiedererkennen, für eine Leserschaft, die zum Buch greift, um musikalischen Reminiszenzen rund um Dr. Motte und Sven Väth nachzugehen. Der Rest hingegen wird sich eher schwertun – sowohl mit dem Plot als auch mit den Selbstaussprachen des Protagonisten: „Die zischenden Sounds der Hi-Hats schlängeln sich als neongrüne Flagellen durch den Raum, Natalie und ich tanzen vor dem Fenster, Nick hängt auf dem Sessel ab und dreht eine Tüte. Die Wucht des Basses drückt die Flagellen direkt durch die Haut in meinen Blutkreislauf. Im Dr. Ritterweg ist jetzt Schlafenszeit, achtundfünfzig Ameisen stehen vor den Badezimmerspiegeln und putzen sich die Zähne, ich fahre meine Arme zu Flügeln aus und gleite auf einer Elektrowolke durch den Raum. Ich werde den Controller gut benutzen. Ich werde Spaß haben. Ich werde leben.“

Das Ende des Exzesses

Das Potential, das dieser Musik eigen war, hat eine der Zentralfiguren der deutschen Techno-Szene, DJ Westbam, gegenüber Rainald Goetz als „amusement total“ beschrieben. In einem Artikel, der 1994 erscheint, in dem Jahr, in dem auch Wolf seinen Helden durch die Nürnberger Clubs ziehen lässt, schreibt Westbam über Techno: „1994. Alles ist anders. […] Von den kleinsten Clubs bis zu den größten Veranstaltungen, von den indie labels bis zu den majors, in den Metropolen genau wie in der Provinz. […] Der Zeitpunkt ist gekommen, an dem wir uns fragen müssen: Haben wir das gewollt? Die Antwort lautet: Ja. Weil für uns die Anfänge im underground auch immer der Aufbruch in eine revolutionierte Populärkultur war[en], der Start in die ravende Gesellschaft.“

Unter Wolfs Hand wird dieses Versprechen indes weniger als utopischer Raum, vielmehr als überschaubar erzählte Drogen-Musik-Eskapade gedacht. Das Ende entspricht dabei voll und ganz der Reichweite dieses Romans. Auf den letzten Seiten sind Polizeisirenen zu hören. Die Staatsgewalt rückt an, und mit ihr eine pädagogische Botschaft, der man nur zustimmen kann: Drogen sind böse und gefährlich. Das ehrt den Roman bildungspolitisch, entlarvt ihn aber erneut als den konformistischen Ameisentext, der er doch nie sein wollte. Schön war die vermeintlich wilde Zeit, das sagt uns dieser biederste aller möglichen Schlüsse, aber jetzt ist auch mal gut mit dem Exzess. Jetzt werden wir mit Erfolg erwachsen und packen unsere Erinnerungen in Nostalgia-Tupperdosen. Jetzt schreiben und verlegen wir solche Romane.

zuerst erschienen im Büchermarkt beim

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