Kritik

Der Zeichner, der in die Kälte kam. Über Elisa Shua Dusapins Roman „Ein Winter in Sokcho“

von Samuel Hamen
April 5, 2019 / 0 Kommentare

Als spiele er die Hauptrolle in einem Nouvelle-Vague-Streifen von Jean-Luc Godard, so steht er da, der Held des Romans, verloren, im Wollmantel, am Empfang einer Herberge im südkoreanischen Sokcho: „Mit gelangweilter Miene fragte er auf Englisch, ob er ein paar Tage bleiben könne, bis er etwas anderes finde. Ich hielt ihm ein Formular hin. Er gab mir seinen Reisepass, damit ich alles selbst ausfüllte. Yan Kerrand, 1968, aus Granville. Ein Franzose. Auf dem Foto wirkte er jünger, das Gesicht weniger eingefallen. Ich bot ihm meinen Stift zum Unterschreiben an, er zog aus seinem Mantel einen Füllfederhalter.“

Der Zeichner und Illustrator Kerrand ist nach Sokcho gekommen, um sich für seinen nächsten Comic inspirieren zu lassen. Der Griff zur eigenen Feder mag die Protagonistin in dieser Anfangsszene irritieren, an die Schrullen des stillen Künstlers aber wird sie sich schnell gewöhnen. Auf etwas weniger als 150 Seiten lässt Dusapin den Franzosen und die Südkoreanerin mal begierig, mal unentschieden, mal schüchtern, mal konfrontativ aneinandergeraten. Die Erzählerin arbeitet in der heruntergewirtschafteten Herberge, in der Kerrand für unbestimmte Zeit absteigen will, ist Rezeptionistin, Putzkraft und Köchin zugleich. Der Winter in dieser Gegend, nahe an der Grenze zu Nordkorea, ist klirrend kalt, die Küstenlandschaft karg, die Atmosphäre in der Stadt auf ein archaisches Glimmen herabgedimmt:

„Der Schnee klatschte in Massen vom Himmel, feucht und schwer von einem Wärmeeinbruch, ließ die Bambusstängel sich biegen. Ein Tag ohne Wind. Kerrand ging in meinen Fußstapfen, ich hatte ihm Parks Schneeschuhe geborgt. Oft blieb er stehen, zog die Handschuhe aus, berührte einen Baumstamm, die Eisschicht an einem Felsen oder stand einfach da und lauschte, bevor er den Handschuh wieder anzog und immer langsamer hinter mir den Hang hinaufkam.“

Ein Konflikt zwischen Mutter und Tochter

Sokcho bietet ein perfektes Szenario für den trübsinnigen Kerrand, der sich abends in sein spartanisch eingerichtetes Zimmer zurückzieht und Tuschezeichnungen anfertigt. Ebenso werden wir Leser und Leserinnen von Dusapins stimmungsvoller Sprache affiziert, die Andreas Jandl aus dem Französischen übersetzt hat. Ihre kalten, klaren Sätze wirken, als wären sie durch ein Filterungsverfahren gegangen: Das Nebensächliche und Willkürliche, das jedem Augenblick eigen ist, ist beseitigt. Am Ende bleibt nichts als der Effekt einer klammen, zähen Wirklichkeit, durch die sich beide Figuren kämpfen. Ganz in der Nähe der Herberge wohnt die Mutter der Erzählerin zurückgezogen, sie bedrängt ihre Tochter immer wieder mit Ratschlägen und Mahnungen:

„In der Küche machte meine Mutter sich daran, den Fugu auszunehmen, während ich Lauch in die Rinderbrühe warf und, blind vom aufsteigenden Dampf, den Tteok in Stücke schnitt. ‚Ich kaufe mir bald Kontaktlinsen.‘ ‚Du siehst gut aus mit der Brille.‘ ‚Vor kurzem wolltest du noch eine Schönheits-OP.‘ ‚Das habe ich nie gesagt.‘ ‚Jedenfalls brauche ich deine Meinung nicht.‘ Meine Mutter verzog das Gesicht. Sie reichte mir einen Tintenfisch zum Zerstampfen. Ich schnitt die Tentakel ab, fuhr mit den Fingern in seinen Kopf, zog die Tintenblase heraus. Die Gerüche von Rind und rohem Fisch vermischten sich, beißend und schwer. Ich stellte mir Kerrand an seinem Schreibtisch vor. Wie er mit zusammengekniffenem Mund dasaß, seine Hand durch die Leere irrte, sich an einer bestimmten Stelle auf dem Blatt niederließ.“

Rollenbilder vorführen – und demontieren

Die Arbeitsteilung, die Dusapin inszeniert, ist klar festgelegt: Er, der Mann, zeichnet mit Tusche, sie, die Frau, zerhackt Tintenfische. Er widmet sich der Kunst, sie sich der Küche. Die 1992 geborene Schriftstellerin setzt sich in „Ein Winter in Sokcho“ kritisch mit den Rollenerwartungen auseinander, die an ihre Protagonistin herangetragen werden: Als Tochter soll sie im Sinne familiärer Traditionen leben. Neben der loyalen Nähe zu ihrer Mutter gehört dazu auch, Jun-oh zu heiraten, der als Model in Seoul arbeiten möchte. Als junge Frau soll sie sich wiederum eine Büroarbeit in der Hauptstadt suchen, um dem krassen südkoreanischen Arbeitsethos gerecht zu werden. Diese mütterlichen Belehrungen hinterlassen bei der Tochter Spuren, eine Essstörung bricht sich immer stärker Bahn. Das Buch gerät aber an keiner Stelle zur analytischen Studie, die mit ästhetischen Mitteln soziologische Pointen setzen möchte. Dafür ist Dusapin, die am Schweizer Literaturinstitut in Biel studiert hat, zu sehr ihrem literarischen Sujet und dessen sprachlicher Gestaltung verpflichtet.

Ihrer zweiten Hauptfigur lässt die Autorin indes weniger kritische Fürsorge zukommen. Dessen Rumgebrüte und Schweigen mögen der hingetuschten Stimmung ungemein zugutekommen. Zugleich rührt die Autorin nicht am Klischee: Der genialische Künstler bleibt der genialische Künstler. Seit Jahrhunderten herrscht dieses Rollenbild des immer männlichen, immer weltschmerzenden Genies vor, das aus großem Leid große Werke schafft. Auch wenn Dusapin mit ihrem Erstling beweist, wie wenig dieser steife Stereotyp der Realität entspricht, bleibt das kulturhistorische Konstrukt innerhalb ihrer Geschichte doch unangetastet.

Ein südkoreanisches Schneekugel-Märchen

„An diesem Abend spähte ich wieder durch den Türspalt in sein Zimmer. Wenn er so gebeugt am Tisch saß, wirkte er älter. Hatte das Porträt einer Frau gekritzelt, die Brüste nackt, die Füße halb verdeckt unter der Rundung einer Pobacke. Sie räkelte sich auf einem Futon. Er zeichnete einen Parkettboden, Details des Futonbetts, als wollte er ihr nicht zu nahekommen, doch verlangte ihr gesichtsloser Körper nach Leben. Nachdem er die Umgebung mit dem Bleistift fertig gezeichnet hatte, nahm er die Tusche, um ihr Augen zu geben. Die Frau setzte sich auf. Ganz gerade.“

Diese Sehnsucht nach einem anderen Körper und nach einem geweiteten Leben, das einem vielleicht nur die Kunst geben kann, artikuliert der Roman durchgängig. Aus diesem Versprechen zieht auch die Zweierbeziehung ihre Kraft. Einerseits ist Dusapins Imagination zärtlich genug, um deren Verwehungen nachzuspüren, andererseits ist die Autorin zu verschlagen, um ihr südkoreanisches Schneekugel-Märchen allzu einfach enden zu lassen. Im Winter von Sokcho schmelzen keine Herzen. Aber mit dem fabelhaft orchestrierten Schluss stellt Elisa Shua Dusapin ein letztes Mal unter Beweis, wie geschickt sie Zwielicht, Klarheit und allzu menschliche Sehnsüchte in eine Erzählung zu bannen weiß. Ihr zweiter Roman, „Les Billes du Pachinko“, liegt seit August letzten Jahres auf Französisch vor; die deutsche Leserschaft kann nur hoffen, dass eine Übersetzung möglichst schnell folgen wird.

Samuel Hamen

zuerst erschienen im Büchermarkt des

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