Kritik

Das Satzende als Versprechen eines Neuanfangs. Über Ocean Vuongs „Auf Erden sind wir kurz grandios“

von Samuel Hamen
September 20, 2019 / 0 Kommentare

„Du hues näischt méi héieren, näischt méi verstan.“ So beginnt Pol Greischs „Fir meng Mamm“ aus dem Jahr 2000, einer der literarischen Höhepunkte im Werk des luxemburgischen Schriftstellers. Der erwachsene Sohn schreibt der Mutter einen buchfüllenden Brief, um sich im intimen Format mitzuteilen: wie er die Kindheit im Elternhaus empfunden hat, wie er erst jetzt einsieht, wie einsam sie immer gewesen ist, wie viel ihm an dieser Beziehung lag, der er doch nie den nötigen Raum zugestand.

Auch beim 1988 in Saigon geborenen Ocean Vuong steht am Anfang das Gefühl hilfloser Entfernung zwischen Sohn und Mutter: „Ma, ich schreibe, um dich zu erreichen – auch wenn jedes Wort auf dem Papier ein Wort weiter weg ist von dort, wo du bist.“ Das autobiografisch gefärbte Buch, das in den USA begeistert aufgenommen wurde und nun im Verlagshaus von Hanser erschienen ist, spürt einem familiären Irrweg nach: Emigration aus Vietnam, Ankunft in den USA, Arbeit im Nagelstudio, Pflege der traumatisierten Großmutter, die an schizophrenen Schüben leidet.

Die Sprache des episodisch strukturierten Romans ist dabei bildgewaltig und rhythmisch stark suggestiv. Leichthin hätte sie in das Pathos der Viktimisierung einer Randexistenz abdriften können. Aber der Text verwendet sein außerordentliches Sprachgefühl nicht darauf, den Protagonisten ausschließlich als Opfer der Umstände zu beschreiben. Neben die Milieu-Kritik, die auf die auswanderfeindliche US-Gesellschaft zielt und darüber auch die aktuelle Migrationspolitik der USA kommentiert, tritt als eigentliche Schaltzentrale die Selbstaussprache eines poetischen Gemüts, das seine Verletzungen während des Schreibens nicht ad acta legt, sondern überhaupt erst ans Tageslicht bringt.

Der Vietnamkrieg, den die Mutter als Kind miterlebte, hat sich nämlich in die familiäre DNA eingeschrieben, die Gewalt nimmt kein Ende: Sie verprügelt ihren Sohn, nur um ihn anschließend zu fragen, ob man zu McDonald’s gehen soll. Wenn zum neuen Jahr die Böller krachen, schleift die Großmutter ihren Enkel unter das Fenster: „Schhh. Wenn du schreist, hörte ich sie sagen, wissen die Minenwerfer, wo wir sind.“

Der Suche nach dem mot juste, wie sie Gustave Flaubert wieder und wieder zelebrierte, geht dabei auch Vuong nach: „Du musst einen Weg finden, Little Dog, sagtest du in mein Haar. Du musst, weil ich kann kein Englisch, um dir zu helfen. Ich kann nichts sagen, um sie aufzuhalten. Du findest einen Weg. Du findest einen Weg oder erzählst mir nie wieder was davon, verstanden?“ Der Erzähler jagt dem richtigen, dem wahrhaftigen Wort nach, um endlich wehrhaft zu werden – gegen mobbende Schulkinder, die bereits mit acht Jahren den Habitus ihrer rassistischen Eltern angenommen haben, ebenso wie gegen Verkäufer, die die Mutter verhöhnen, weil sie nicht weiß, was „Ochsenschwanz“ auf Englisch heißt. Sie verlässt den Supermarkt gedemütigt, weder ihr Sohn noch ihre Mutter können ihr helfen – statt einer traditionellen vietnamesischen Suppe gibt’s‘ Toast und Mayonnaise.

„Auf Erden sind wir kurz grandios“ stellt den Parcours einer schmerzlichen Sprachfindung nach. Hier will und muss jemand zu den Wörtern finden, nicht um elegante Prosa abzufassen, sondern um in einer feindlich gesinnten Umgebung für sich und die Familie Sorge tragen. Diesen existenziellen Aspekt des literarischen Schreibens betont Vuong mit viel Verve und in Rückbezug u. a. auf Roland Barthes, der nach dem Tod seiner Mutter ein „Tagebuch der Trauer“ angelegt hatte.

Was Vuongs Debüt von den vielen, oftmals exzessiv subjektivistischen Romanen abhebt, die sich aus der Ich-Perspektive eines Heranwachsenden den Kriegs- und Fluchterfahrungen zuwenden, ist das Wissen um die Dialektik von Literatur: Natürlich hilft es nichts, zu erzählen. Die Welt bleibt grausam, die Vergangenheit eine klaffende Wunde, die Liebe zu einem anderen Jungen voller zärtlicher Enttäuschung. Zugleich lohnt sich die Unternehmung immer wieder. Die Utopie einer narrativen Befreiung treibt diesen Text enorm an, und gerade das Scheitern, eine finale glückliche Pointe zu setzen, garantiert seine Wirkkraft. Und wer weiß, vielleicht gelingt sie für einen blitzkurzen Augenblick ja doch, die Emanzipation vom erfahrenen Leid und engen Identitätsschablonen: „Wenn wir Glück haben, ist das Ende eines Satzes der Punkt, an dem wir vielleicht anfangen können.“

Samuel Hamen

zuerst erschienen in der Buchbeilage „Livres – Bücher“ des Luxemburger Tageblatts

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