Kritik

Einfrieren, um zu leben. Über Hendrik Otrembas Roman „Kachelbads Erbe“

von Samuel Hamen
September 27, 2019 / 0 Kommentare

Im Jahr 2019 könnte der Brief eines kalifornischen Start-Ups wie folgt beginnen, schließlich gehört das Versprechen ewigen Lebens zum Kern technologischer Mythologien: „Seit 1964 beschäftigt sich die Kryonik mit der Zukunft der Menschheit nach ihrem Tod. Es existieren in den USA zwei Institutionen, die die Kryonik praktizieren. Eine davon ist Exit U.S., in deren Namen ich mich an Sie wende. Wir frieren Menschen ein, um sie eines Tages wieder aufzuwecken – wenn dem Verfall des menschlichen Körpers, den Symptomen des Alterns, dem Sterben adäquat begegnet werden kann. In der Forschung geht es pfeilschnell voran und bald schon wird es möglich sein, die Erkenntnisse der Universitäten in den Dienst der Kryonik zu stellen. Wir wollen das Sterben nicht länger akzeptieren.“

In diesem Fall stammt das Anschreiben aber aus dem Jahr 1985 und ist Hendrik Otrembas neuem Roman entnommen. Diejenigen, die sich einfrieren lassen, heißen bei ihm kalte Mieter. Sie mögen neugierig, krank oder verzweifelt sein, ihr Ziel ist ein ähnliches: die Gegenwart hinter sich lassen, um in der Zukunft endlich gesund, weise oder glücklich zu werden. Die Lagerhalle von „Exit U.S.“ in L.A. ist dabei der Umschlagplatz der Hoffnungen; dorthin gelangen nach und nach alle Figuren. Als Kryonik-Mitarbeiter begleitet der titelgebende Kachelbad anschließend die sogenannte Suspension. Zu Beginn erscheint der Protagonist als kauziger alter Mann, der sich einer idée fixe verschrieben hat; seine biografische Motivation wird erst später verraten.

Angekettet an das Genre-Register

„Kachelbads Erbe“ steht gleich zu Beginn unter dem Genre-Diktat des Krimis und des Film Noir. Viele Sätze strotzen vor Baukasten-Atmosphäre: Die Steintreppe ist alt und schwer, das Papier vergilbt und fleckig, das Parkhaus dunkel und kühl. Der Regen muss peitschen, der Wind heulen, die Flamme flackern. Bei anstehenden Besorgungen für „Exit U.S.“ nimmt Kachelbad natürlich einen unauffällig auffälligen Transport-Van. Eine Briefübergabe muss, na klar, in einem schmuddeligen Diner stattfinden. Dabei offenbart Kachelbad eine mysteriöse Fähigkeit: Er kann sich unsichtbar machen. Anschließend können ihn nur einige Auserwählte sehen.

Erst letztes Jahr stellte Michel Dekar mit seinem Romandebüt „Tausend Deutsche Diskotheken“ unter Beweis, wie sich 80er Jahre, abgewrackte Figuren und Zeitgeist-Panorama gewitzt ineinanderschieben lassen. Aber von einer solch gattungsironischen Überdehnung, die „Kachelbads Erbe“ sicherlich energetisiert hätte, ist nichts zu spüren. Die Imagination des Romans ist angekettet an heute längst überstrapazierte Register, die einem etwa in den Krimis von Raymond Chandler begegnen.

Bereits 2017 ließ eine ähnliche gestalterische Monotonie Otrembas Erstling schnell erlahmen. „Über uns der Schaum“, erschienen im „Verbrecher Verlag“, erzählte die Geschichte eines drogenabhängigen und unsterblich verliebten Detektivs, der sich durch eine post-apokalyptische Welt schleppt. Nach und nach beschleicht einen bei der Lektüre von „Kachelbads Erbe“ die Ahnung, erneut ein Buch in Händen zu halten, das sich am Noir-Buffet sattgegessen hat. Nach dem ersten, gut hundertseitigen Kapitel ereignet sich dann aber etwas Bemerkenswertes: Der Roman wird von einer Seite zur nächsten fulminant. Otremba installiert Kachelbad als Chronisten, der in fünf Kurzkapiteln die Biografien der kalten Mieter notiert: „Kachelbad schrieb die Geschichten der kalten Mieter des Tanks C87. Für jeden Mieter fand er dabei eine andere Stimme, eine andere Art des Aufschreibens.“

Andere Räume, andere Stimmen

Der Lebensweg des Schriftstellers Shabbatz Krekov wird im Rahmen einer Werkbiografie erzählt, die von Wien über Mexiko in die U.S.A. führt. Dort lernt der cholerisch-vergrübelte Künstler Kachelbad kennen. Die Freundschaft der beiden gedeiht, während Krekovs letzter Plan Form annimmt: „Schließlich beginnt er mit der Idee zu spielen, sich einfrieren zu lassen. Er schreibt in sein Traumtagebuch: Ich möchte das Ende der Menschheit erleben. Ich möchte einem Anfang beiwohnen.“

Für dieses wie für die folgenden Unterkapitel gilt: Sobald Otremba dem Genre-Faible abschwört, wird seine Prosa klar, aufregend und agil. Die Irrwege der Zwangsprostituierten Amelia Morales weiß er ebenso geschickt nachzuzeichnen wie die Gedankenwelt der sowjetischen Forscherin Yulia Lisovskiy, die 1986 in der Nähe von Tschernobyl arbeitet. Beim Reaktorunglück kommt ihr Liebhaber und Forscherkollege Michail ums Leben: „Von diesem Moment an, bis er das letzte Mal die Augen schloss, schauten Michail und ich uns an. Als wir ihm die Beruhigungsmittel gaben. Als wir ihm die Spritzen gaben. Als ich ihm den Kopf schor. Als ich seinen Körper wusch. Wir tanzten einen letzten Tanz.“

Yulia wird im Laufe der Handlung noch eine wichtige Rolle spielen, haben doch die Russen ebenfalls an Kryonik-Verfahren geforscht und bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Leider enden die Miniaturen nach hundert Seiten, und der Roman verfällt unerklärlicherweise in seinen alten Trott. Bevor man sich vorsehen kann, verfolgt bereits ein grobschlächtiger Investigativ-Journalist Kachelbad und seine Entourage. Es folgen ein Banküberfall, Prügeleien und zahlreiche blutende Visagen.

Spagat zwischen Hoch- und Populärliteratur

„Kachelbads Erbe“ laboriert an den eigenen Ambitionen, am Wunsch, zweierlei zu genügen: Einerseits gibt das Buch sich abgebrüht, um den Erwartungen an einen rasanten Krimi zu entsprechen. Andererseits schielt es zum Belletristik-Regal hin, als sähe es sich am liebsten dort aufgereiht, zwischen schönen Reflexionen zum Lauf der Zeit und zum Stand der Dinge. Dieser Wille zum Stil führt denn auch zu einer halsbrecherischen Jonglage mit kanonischer Literaturtheorie, unter anderem mit Roland Barthes’ „Der Tod des Autors“ und Ludwig Wittgensteins Sprachphilosophie.

Eine Geste der Selbst-Nobilitierung durchzieht den Text an zahlreichen Stellen: Otrembas Figuren schreiben ständig über das eigene Schreiben. Das Sinnieren über Literatur soll dabei auf die Güte des Buches verweisen, in dem eben diese Figuren vorkommen. Aber viele der poetologischen Überlegungen geraten Otremba zu Kioskweisheiten: Die Welt wird als Erfindung, das Schreiben als Wandeln über einen Schlund und die Gegenwart als Nullpunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft bequatscht. Auch Literatur über Literatur kann trivial sein: „Meine Träume waren viel ehrlicher zu mir, als ich es selbst im Wachzustand je sein konnte. Hier war der Wahnsinn des Unterfangens nicht zu leugnen, hier war ich ihm ausgeliefert, immer wieder, auf die eine oder andere Art. Doch das kannte ich ja schon, ich träumte bereits mein ganzes Leben auf diese Weise. Nur in diesen Zeilen steckt mehr Ehrlichkeit. Das Schreiben ist wie eine Brücke, die die Schlucht zwischen Traum und Wirklichkeit begehbar macht. Von hier aus kann man tief in den Abgrund blicken.“

Dabei ist der Versuch, einen Spagat zwischen Hoch- und Populärliteratur zu wagen, eine begrüßenswerte Übung. Don DeLillo – ein erklärtes Vorbild des Romans – stellt regelmäßig unter Beweis, wie populäre Formate und ästhetische Wagnisse zueinanderfinden. Die Grenze zwischen ernster und Unterhaltungsliteratur kann mühelos eingerissen werden, verfügt man denn über die nötige erzählerische Flexibilität.

Soziale Marginalisierung als Prinzip

Ebendiese Versiertheit legt „Kachelbads Erbe“ aber nur stellenweise an den Tag – unter anderem zum Ende hin. Im vorletzten Kapitel wird der bisher ausgesparte sechste kalte Mieter vorgestellt, ein ehemaliger Junkie, in den sich Kachelbad verliebt hat. Der namenlose Freund hat sich mit HIV infiziert und sieht dem Tod entgegen. Die soziale Ächtung, die die Erkrankten in den 80er Jahren erfuhren, wird in Tagebuchnotizen beschrieben.

„14. August: Die Stimmung ändert sich, ich beobachte, wie Leute Angst kriegen, Angst vor schwulen Männern. Es sind aber auch Frauen, das sagt nur keiner, das steht nirgendwo. Das ist alles so ein Irrsinn. Und die ganze Zeit hören wir von immer mehr Toten.“

Insgesamt spiegelt sich in Otrembas Szenario die Maxime des Jahrzehnts – No future – in zappendusteren Schattierungen wider. Kachelbads erwähnte Unsichtbarkeit erweist sich nicht als beneidenswerte Superhelden-Fähigkeit, sondern als Phänomen einer ignoranten und asozialen Gesellschaft. Es ist überdies ein schmerzlich triftiger Kommentar zu unserer Gegenwart, dass die Figuren sich ihr Glück nicht in einer nahen, sondern ausschließlich in einer sehr fernen und ungewissen Zukunft vorstellen können. Utopisches Denken ist nur noch schockgefrostet zu haben. In seinen starken Passagen wartet Hendrik Otrembas Roman durchaus mit erzählerisch gut arrangierten Pointen auf. Auf den restlichen Seiten hingegen fühlt sich der Leser wie eine der müden Figuren des Buches, die durch ein Setting schleichen, dem sie nur mehr wenig abgewinnen können.

Samuel Hamen

zuerst erschienen im „Büchermarkt“ im

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