Kommentar, Kritik

Über Quallen – und ein wenig über Tom McCarthys Essayband „Schreibmaschinen, Bomben, Quallen“

von Samuel Hamen
Oktober 28, 2019 / 0 Kommentare

Die Suchmaschine weiß Bescheid, auch darüber, wie wenig wir Bescheid wissen. Wer die Autovervollständigung der Google-Maske mit den Wörtern „Haben Quallen“ anfüttert, sieht, was sich die anderen Nutzer im Quallenkontext gefragt haben. Haben Quallen ein Gehirn? Haben sie ein Herz? Können sie bluten? Ein Register der Unwissenheit ploppt auf, das gar kein Ende nehmen will: Egal, ob Knochen, Kiemen oder Lungen, bei Quallen versagt das Biologiewissen bei Grundsätzlichem. Die Schwarmignoranz ist wirklich enorm.

Und die Antworten sind einfach: Nein, nein, nein. Quallen bestehen zu weit über 90 Prozent aus Wasser, eine Tatsache, die den Lyriker Jan Wagner zu den Versen veranlasste: „gefräßiges auge / einfachste unter den einfachen – / nur ein prozent trennt sie von allem, / was sie umgibt.“  Aber dieses eine Prozent hat es in sich. Es erschafft die Differenz zwischen einem Nichts in wässriger Umgebung – und einem Wesen, dessen genauere Wahrnehmung eine völlig neue Weltsicht erlaubt.

So stellt etwa der Titel des Essaybands Schreibmaschinen, Bomben, Quallen, der kürzlich bei diaphanes erschienen ist, die Medusen gleich mal in eine Reihe mit Gerätschaften, die weltbewegend waren oder immer noch sind. Das Buch versammelt Texte, die der 1969 geborene englische Autor Tom McCarthy zwischen 2003 und 2017 verfasst hat und kommt als eine Art Chemiebaukasten daher, an den sich ein belesenes Gemüt gesetzt hat, um mit modernen und postmodernen Theoretikern und Literaten zu experimentieren, von James Joyce über Vladimir Nabokov hin zu Michel Leiris, von Jacques Derrida hin zu Georges Bataille.

Gleich das Vorwort trägt dabei den Titel Der kommende Glibber. Dort glorifiziert McCarthy Quallen als „wirbellose Guerilleros“, die Wasserzuläufe von Fabriken verstopfen und ganze Meeresstriche besiedeln: „Der Glibber überzieht alles, haftet überall an, schwappt zurück …“ Aber nicht nur McCarthy ist fasziniert. In der letzten Ausgabe der Zeitschrift Die Epilog ruft der junge Autor Rudi Nuss eben mal das „Zeitalter der Qualle“ aus: „Denken wir im Glibber der Muscheln und den Fäden der Medusa in eine Zukunft ohne Wirbel.“ Und als 2017 ein opulenter Bildband mit Medusen-Zeichnungen des wilhelminischen Meeresbiologen Ernst Haeckel herauskam, machte das deutlich mehr Welle, als es sonst bei 150 Euro teuren Liebhaberbüchern der Fall ist.

Wer der Begeisterung von Nuss und McCarthy folgt, landet recht bald bei der US-amerikanischen Wissenschaftshistorikerin Donna J. Haraway. In ihren ökofeministischen Schriften zu Cyborgs, Haustieren und Mutationen plädiert die emeritierte Professorin dafür, das Verhältnis zwischen dem Menschen und seiner Umwelt radikal zu hinterfragen. In Unruhig bleiben, einer Essaysammlung, die 2018 auf Deutsch erschien, widmet sie dann dem „tentakulären Denken“ gleich ein ganzes Kapitel.

Tiersymbolische Wachablösung

Haraway schlägt darin vor, das Primat der menschlichen Sichtweise auf die Welt ebenso in Frage zu stellen wie die utilitaristische Praxis, mit der wir natürliche Ressourcen ausbeuten. Kurz gesagt: Der Mensch hat als Alpha dieses Planeten ausgedient. Stattdessen optiert Haraway in ihrer Mischung aus Science Fiction, Öko-Kritik und Biologie-Manifest für neue „materiell-semiotische Welten“, in denen die Tentakulären im Vordergrund stehen: Die Zeit sei reif für „neuronale Extravaganzen, faserige Gebilde, Peitschenwesen, myofribonale Verflechtungen, verfilzte mikrobische und fungale Gewirre, sondierende Kriecher“.  Ihre „Theorie in Schlamm und Konfusion“ sucht nach utopischen Sinnbildern und findet sie in Kreaturen wie der Qualle.

Damit ist die dann auch gleich gedacht als Antithese auf die marinen (Anti-)Helden des 19. Und 20. Jahrhunderts. Ob Flipper, Weißer Hai oder Free Willy, ob der von Jules Verne inspirierte Krake in „Fluch der Karibik“ – es sind allesamt großspurige Tiere, mal furchterregend in ihrer Zerstörwut, mal liebenswert in ihrer Kumpanei. Anders gesagt: Es sind Individualisten in der Tradition von Moby Dick, die mal gute, mal böse Taten vollbringen.

Haraways Anti-Individualismus, der auf der Ablehnung des human exceptionalism gründet, findet demgegenüber in der Qualle ein Wappentier, das – wollte man ihren amorphen Gehalt doch irgendwie vermenschlichen – in höchstem Maße teamfähig ist. Man denke nur an die Lebensform der Portugiesischen Galeeren, die der Unterkategorie der Staatsquallen angehören: Die Einzeltiere des Stocks tun sich zusammen, jeder der sogenannten Polypen übernimmt dabei spezialisierte Körperfunktionen, die den Organismus erst als ganzes lebenstüchtig machen: Die einen fressen, die anderen tasten, wiederum andere sind für die Fortpflanzung zuständig. Sie sind, schreibt die Biologin Lisa-Ann Gershwin in ihrem (auf Deutsch leider vergriffenen) Buch zu Quallen, „not quite an individual, not quite a colony“.

Das erklärt nun einerseits gut, warum die Qualle für zeitgenössischen Anti-Individualismus wie bei Haraway so attraktiv ist: Das Quallenleben scheint eine vergleichsweise zivile Variante der Kollektivität zu sein, ein Quallenschwarm ist keine dumpf vereinte, potenziell aggressive Meute, sondern im besten Sinne symbiotisch. Andererseits zeigt sich hier auch eine Schwachstelle der Quallen-Liebhaberei: So suggestiv die Vorstellung einer Quallifizierung der Welt für etliche Schriftsteller und Theoretikerinnen sein mag, so tauglich die Qualle als Metapher für „Anti-Mensch“, so sehr schwächeln die Schriften darin, eine überzeugende Ethik der Gruppenbildung zu skizzieren, die von Quallen auf menschliche Gemeinschaften übertragbar wäre, ohne jeden individuellen Affekt zu negieren.

Lässt sich Gelee pürieren?

Womöglich ist die tiersymbolische Wachablösung dennoch in vollem Gange: weniger Willy, mehr Qualle, weniger einsamer Wolf, mehr Rudel. Eine Anekdote aus dem Jahr 2006 versinnbildlicht diesen Wandel eindrücklich. Zu Beginn seines Buches referiert McCarthy, dass der Flugzeugträger USS Ronald Reagan damals vor der australischen Küste lahmgelegt wurde. Es war weder ein Kraken noch ein Megalodon, der das Kriegsschiff außer Kraft setzte, sondern ein Schwarm von Quallen. Die Nesseltiere seien dabei auf „schamlose Weise militaristisch vorgegangen“, ihre Methode habe darin bestanden, das Schiff „sanft, aber ohne jede Aussicht auf Entkommen in einer Art Schlamm festfahren zu lassen, in einer See, die nur noch aus Schleim (aus ihnen selbst) bestand“.

Diese aquaterroristische Bedrohung beschäftigt nun nicht nur die US-Marine, und Antworten darauf illustrieren noch einmal sehr gut, wie Quallen – falls man das so nennen kann – operieren. So schrieb etwa Ende 2017 die South China Morning Post, dass die chinesische Armee Forschungen für einen „jellyfish shredder“ lanciert habe. Die Militärs seien voller Sorge, dass ihr einziger Flugzeugträger Gefahr laufe, von Quallen befallen zu werden. Sobald diese in die Kühlanlagen des Schiffes geraten würden, würden sie Filter, Zuläufe und Abflüsse verkleben. Schlimmstenfalls müsse das Prachtstück der chinesischen Flotte dann abgeschleppt und seine Innereien mühsam entschleimt werden.

Abhilfe sollte besagter Schredder schaffen. Die Apparatur besteht aus einem riesigen trichterförmigen Netz, an dessen Ende rotierende Stahlklingen montiert sind. Gezogen von einem Schnellboot soll sie durch Areale mit starker Quallenblüte gleiten und die Tiere zerhäckseln. Die Forschungen zeigten indes schnell, dass es wenig bringt, Gallert nochmals zu pürieren. Die Konstruktion, die nur der martialischen Imagination eines ebenfalls herzlosen Ingenieurs entspringen kann, ließ kleinere Arten durch die Netze schlüpfen. Zugleich schredderte sie natürliche Fressfeinde von Quallen besonders erfolgreich. Zudem warfen die Quallen Sekunden vor dem Püriertwerden ihre Eier beziehungsweise Spermien ab, die dann zuverlässig für Nachwuchs sorgten.

Die Qualle ist nicht kleinzukriegen. Es scheint, als sei sie der Querulant, den sich der Mensch im ökologischen Zeitalter redlich verdient hat. Je mehr wir in die Natur eingreifen, desto mehr manifestieren sich. Sie taugen als schleimiges Symbol unserer Taktlosigkeit gegenüber der Umwelt. Die weltweite Überfischung und Verschmutzung der Ozeane führt zur Dezimierung genau jener Fressfeinde, die die Quallen verzehren, darunter Haie und Meeresschildkröten. Bauliche Großprojekte in Kanälen, Küstengebieten und dem offenen Meer bieten dem sogenannten Polypen Halt, einer Art Tentakelstation, die eine maßgebliche Rolle bei der Entwicklung von Quallen spielt. Der Düngerausguss, der entlang der Küsten ins Meer fließt, regt wiederum das Wachstum von Algen an, die Zooplankton anlocken, von dem sich Quallen ernähren.

Der Stich des Realen

So oder so: Es werden immer mehr, das Kollektiv wächst und verdampft und wächst und zerfällt und wächst. Die Frage ist eher, wer die symbolische Hoheit über die Qualle erringt. Für die einen sind sie invasive „Mini-Monster“, die die Fischerei-Industrie gefährden, für die anderen ästhetische Gebilde, die u. a. von Ernst Haeckel Ende des 19. Jahrhunderts formvollendet festgehalten wurden. Zudem gibt es ein Forschungsprojekt mit dem etwas albernen Namen Go Jelly, das laut Homepage an einer „gelatinösen Lösung in Bezug auf Plastikverschmutzung“ arbeite, bei der der Quallenschleim als Filterstoff genutzt werden soll, um die Ozeane zu säubern.

In Unruhig bleiben verweist Donna Haraway auf die Ethnographin Marilyn Strathern, der sie eine methodische Einsicht verdanke: „It matters what ideas we use to think other ideas.“ In seinen Essays sind die Quallen für Tom McCarthy nun weniger als ökologischer Racheglibber von Interesse, sondern als postmodernes Emblem. Mit der Idee der Qualle denkt McCarthy die Idee einer kritischen zeitgenössischen Literatur. Für ihn ist die Kreatur das Ereignis, das Abläufe stört und Ordnungen durcheinanderbringt. Sie markiert den Eintritt des Realen in eine Erfahrungswelt, die sich einer trivial konstruierten Realität anheimgegeben hat.

Letztlich denkt McCarthy hier literaturtheoretische Einwände weiter, die eine Kritik des Realismus formulieren: Ein Gros der Literaturproduktion verausgabe sich dabei, die Wirklichkeit möglichst getreu wiederzugeben. Es gehe ihr um bloße Abbildung des Erlebten – und nicht darum, die Bedingungen offenzulegen, die uns diktieren, wie wir sehen, empfinden und denken. Literatur entfaltet laut McCarthy aber erst dann ihre Schlagkraft, wenn sie Erfahrungsroutinen aufbricht und in neue Zonen vorstößt: „Das Reale einer Sache“ liegt ihm zufolge denn auch „in ihrer eigenen Materialität: einer klebrigen, unstrukturierten und vor allem niederen Materialität, die alle Grenzen überschwemmt oder unterspült, welche die Identität einer Sache eindämmen oder abstecken“.

So wie die Qualle ein Ökosystem kippen lassen kann, so kann Literatur ein Erkenntnissystem verändern. Ein Essay kann die Membran des Alltags durchstechen, ein Roman kann invasiv in unser Denken eindringen. McCarthys Poetik, wie er sie in Schreibmaschinen, Bomben, Quallen darlegt, ist bei alledem von großem theoretischen Ernst; ihm geht es darum, eine genuin literarische Weltsicht ins Werk zu setzen. Zugleich zeugen seine eklektizistischen Beiträge, die Beckett mit Bataille kurzschließen, von einem belesenen Spieltrieb, der in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur so nicht anzutreffen ist.

Das Forscherteam, das mit dem „jellyfish shredder“ beauftragt wurde, sprach nach dem Pürier-Fiasko übrigens eine andere Empfehlung aus: Es sei sinnvoller, ein „jellyfish forecast system“ einzurichten, ein Vorhersage-Radar also, um Polypengärten und Quallenblüten frühzeitig zu erfassen und Schiffe dementsprechend umzuleiten. Dieser Vorschlag dürfte auch den Quallen-Narren gefallen, freilich unter anderen Vorzeichen. Man stelle es sich vor, ein weltweit operierendes Radar, das die wabernde Bewegung des Gallerts aufzeichnet. Es wäre ein planetarisches Wimmelbild, das so manchen Blick bannt: Die einen sähen nichts als das gefahrenvolle Ende der Welt aus der Geburt immer neuer Quallen, die anderen hingegen das ästhetische Sinnbild einer unvermeidbar anderen Zukunft.

Samuel Hamen

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