Gespräch

Bücherregale voller Idioten – Lukas Bärfuss im Gespräch

von Samuel Hamen
November 18, 2019 / 1 Kommentar

Gibt es eine spezifische Tragik in den Leben mittelalter Männer? In Malinois trifft man solche tristen Figuren an jeder Ecke an.

Der Band versammelt Erzählungen der letzten beiden Jahrzehnte. Und es ist tatsächlich so, dass man plötzlich Parallelitäten und Wiederholungen sieht, Sujets, die man immer wieder bearbeitet. Aber ich habe das nicht gesucht. Ich habe nie gesagt, dass ich mich jetzt mit der Stellung des mittelalterlichen Mannes in der kapitalistischen Gesellschaft auseinandersetzen muss. So ist es nicht. Es gibt verschiedene Erklärungsansätze: Ich bin vaterlos aufgewachsen und habe vielleicht dadurch einen gewissen Erkenntnisnotstand, weil mir das nicht vor Augen stand. Zudem glaube ich, dass die Position des Mannes in unserer Gesellschaft extrem problematisch ist – aus ganz unterschiedlichen Gründen. Und was Probleme macht, ist natürlich ein guter Gegenstand für die Literatur. Sie beginnt dort, wo etwas nicht funktioniert.

Damit sagen Sie der Literatur für die nahe Zukunft gewissermaßen einen Boom voraus.

Dass die Literatur ein Krisensymptom ist, das scheint mir offensichtlich. Sobald die Menschheit befriedet sein wird und wir keine Konflikte mehr untereinander austragen, dann werden wir die Literatur nicht mehr brauchen. Und eigentlich müssten wir doch alle darauf hinarbeiten. Die Utopie bestünde darin, dass es die Literatur nicht mehr braucht.

2009 sagten Sie anlässlich einer Rede: „Die Weltlage ist, um es offen zu sagen, zum Kotzen.“ 2014 schrieben Sie in einem Jahresrückblick: „Die Fröhlichkeit zu bewahren fiel einem nicht immer leicht.“ Und heute, nochmal fünf Jahre später? Gibt es eine Spirale der Resignation, in der wir stecken?

Nein. Erstens sollten wir alle unbedingt robuster werden, was unsere Zuversicht betrifft. Und die Geschichte ist leider kein Ochsengang, sondern eher wie ein junges Pferd, das man im Frühjahr zum ersten Mal auf die Koppel lässt. Es springt hin und her, es gibt Rückschritte. Aber ich glaube, wir dürfen uns davon nicht entmutigen lassen, das ist sehr wichtig. Ein Beispiel ist, dass Populisten ihren Bogen auch überspannen können – etwa in Italien.

Gleichzeitig schleppen sich Ihre Figuren müde herum, egal ob in Malinois, Ihrem letzten Roman Hagard oder der Novelle Die toten Männer, mit der Sie debütierten. Bei allem, was sie tun, sind die Menschen nur halbwach. Sie haben sich der Mattheit hingegeben, während Sie als Autor gegen ebendiese Mattheit anschreiben.

Ich habe immer versucht, ein Bild für meine Ängste zu finden, für das, von dem ich glaube, dass wir es nicht verfolgen sollten. Die Liebeslethargie, die etwa in der Erzählung Ein Engel in Erding so stark ist, ist schon etwas Grässliches. Aber vielleicht kommt jetzt eine Phase, in der ich affirmativer schreibe.

In Ihren Erzählungen zoomen Sie auf Figuren, ohne Ihnen dabei zu nahe zu treten, der Leser wird mit einer Art Nähe ohne Wärme konfrontiert. Es sind kurze Sätze, kühl beschriebene Szenen. Gibt es eine Angst des Schriftstellers vor Erhitzung, vor Sentimentalität?

Das hängt sicherlich mit dem Verzicht auf die erlebte Rede zusammen. Dieser Stil ist für mich ein Problem, weil er so tut, als hätte der Autor Zugang zur Innenwelt der Figuren. Und mir schien das immer schon zweifelhaft: Was wissen wir schon von den Gefühlen anderer Menschen? Wir kennen unsere Emotionen und wir können möglicherweise Zeuge sein, wenn andere Menschen sich über ihre Gefühle äußern. Aber der Schriftsteller kann das Fremde in all seinen Figuren nicht immerzu explorieren, das passt nicht ins 21. Jahrhundert. Das funktioniert dann, wenn man meint, dass es so etwas gibt wie eine konsistente Identität, dass in uns irgendetwas ist, das zur Sprache gebracht werden muss und das stumm in uns drin sitzt. Und das entspricht nicht meinem Menschenbild.

Ihr erster Essayband von 2015 trug den Titel Stil und Moral. Auch in jüngeren Debattenbeiträgen denken Sie darüber, welche Rolle dem Schriftsteller in der Öffentlichkeit zukommt und wie politisch oder unpolitisch er sein soll. Kurzum: Was halten Sie vom Literaturnobelpreis für Peter Handke?

Die Position von Handke im Jugoslawienkrieg hat mich damals angewidert, und sie widert mich noch heute an. Es ist unsäglich, was er gesagt hat. Das Problem ist: Mein Bücherregal ist vollgestellt mit Büchern von Idioten. Die Literaturgeschichte ist voll von Idioten. Dostojewski, notorischer Antisemit, Céline ist nicht besser, dann Hamsun, Pound, Benn. Es ist endlos. Wir haben uns im zwanzigsten Jahrhundert darauf kapriziert, zu meinen, das eine habe mit dem anderen nichts zu tun. Wir glaubten, wir könnten das Werk von der politischen Haltung trennen. Ich glaube, das funktioniert heute nicht mehr. Der Wegfall des Kanons spielt dabei eine wichtige Rolle. Wir transportieren unsere Bücher nicht mehr automatisch in die Zukunft, sondern jedes Buch muss einer Überprüfung standhalten. Und dadurch kommen alle diese Fragen wieder auf den Tisch.

Das immunisierende Gegenargument lautet: Der schöne Satz ist der primäre Maßstab von guter Literatur. Kunst sei ein weites ästhetisches Feld, jede Reglementierung müsse ihr zuwider sein.

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Poetik Handkes und seinen politischen Äußerungen im Jugoslawienkrieg? Ich bin der Meinung: Ja. Und man findet es in seinen Texten. Das Eigenbrötlerische, das Einsiedlerische, das Störrische, das Nonkonformistische – das alles hat im Zusammenspiel mit seiner biographischen Erfahrung dazu geführt, gegen den sogenannten Mainstream zu sein. Das mag literarisch fruchtbar sein, politisch ist es eine Katastrophe.

Der Idiot ist der Wortherkunft nach in der antiken griechischen Demokratie derjenige, der sich der Teilnahme am Staatswesen verweigert, der die Partizipation ablehnt und den Rückzug ins Private und Abgelegene antritt.

Ja, das ist eine Gefahr: wenn man sich abkoppelt von der res publica, wenn man die Sprache, die man führt, nicht mehr an der Öffentlichkeit misst, wenn man diese Öffentlichkeit nicht mehr als Partnerin versteht, als dialektisches Gegenüber, sondern als Raum, den man bekämpfen muss. Ich fühle mich verpflichtet, mich im Gespräch zu halten und mich nicht auf eine apodiktische Position zurückzuziehen, ganz einerlei, ob ich ein Gedicht oder einen Essay schreibe.

zuerst erschienen in der Literaturbeilage „Livres – Bücher“ des Luxemburger Tageblatts

kmmtr

1 Kommentar

  • Heeeee, du hast ihn gar nicht gefragt, warum er OFFENSICHTLICH Hunde lieber mag als Katzen!!!

  • kmmtr schreiben

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