Kritik

Von wegen Ponyhof. Über Marieke Lucas Rijnevelds Roman „Was man sät“

von Samuel Hamen
November 15, 2019 / 0 Kommentare

In der ersten Szene reibt die Mutter die vier Kinder mit Eutersalbe ein, um sie gegen den Frost zu schützen. Eutersalbe – es ist eines von vielen Wörtern, an die man sich schnell gewöhnt in Marieke Lucas Rijnevelds Roman „Was man sät“. Dazu gesellen sich noch die Samenscheune, die Holzpantinen, der Scheuerschwamm und die Silageballen. Auf den ersten Blick ließe sich das Debüt der 1991 geborenen Rijneveld, das von Helga van Beuningen aus dem Niederländischen übersetzt wurde, durchaus als Milieuschilderung rubrizieren, in der das ärmliche Bauernleben in der Provinz portraitiert wird. Aber die soziale Topographie, die hier erkundet wird, ist nicht der Primärgegenstand des Romans. Das Leben auf dem Bauernhof ist der Hintergrund, vor dem sich eine Tragödie in vielen kleinen Szenen abspielt und die mit einem totalen Ereignis ihren Lauf nimmt.

Matthies, der älteste Sohn, ertrinkt, als er beim Schlittschuhfahren im See einbricht. Die initiale Katastrophe setzt den Rahmen für die kommenden etwas mehr als dreihundert Seiten. Die strenggläubigen Eltern versinken in Gram, den die 10-jährige Ich-Erzählerin ratlos und verängstigt festhält. Die Mutter isst nur mehr wenig und wird zum Automaten, der Dosensuppen aufwärmt und vor den Augen seiner Familie preisgibt: „Ich will sterben!“ Anschließend fegt sie die Kartoffelsprossen in den Abfalleimer für die Hühner. Der Vater arbeitet sich auf dem Hof wund: Die Kühe, die Kühe, die Kühe – alles andere gerät aus dem Blick. Und die Tochter? Sie kämpft mit Gefühlen, wie Judith Butler sie 2014 in einer Rede beschrieben hat:

„Trauer hat damit zu tun, dass man sich einer unerwünschten Transformation hingibt, wobei man weder die ganze Ausprägung noch die ganze Tragweite dieser Veränderung im Voraus erfassen kann. […] Was immer es ist, es ist nicht dem Willen unterworfen. Es ist eine Art Vernichtung. Man wird am hellichten Tag von Wellen getroffen, mitten bei der Arbeit. Und alles kommt zum Stillstand. Man taumelt, ja, stürzt.“ (Hier ist das Video der Rede, auf die ich beim Lesen von „Weinen“ stieß.)

„Aber sie haben doch ihren Gott!“, würde der Atheist an dieser Stelle einwenden. Beim Glauben geht’s doch gerade darum: den Tod zu deuten, ihn zu integrieren in die Praxis eines Lebens, das seinem Ende sekündlich entgegengeht. Rijnevelds Blick auf die Religion ist indes schonungslos: Denn die orthodox-calvinistische Kirche, zu der die Familie gehört, verspricht alles und hält nichts. Sie ist ein Rudiment, ein Ding wie ein Blinddarm, dem irgendwann mal eine Funktion zukam, die es indes längst eingebüßt hat. So schleppen die Eltern ihren Glauben als Mühsal mit sich herum und finden statt einer Antwort ein restriktives Weltbild, dem sie ihre Kinder unterwerfen.

Trauer und Stagnation

In das familiäre Leid treten die pubertären Nöte der Geschwister. Ein Verhältnis zum eigenen Körper, das auf aufrichtiger Lust beruht, ist ihnen nicht vergönnt. Alles ist Schuld und Scham und Schande. Bibelzitate über den Zorn Gottes ploppen wie Anti-Virus-Warnungen immer dann im Kopf der Erzählerin auf, wenn sie meint, etwas Unrechtes zu tun, zu spüren oder zu denken. Zugleich ist den drei Kindern die Neugierde nicht auszutreiben. Aber auf diesem Bauernhof der hilflosen Rigidität wird sie ausschließlich im perversen Gewaltakt Realität. Wenn diese Verlassenen und Verzweifelten in einer jaucheverpesteten Scheune mit Besamungsspritzen „spielen“, ist alles möglich – außer kindlichem Spaß:

„Obbe stellt sich auf einen umgedrehten Futterimer, so dass er besser drankommt, zielt mit dem Besamungsgerät zwischen Belles Pobacken und schiebt das kalte Metall ohne Vorwarnung in sie rein. Sie schreit auf wie ein verletztes Tier. Ich lasse vor Schreck ihre Pobacken los. „Bleib liegen“, sagt Obbe, „sonst tut es noch mehr weh.“ Tränen strömen über Belles Wangen, sie zittert am ganzen Leib.“

Die Romanstruktur ist so angelegt, dass auf den Tod des Bruders nichts mehr folgt. Die Zwangsmassenschlachtungen anlässlich der Maul-und-Klauenseuche, die den Vater an den Rand der Existenz und Verzweiflung drängen, sind nur das nachrichtliche Pendant zum totgeweihten Hofleben. Rijneveld will insgesamt keinen Parforce-Ritt durch die Trauerphasen inszenieren, wie die Psychologie sie seit den 1970er Jahren ausarbeitet: Auf Verweigerung und Ungläubigkeit folgen unkontrollierte Emotionen, die allmählich kanalisiert werden und zu Veränderungen führen. Am Ende steht ein aktualisiertes Selbstbild, der Umgang mit Tod und Verlust ist ein anderer geworden. Einen solchen Heilungsprozess verweigert die Autorin ihrer Hauptfigur. Wir werden vielmehr Zeuge einer innerlichen Stagnation, die auch zu einer Monotonie der Sprache und Szenen führt.

Hier bleibt eine Stimme stecken. Noch nach 260 Seiten steigert sich die Hauptfigur in teilweise überausgetüftelte Vergleiche über ihr Verlassen-Sein: „Ich habe vergessen, ein Eselsohr in die Seite zu machen, auf der ich war. Gäbe es nur jemanden, der das bei mir macht, damit ich weiß, wo ich bin und von wo aus ich meine Geschichte weiterleben muss.“ Nicht nur hier äußert sich weniger eine kindliche Figur als vielmehr eine Autorin, die einen ihrer vielen, vielen Einfälle unterbringen möchte. Selbst wenn wir der kindlichen Protagonisten zugestehen, im Laufe der Seiten eine Intelligenz der Trauer auszubilden, die sie zu kühnen Bildern animiert, bleibt ein Überschuss an symbolischer Prägnanz und Erwachsenen-Imagination. Immer mal wieder klemmt etwas; besonders wenn auf einer Seite zwei, drei solcher Bilder aufeinanderfolgen, offenbart sich dieser Kniff des Unterjubelns.

Wenn die Systeme scheitern

„Was man sät“ vermag dennoch zu überzeugen, weil es sich keinen fadenscheinigen Optimismus zugesteht. Sein humanistisches Commitment entfaltet der Roman dadurch, dass er seiner Heldin in die Kälte ihrer Gedanken folgt. Er nimmt ihre mal kindliche, mal kindische Verzweiflung ernst. Denn ihrer Armut, sei sie  intellektueller oder materieller Art, kann die Erzählerin nicht entfliehen. Da hilft auch der Cheat nichts, den sie ihrem sadistisch-manipulativen Bruder entlockt, um ihren Figuren im Computerspiel The Sims mehr Geld zuzuschustern. (Er gibt ihr eh den falschen Code.)

Im Gegensatz zu ihrem Bruder Obbe kann die Ich-Erzählerin sich auch in keine Geschlechterschablonen flüchten. Während er sich zum Ende hin auf Dorffesten besäuft, erste sexuelle Erfahrungen sammelt und sich Chauvinismus und Machismus als Rüstung zulegt, bietet sich für sie keine vergleichbare Methode des Klarkommens. Judith Butlers Frage, ob denn „in der Fähigkeit zu trauern“ nicht eventuell eine „Quelle der Gewaltlosigkeit“ zu finden sei, die dabei helfe, „bei dem unerträglichen Verlust auszuharren, ohne ihn in Zerstörung umzuwandeln“, beantwortet Rijneveld mit der dunkelsten aller möglichen Antworten. Die Eutersalbe, die die Mutter anfangs auftrug, hält die Kälte auf den letzten gespenstischen Seiten nicht mehr ab, eine Kälte, die dann Einzug hält, wenn alle Systeme scheitern, die ein Leben zusammenhalten sollten.

gekürzt zuerst erschienen in der Literaturbeilage des Luxemburger Tageblatts

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