Kritik

Maisonette-Literatur, hell und kalt. Über Philipp Tinglers Roman „Rate, wer zum Essen bleibt“

von Samuel Hamen
Dezember 19, 2019 / 0 Kommentare

Kochen, kauen, Karriere retten. Das ist der Plan von Franziska, die sich eine Beförderung an der Uni sichern will, indem sie den Dekan der soziologischen Fakultät samt Gattin zum Essen einlädt. Von Agatha Christie bis Yasmina Reza verbietet es die literarische Tradition, dass ein solcher Abendschmaus reibungslos abläuft. Daran hält sich auch der 1970 geborene Philipp Tingler in seinem Roman „Rate, wer zum Essen bleibt“: Unangemeldet taucht eine Studienfreundin von Franziskas Mann Felix auf. Conni wird fünf Tage bleiben, die beiden zur Weißglut treiben und für allerlei gastro-dialogische Desaster verantwortlich sein.

„‚Wir haben neulich auf der Institutsparty sehr interessante Vorspeisen verköstigt‘, sagte der Dekan. ‚Ja, genau‘, stellte Frau Schulz mit einer abrupten kleinen Drehung in Richtung Franziska fest, ‚wieso waren Sie eigentlich nicht bei unserem Cocktail zur intersektionalen Diskriminierung?‘ ‚Ich finde ja, es wird zu viel Gewese um Essen gemacht‘, erklärte Conni, ‚wenn man älter wird, werden andere Sachen wichtiger.‘ ‚Sie meinen so was wie Achtsamkeit?‘, erkundigte sich Frau Schulz mit plötzlich aufflammendem Interesse und einer erneuten taubenartigen Drehung des Kopfes. ‚Nein. Ich meine zum Beispiel so was wie eine gut definierte Kinnlinie. Das kann gar nicht überschätzt werden.'“

Insgesamt sind die Figuren kaum der Rede wert, weder der Dekan noch Franziskas Bruder Julius oder der Präsident einer Stiftung, der für ein zweites Essen eingeladen wird. Sie sind keine Charaktere, sondern Anlässe für einfallsreiche physiognomische, gestische und habituelle Beschreibungen. Der Erzähler bedient sich ihrer als Wortmeldungsapparate, um sein Tischgespräch zu animieren. Julius ist dafür zuständig, Sentimentalitäten über seine ehemalige Lebensgefährtin Dörte von sich zu geben. Connis Guerilla-Rhetorik zerschießt wiederum jedes Gespräch während der beiden Abendessen, die den szenischen Kern des Buches bilden.

„‚Sie Ärmste‘, sagte Frau Ehrengaard, ‚was haben Sie denn?‘ ‚Och, nichts Schlimmes‘, erwiderte Conni, ‚eine Art Frieselfieber. Und selbstverständlich kann ich trinken. Ich verfüge schließlich über die Leber eines narkoleptischen mexikanischen Düngemittelpiloten.‘ ‚Hübscher Vergleich‘, bemerkte Felix. ‚Das ist kein Vergleich, sondern eine Tatsache.‘ ‚Vielleicht essen Sie auch mit uns?‘, fragte der Präsident. ‚Seien Sie vorsichtig, was Sie sich wünschen‘, sagte Felix, ‚unsere kleine Freundin hier pflegt zu essen wie ein Bär vor dem Winterschlaf.‘ ‚Ich könnte in der Tat was vertragen‘, stellte Conni fest und setzte sich ohne Umstände neben den Präsidenten, ‚ich hatte bisher nur einen Fenchel-Stiel und etwas Orangenschale.‘ ‚Sind Sie Veganerin?‘ ‚Nein, Cocktailtrinkerin.'“

Die Faulheit des Humors

Der rasante Humor von „Rate, wer zum Essen bleibt“ ist nicht das Problem. Wäre sie nicht so penetrant übertaktet, wäre Tinglers Prosa ein Fest der diskursiven Entlarvung. Indes kennt seine Witzmaschine nur einen Gang: Die Gags folgen so schnell und aufmerksamkeitsheischend aufeinander, dass das Schmunzeln zur hektischen Pflichtaufgabe wird. Zudem klingt der Kolumnisten-Ton, in dem die Gesellschaftsdiagnosen vorgebracht werden, oft wie ein verirrtes Echo der 00er Jahre. Süffisante Portraits sich stretchender Yogamütter sind nicht mehr lustig. Ebenso wenig halten Mini-Soziologien zu Inhaberinnen von Espresso-Läden eine Erkenntnis parat. Tinglers Sprachwitz genügt sich darin, kleinste Hürden zu nehmen: Mal gibt’s ein paar Worte zur Lächerlichkeit linker akademischer Projekte über unkontaktierte Völker, mal ein, zwei Sätze über die Seichtheit der Selbstoptimierung.

Die obligate Absicherung, mit der dieser Unernst intellektualisiert wird, darf nicht fehlen. Kommentare über Ironie gehören als leere Gesten der Selbstkritik schließlich zum guten Ton. Auch in seinem fünften Roman schreibt Tingler eine Art Maisonette-Literatur. Auf der einen Ebene wird gewitzelt. Ab und zu steigt man die Wendeltreppe des Geistes hinauf, um über das Witzeln zu grübeln: „Der Rückzug aufs Ästhetische war verboten. Der harte Glanz der Ironie. Felix wusste, dass er dadurch bisweilen unbeteiligt wirkte. Als trüge er sogar die Haut, aus der er nicht fahren konnte, als Kostüm. Normalerweise war dieses Kostüm kein schlechter Panzer, aber jetzt verunsicherte es ihn. Beruflich beschäftigte sich Felix oft mit Unbehagen, er modellierte es, fasste es in Worte und beschrieb die Spannungen und Verwerfungen, die es hervorbringen konnte. Jeder Satz ein kleines Monster. Aber nicht im Leben. Nicht mit Franziska.“

Gefangen im Jux

Aber „Rate, wer zum Essen bleibt“ dringt nie zum Leben dieser Menschen durch. Der Roman besitzt zwar ein Problembewusstsein bezüglich seiner Poetik des ausgeklügelten Spotts, aber seine ironische Distanz findet nirgends ihre Aufhebung. So kennt dieses Buch keine Nähe und erkaltet allmählich, während es heiß läuft. Aus seinem monomanischen Sprechmodus findet der Text jedenfalls nicht heraus, selbst dort nicht, wo er zur Ruhe kommen will, um eine Aussage abseits des Amüsements zu treffen. Die gescheiterte Biografie einer halbalten Akademikerin bleibt ebenso uneinsichtig wie Felix‘ Existenz als ernüchterter Literaturkritiker.

Anlässlich des zweiten Essens am fünften Tag ermahnt Franziska Conni, bloß nicht die Wahrheit zu sagen. Diese lenkt ein: Keine Angst, sie würde „auftreten wie das menschliche Äquivalent von Fahrstuhlmusik“. Natürlich kommt es anders, das Hamsterrad des Humors kennt keinen Stillstand. Eine weitere Sprosse ist immer zu erklimmen, selbst dann noch, wenn das Spiel keinen Ertrag mehr bringt und der Spaß längst abhandengekommen ist.

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