Kolumne

was fehlt: i

von Samuel Hamen
April 21, 2020 / 0 Kommentare

Bill Murray trägt eine Lederjacke mit Stehkragen. Noch bevor der Interviewer loslegt, schaut der Schauspieler ihn auf eine verwirrte, zugleich neugierige Weise an, ein wenig so, als hoffe er auf eine Frage, die ihm endlich einmal ungeahnte Einsichten bescheren würde. Und dann kommt tatsächlich eine dieser Bombastfragen: „Tell me what it is that you want, that you don’t have?“ Ja, was fehlt denn Bill Murray? „I’d like to be more consistently here.“ Anschließend tastet er sich Wort für Wort voran – wie ein Kind, das gerade gelernt hat zu laufen und über die plötzlich erreichbaren Wunder staunt. „When you catch yourself in the mirror, you see the state you’re in: Are you happy? Are you sad? Are you confident? Are you rosy? Are you here? Most of the time you’re not.“

Es ist eine ganz wunderbare Szene, weil sie ihre Intimität angesichts von Kamera und Mikrofon zu bewahren weiß. He! Sie da, ja, pardon, eine klitzekleine, klitzegroße Frage: Was haben Sie nicht? Schon kullert’s aus einem heraus. Am Ende folgt ein Händeschlag zwischen Murray und seinem Gegenüber, es ist ein Dank auf Augenhöhe. In Was fehlt: soll diese Interaktion wieder und wieder erprobt werden. Welche Lücke klafft in dieser oder jener Biografie? Welche Leben fehlen heute, weil sie einst zu früh ihr Ende fanden? Welche Leerstellen im Sehen, Denken und Sprechen offenbart der Alltag in Luxemburg und anderswo, wenn man nur lange genug am Rand des Offensichtlichen entlangstarrt? Welche Ideen, Bauten, Dinge sind verschwunden?

Und ja, von mir aus: Was fehlt zurzeit in den Supermarktregalen? Wieso ist dieses gottverdammte Klopapier zum Goldstandard der Befindlichkeiten geworden? Nun gut, die Annalen der Corona-Pandemie werden erst später geschrieben, ich bin nicht unglücklich darüber. Ich verstehe Menschen sowieso nicht, die ohne jeden Anstand mit diesen Maxi-16er-Klopapier-Beuteln herumlaufen, als müssten sie die Dixi-Klos einer Großbaustelle bestücken. Diese Neurose wiederum würde sich ganz gut in die monatliche Kolumne einfügen: meine Scham anlässlich des Fehlens der Scham der Anderen beim Einkauf von Sanitärprodukten.

Ein Jahrzehnt der Einbuße

Ich kenne kein satteres Wort als Völlegefühl, sprechen Sie es aus, zwei-, dreimal hintereinander. Es klingt nach frittierten Teigtaschen mit Mozzarella-Füllung und Kümmelerdbeer-Marinade, nach einem Junggesellenabschied, zu dem die Freundescrew für eineinhalb Tage nach Ibiza fliegt, um dort sangriaselig mit Squads über Dünen zu preschen, weil das nun einmal zum heutigen Fun dazugehört. Vielleicht lässt sich unsere Zeitgenossenschaft gerade durch diesen Gegensatz fassen: hier das Völlegefühl, dort der Mangel; hier die Selbstverständlichkeit einer Fülle, dort die Erfahrung des Verlusts.Bei alledem steht außer Frage, dass die 20er Jahre eine Zeit des Einbüßens, Verschwindens, Versiegens und Loslassens sein werden. Stichwort: Artensterben. Stichwort: Klimawandel. Stichwort: Pandemie. Stichwort: Demokratiekrise. Der kleine Trost in der großen Misere wird womöglich darin bestehen, dass uns die Stichwörter selbst nicht ausgehen werden. In Luxemburg ist die Liedzeile „Mir wëlle bleiwen, wat mir sinn“ das prominenteste Beispiel für die Verlustangst. Jüngst ist daraus die Variante „Mir wëllen halen, wat mir hunn“ geworden. So lautet der Name einer Bürgerinitiative, die sich gegen den Abriss stolzer, aber maroder Herrenhäuser wehrt. In Anbetracht des Baubooms stellt sich die Frage, was schlimmer ist: die Wohnungsnot oder das Tilgen des architektonischen Erbes? Oder ist das eine zu beenden, ohne das andere in Kauf zu nehmen? Auf dem Foto gegenüber sehen wir das Wohnzimmer-Interieur eines dieser Häuser.

Im „Hale wëllen“ des Vorhandenen spannt sich jedenfalls die Reichweite des Fehlens auf: Nach hinten dehnt es sich als Trauer, nach vorne als Angst. Und das Jetzt ist die Null des Systems, es ist der Ausguckposten, von dem aus wir die Erkenntnis in die eine oder andere Richtung gewinnen: dass etwas abhandengekommen ist oder dass etwas abhandenkommen wird. Am Rand dieser 0 stehen wir, üben uns in Wehrhaftigkeit und versuchen die Balance zu wahren zwischen Verlorenem und zu Verlierendem. Es ist keine einfache Haltung, sie kennt die Verzweiflung, den Zorn, den Schmerz und den Widerstand; vor allem aber kennt sie den Furor der Restauration. Und das wird sicherlich ein beliebter Modus anlässlich der kommenden Verluste sein.

Vielleicht wächst sich das Ganze hier in den kommenden zwölf Monaten zu einer kleinen Theorie des Fehlens aus, vielleicht auch nur zu einer privaten Esoterik des Abhandenkommens oder einer Anekdotensammlung der Leerstelle. Das wäre auch okay. Das Schöne an dem Thema ist ja: Die Vollständigkeit ist sein Feind. Daher erlege ich mir auch kein Pensum auf, keine Ziele und keine Zwänge. Und zur Not rette ich mich halt in die Pointe, dass die Pointe fehlt.

Samuel Hamen

Die Kolumne was fehlt: erscheint zu Beginn jeden Monats in der Zeitschrift forum
und wird am Ende des jeweiligen Monats hochgeladen. Die Fotografien stammen von Gilles Kayser.

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