Kolumne

was fehlt: ii

von Samuel Hamen
Mai 21, 2020 / 0 Kommentare

Als Coach hätte ich jetzt viel zu tun. Ich säße vor dem Laptop, würde tief in den Bauch atmen und Leuten via Skype mit sonorer Stimme erzählen, wie sie „in diesen Zeiten“ zur Ruhe finden könnten. Ich würde Wörter benutzen wie Entschleunigung und innere Uhr und dabei direkt in die Webcam schauen, damit mein Gegenüber sich tief in seinem Innern gemeint fühlt. Der Hintergrund meines Wohnzimmers wäre zu sehen, alles wäre weiß, eine Pflanze hinge in einem Bastgeflecht von der Decke, beleuchtet von einem sterilen, zugleich sphärischen Licht. Ich würde beim Reden kaum blinzeln und sehr viel mit sehr wenig verdienen.

Aber ich bin kein Coach. Meine Webcam habe ich zu Snowden-Zeiten zugeklebt, den Namen meines Skype-Accounts längst vergessen. Trotzdem möchte ich kurz den Coach mimen. Stellen Sie sich vor, wie ich Sie darum bitte, sich einen Spaziergang durch Luxemburg-Stadt vorzustellen. Seit Wochen waren Sie nicht mehr dort – kein Shopping, kein Spaziergang, keine innerstädtischen Staus. Es lässt sich als Chance eines neuen Blicks begreifen, würde ich behaupten und in die Webcam stieren: Mit der Vorstellungskraft wandern wir durch die Stadt und entdecken, was wir nicht mehr kennen. Dann stehen wir plötzlich vor dem Royal Hamilius.

Ein bisschen Untergrund

Was sehen Sie? Eine Baugrube? Einen ebenen Umschlagplatz des öffentlichen Nahverkehrs? Oder eine halbfertige Baustelle mit Zäunen und Kränen? Ohne das tägliche oder wöchentliche Vorbeigehen ist einem tatsächlich freier zumute. Die Imagination ist weniger eingehegt. Ich selbst sehe vor allem: das Haus mit der Nummer 49, das als einziges Gebäude nicht in das Bauprojekt integriert wurde, obwohl es zentral liegt. Wider Willen ist Nr. 49 zu einem Denkmal geworden, das von keinem Stadtplaner in Auftrag gegeben und von keiner Politikerin feierlich enthüllt wurde.

Das Gebäude ist auf schäbige Weise heldenhaft, einfach nur deshalb, weil es noch steht. Es mahnt an den abgerissenen Rest, es ist innerhalb weniger Jahre historisch geworden: So sah es hier einmal aus. Je rußbeschmierter die Fassade ist, je abgewetzter die farbige Balkonumkleidung, desto schreiender ist der Kontrast zum Highend-High-Net-Worth-Individual-Bombast drumherum. Klar, früher war es nicht schöner, dieser Finte der Romantiker sollte man nicht auf den Leim gehen. Der frühere Verkehrsknotenpunkt mit Tiefgarage und unterirdischer Passage war sogar dunkler, abgründiger und verlebter.

Aber das Centre Aldringen schenkte der großstadtlosen Jugend immerhin ein Flair von Underground. Oben saßen die Väter und Mütter in den Gebäuden der Versicherungs- und Bankhäuser mit Fenstern wie Schießscharten, allzeit zur Verteidigung bereit, wenn sich mal wieder jemand erdreistete, Informationen oder Gerechtigkeiten einzufordern. Unten versammelten sich die Söhne und Töchter, machten Musik und Kunst, nannten es Hiphop und Graffiti und wurden verschrien als Lärmer und Schmiererinnen.

Zwischen damals und heute

Und heute? Mais où sont les neiges d’antan?, seufzt meine alte Seele, während mein schwaches Rap-Herz ergänzt: Zeiten ändern dich. Der neue Royal Hamilius steht kurz vor dem Abschluss. In den Untergrund rolltreppen wir nur noch, um in der FNAC einen kabellosen Dyson-Staubsauger fürs 45-Quadratmeter-Studio in Dondelingen zu kaufen. Die kantigen Fassaden erinnern an futuristische Großpanzer, ja, es wirkt, als hätten sich die Gebäude bereits ihr Rüstzeug für den kommenden Kampf angelegt. Was ist nur passiert?, frage ich in die Webcam, atme schwerer und weiß doch auch keine Antwort, Coaching hin, Coaching her.

Ein Cache-Cache urbanistischen Ausmaßes geht vonstatten, dessen Spielregeln sich Nr. 49 verwehrt. Wer darf gesehen werden, wer nicht? Gäbe es dieses eine Haus wie Nr. 47 und 51 und 53 nicht mehr, so gäbe es tatsächlich kein Halten mehr. Dann würde jedes Erinnern an einen früheren Zustand abprallen, abgewiesen von einem Design, für das Vergangenheit nur als Nostalgie-Zitat Geltung besitzt, nie aber als einst gelebte und wieder mögliche Alternative. Das Erinnern würde widerstandslos an den täglich polierten Schaufenstern abgleiten, ein Tropfen Wehmut, der nicht mal Schlieren hinterließe.

Google Maps hat den Schuss übrigens noch nicht so ganz gehört. Die Streetview-Funktion hält nämlich zwei Perspektiven parat. Wer online über den Boulevard Royal flaniert, sieht Aufnahmen von 2009, als noch das meiste beim Alten war. Nach einem Wechsel in die Rue Aldringen wird man dann auf Bildern von 2019 der Baustelle ansichtig. Es ist ein schöner Limbo-Zustand, unfreiwillig uneindeutig in seiner Melange aus Vergangenheit und Gegenwart. Vielleicht fallen Sie ja beim nächsten Spaziergang, egal ob imaginär, virtuell oder real, in einen ähnlichen Modus. Er bildet die Art, wie man die Welt erfährt, besser ab als das monolithische Versprechen einer lichten Glamour-Sphäre, wie es das Royal-Hamilius-Projekt hegt. Auf die zuverlässigen Busverspätungen an Ort und Stelle freue ich mich jedenfalls. Ich werde den Blick heben und dem Denkmal huldigen. Grün ist die Farbe der Hoffnung, grün ist die Balkonumkleidung der Nr. 49.

Samuel Hamen

Die Kolumne was fehlt: erscheint zu Beginn jeden Monats in der Zeitschrift forum
und wird am Ende des jeweiligen Monats hochgeladen. Die Fotografien stammen von Gilles Kayser.

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