Kritik

Individualität und Ideologie. Über Ivana Sajkos Roman „Familienroman“

von Samuel Hamen
Juni 5, 2020 / 0 Kommentare

Jemand, der dem eigenen Roman den Titel „Familienroman“ verpasst, ist entweder gewitzt oder überfordert. Im Fall von Ivana Sajko wird schnell klar, dass ihr „Familienroman“ sich nicht dem Tamtam dieses beliebten Genres widmet. Im Mittelpunkt steht kein weitverzweigter Clan inklusive streitenden Geschwistern, erbenden Enkeln und flirtenden Cousins zweiten Grades. Im Gegenteil: In einem Tonfall zwischen Desillusion, Wut und Beharren umreißt die Erzählerin gleich zu Beginn ihr Anliegen:

„Ich habe drei Jahre meines eigenen Lebens gebraucht, um jene fünfzig kurz zusammenzufassen, die mir scheinbar überhaupt nicht widerfahren sind. Ich habe sie als Nachwirkung geerbt, ich habe sie nicht gewählt, sie sind mir geschehen, so, wie jedem Menschen die Stadt geschieht, in der er geboren wird, oder die Familie, zu der er gehören wird, oder die Sprache, in der er zu sprechen beginnt … und die ihn dann fertigmachen. In aller Stille. Ohne böse Absichten. Aber eben doch.“

Im Anschluss kündigt die Erzählerin an, dass ihr Text drei Geschichten umfasse: Er handele von der Stadt Zagreb, von ihrer Familie sowie von ihr, der Chronistin, die von alledem berichten möchte. Allmählich fügen sich so die lose verfugten Kapitel zu einer bruchstückhaften Geschichte Kroatiens in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts.

Der Sieg ist alles

Sie reicht vom Einmarsch der Nationalsozialisten in Zagreb über den Partisanenkampf in den umliegenden Wäldern bis hin zur kommunistischen Teilrepublik unter der Herrschaft Titos. Von der Großmutter zur schreibenden Enkelin durchlaufen dabei alle Mitglieder der Familie ähnliche Stadien: Auf Vitalität und Energie folgen Empörung, Misstrauen und Enttäuschung; am Ende steht der abgekämpfte Realitätssinn derjenigen, die ihre Hoffnung fahren gelassen haben:

„Vom 9. Mai bis zum 14. Mai 1945, so lange, wie der bewaffnete Durchbruch bis zu den Linien der Alliierten dauerte, betrugen die Verluste der Feinde ungefähr fünfundzwanzigtauend Menschenleben, diese Zahl wuchs laut Vladimir Žerjavić bei der Rückkehr im Verlauf des Junis auf ungefähr fünfzigtausend Opfer beziehungsweise laut Slavko Goldstein auf siebzigtausend beziehungsweise laut Michael Portmann auf achtzigtausend und laut Josip Jurčić sogar auf hunderttausend beziehungsweise laut Ivan Mužić auf mindestens hunderttausend beziehungsweise laut Vinko Nikolić auf mehr als zweihunderttausend und so weiter an, es ist auch nicht so wichtig, sagt die Lehrerin abschließend. Es ist nur wichtig, dass wir gesiegt haben. Der Rest ist Stille. Gold. Bronze.“

Wer spricht von Überstehn? Siegen ist in dem Fall alles. Die Ideologien, die sich während und nach dem Zweiten Weltkrieg auch auf dem Balkan ausbreiteten, kennen keine Nuancen. Gegen diesen Totalitätsanspruch geht Ivana Sajkos Roman vor. Das heißt auch: Ihr Buch ist ständig auf der Hut vor zu doktrinären Sätzen und dogmatischen Perspektiven. Wenn sich der Ideologe durch semantischen Fanatismus auszeichnet und alles auf eine einzige Realität reduziert, muss diese Literatur das Gegenteil betreiben: Varianten offenhalten, Skepsis streuen und das Narrativ vom Vorwärts im Gleichschritt zertrümmern.

Den Fortschritt pervertieren

Hierdurch erklärt sich auch die Unruhe im Text, seine Einschübe und Registerwechsel, seine Zitate aus politischen Reden und Referenzen auf sowjetische Filme. Ein Kapitel begleitet im Duktus eines werkbiographischen Essays den Schriftsteller Ivan Goran Kovačić durch das Jahr 1943. Er schließt sich dem Untergrundkampf gegen die deutsche Okkupation an, seine Widerstandsgedichte werden in den Folgemonaten vom Theater der Volksbefreiung aufgeführt. Auf dieses literaturhistorische Aperçu folgen militärstrategische Informationen, dann der Bericht über die Ermordung Kovačićs, anschließend eine Passage der Erzählerin, die dessen Geburtsort aufsucht:

„Ich spazierte durch das Dorf, stellte mir die Stille vor, die hier an den Sonntagen seiner Kindheit geherrscht haben musste, und versuchte, die Wege zu rekonstruieren, auf denen er vielleicht als Junge herumgelaufen ist, und am Ende kehrte ich zurück unter die Fenster des Hauses am Hang. Sein Tod war ein integraler Bestandteil der Landschaft. Man konnte ihn nicht von den Bauernhöfen oder vom Blick auf die Berge trennen. Vielleicht konnte ich ihn aus diesem Grund nicht in einen Satz verwandeln.“

Die Erzählungen von Gemeinschaft und Größe sind nichts als Fliegengläser für die Hoffnungsfrohen, Naiven und Idealistischen. Das zeigt sich etwa im Partisanenkampf gegen die faschistische kroatische Ustascha-Organisation, an dem der Vater der Erzählerin teilnimmt. Auch als das Land nach 1945 von Teilen eben dieser Partisanen in eine zweite Diktatur geführt wird, ergeht es den Familienmitgliedern nicht besser. Während Tito den sozialistischen Fortschritt in seinen Reden ins Monströse pervertiert, leiden sie im Kleinen an den Wunden der Vergangenheit und den Illusionen der Gegenwart.

Dabei darf man nicht aus den Augen verlieren, dass „Familienroman“ zwar auch, aber nicht nur ein historisches Buch ist. Aus diesem Grund sollte die Autofiktion auch nicht als modisches Must-Have missverstanden werden. Denn die Vermengung von Erzählerin und Autorin ergibt sich aus der Einsicht, dass die Geschichte auf die eigene Zeit und Biografie übergreift. Es gibt für Ivana Sajko ebenso wie für ihre Figuren kein Außenvor. Die Trennung zwischen Damals und Heute, zwischen Privatem und Öffentlichem ist ein Luxus für die nie gekannten fetten Jahre.

Individualität als Luxus

„Familienroman“ zieht seine Kraft aus der Verwahrung. Das Buch möchte die Kontinuität totalitären Schreckens erfassen und sich dadurch träumerische, ja freiheitliche Momente erschreiben. Das führt mithin zu einem Manierismus der Verweigerung, wenn Motive, Szenen und Dialoge wiederholt genutzt werden, um eine dunkel rasselnde Pointe zu setzen. Kein Satz darf hier der trügerischen Normalität anheimfallen. Aber je stärker diese littérature engagée sich darauf fokussiert, die Effekte von Gewalt bloßzulegen, umso größer ist die Gefahr, dass ihr der einzelne Mensch aus dem Blick gerät, jener Mensch, zu dessen Verteidigung sie eigentlich angetreten ist. In der langen Nacht historischer Gräuel sind irgendwann alle Figuren eins, der Vater, die Lehrerin, die Großmutter, der Dichter, die Partisanin. Individualität ist niemandem gegönnt, das widerliefe der Erfahrung geschichtlichen und politischen Determinismus’, dem dieser illusionslose Text verpflichtet ist. Eine glattgebügelte Lösung für diesen Zwiespalt bietet Sajko nicht. Ihr Roman nimmt ihn vielmehr offensiv in Kauf, um möglichst anschaulich von den vergangenen Verheerungen des Autoritären zu erzählen – und um vor den zukünftigen zu warnen.

in gekürzter Fassung zuerst erschienen im „Büchermarkt“ vom

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