Kolumne

was fehlt: iii

von Samuel Hamen
Juli 2, 2020 / 0 Kommentare

Wie viele Schmuckstücke liegen am Strand von Nice begraben? Pardon für diese unnötige Frage. Es ist nicht viel mehr als ein Gedankenspiel in einem Jobgespräch, in dem der Bewerber aus der sogenannten Reserve gelockt werden soll, weil ihm eine ›kreative‹ Antwort abverlangt wird. (So passiert.) Aber allein die Frage weckt Neugierde. Wie ein Wurm gräbt man sich durch den Nizzaer Sand und überlegt: so viele Strandkilometer, so viele Besucher, so viele Verlustmeldungen. Und es gibt sie ja tatsächlich, diese eine Zahl, die nie jemand herausfinden wird, so viel er oder sie auch buddeln würde.

Die irische Meeresbiologin Maude Delap stand 1936 vor einer ähnlichen Frage – glücklicherweise nicht, weil sie in einem Assessment Center auf ihre Zitat produktive Tauglichkeit Zitatende geprüft wurde. Sie lebte auf Valentia Island im Westen Irlands und war von Dr. Francis Charles Fraser vom British Museum gebeten worden, als official recorder of whale strandings die Atlantikküste der Umgebung im Auge zu behalten. In der guten alten patriarchalen Welt ist Delaps Werdegang natürlich ein Anrennen gegen Geschlechterklischees. Eine Frau als wissenschaftlicher Kontakt? Pah! Autodidaktin? Püh! Alleinstehend? Pöh!

Aber das Pipapo der Mannesempörung hielt Delap nicht davon ab, eine biologiegeschichtliche Pionierrolle zu spielen. 1935 wurde der Kadaver eines True’s Beaked Whale an die Küste von Valentia Island angeschwemmt. Es war eine Walart, zu der damals so gut wie keine Kenntnisse vorlagen. (Erst 1993 gelang das erste Foto eines lebenden Exemplars.) Delap telegraphierte nach Dublin und erhielt Anweisungen: Bitte den Kopf und die Flossen abschneiden und hierher schicken, den Rest begraben, damit das Skelett bald nachgereicht werden könne. Thx & Byebye. Gesagt, getan. Den Kadaver verscharrte Delap in ihrem Garten, an einer Stelle, an der eigentlich der Spargel gezogen wurde.

Die Meeresbiologin als Archäologin

In der damaligen Langsamkeit des Seins hieß ›bald‹ noch etwas anderes als heute. Erst ein Jahr, nachdem Maude Delap den Wal verbuddelt hatte, kam eine Anfrage aus Dublin: bitte die Knochen schicken. Das Grabstättenspargelbeet wurde umgepflügt, das Skelett geborgen, das Paket losgeschickt. Aber die Herren des National Museum of Ireland waren unzufrieden. Nach Erhalt der Lieferung meldeten sie sich brieflich bei Delap: Das Skelett sei unvollständig, zwei Knochen würden fehlen. Gemeinsam mit ihrem Gärtner aka Hausmeister aka Totengräber suchte die 70-Jährige anschließend tagelang die Grube ab, um die sogenannten vestigial pelvic bones zu finden.

Es war kein leichtes Unterfangen. Erstens, weil diese verkümmerten Beckenknochen bei Walen meistens nur zeigefingergroß sind. Zweitens, weil der True’s Beaked Whale gar keine davon besitzt. Ein Brief aus Dublin klärte Delap schließlich auf: „Stop! New York Museum informs us that True’s Beaked Whale does not possess vestigial pelvic bones.“ Sry & Byebye.

Am Anfang fehlte der Wal als Spezimen in der Museumssammlung, dann die Beckenknochen und das Wissen darum, dass es diese Knochen gar nicht gibt. Ich mag die Vorstellung: wie Delap auf Valentia Island in einer selbst ausgehobenen, dann zugeschütteten, dann wieder ausgehobenen Grube steht und ihrer Arbeit nachgeht, wie sich vor ihr das Atlantikblau und über ihr das Ozonblau auftut und wie sie nach Dingen sucht, die es nicht gibt. Und wie Sekundenkleber hänge ich an der romantischen Idee, dass ihre Tätigkeit zwar ergebnis-, nicht aber sinnlos war.

Mit Spaten und Worten

„Wie ein Mann, der gräbt“, so müsse man sich verhalten, um sich der Geschichte zu nähern, schreibt Walter Benjamin Anfang der 1930er Jahre. Und derjenige betrüge „sich um das Beste, der nur das Inventar der Funde macht“, heißt es weiter in der Notiz Ausgraben und Erinnern. Stattdessen müsse auch das andere Zeug ins Auge gefasst werden: die Schichten, die als mutmaßlich nutzlos abgetragen werden, sowie die Nebenfunde, die unbeachtet bleiben, weil sie weniger Erkenntnisse versprechen. Und wieso nicht auch ein Inventar der Unfunde anlegen? Eine Liste der Dinge, die mit Spaten, Händen und Worten gesucht werden, obwohl sie gar nicht zu finden sind? Es wäre ein Hort des Möglichen und Utopischen, ebenso wie ein Sack voller Schrott und Schund.

Walknochen würden dazugehören, Gräber, Grale und ganze Städte. Zugleich würde sie so dämliches Klimbim umfassen wie Nazibunker in der Antarktis und Gewölbe unterhalb des Central Parks, in denen eine jüdische Elite Kindern Blut abzapft, um länger zu leben. Zum Vorschein käme ein Kompendium des Sehnens nach Sachen, deren Da-Sein behauptet wird, weil es eine Vorstellung bestätigen, eine Idee zementieren oder einen Wunsch am Leben erhalten soll. So gewinnt denn auch einer dieser lausigen Pausenhofsprüche endlich mal an Witz: „Wer eine Grube gräbt, hat ein Grubengrabgerät.“

Samuel Hamen

Die Kolumne was fehlt: erscheint zu Beginn jeden Monats in der Zeitschrift forum
und wird am Ende des jeweiligen Monats hochgeladen. Die Fotografien stammen von Gilles Kayser.

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