Kolumne

was fehlt: iv

von Samuel Hamen
Juli 23, 2020 / 0 Kommentare

Vor drei, vier Jahren entstand dieser Trend: alte Fotos zu nehmen, an ihren Entstehungsort zu reisen und das Bild perspektivisch passgenau hochzuhalten, um ein Foto vom Foto samt Umgebung zu schießen: Vergangenheit und Gegenwart in trauter Umarmung. Dieser Trend erinnert ein bisschen an diese Kugeln Eis in Schlumpffarbe: ansehnlich, aber auch irgendwie auf eine hartnäckige Weise unnötig. Als Format passt es so nice zur Zeitstimmung wie das Wort nice: nicht bloß erinnern, sondern das Erinnern inszenieren, dabei die Hand ausstrecken, um eine Vergangenheit zu fassen zu kriegen, während an allen Seiten die Gegenwart lauert wie bei einem Vierfrontenkrieg. Ach, ach, ach, ach.

Irgendwann damals lungerte ich mal wieder im Internet herum und fand diese Fotofotos, Minuten später hockte ich im Keller und stöberte in einer Kommode. Ich war ein Fähnchen im Wind, wollte mitmachen und suchte Bilder von früher, die ich ins Jetzt zerren könnte. Irgendwann in den eigenen 20ern (Lebensalter, nicht Jahrzehnt!) setzt ja die sentimentale Phase familiärer Wiederannäherung ein, nachdem man zuerst pubertär, dann postpubertär das Weite gesucht hatte. In jeder Wohnung und in jedem Haus gibt es hierfür diese eine zwielichtige Stelle, diesen Erinnerungsort, an dem sich Halbvergessenes und Halbverdrängtes angehäuft hat: Liebesbriefe von Wasweißichwem an die Mutter, als sie noch keine Mutter war, abgelaufene Pässe, auf denen wir Kiddies noch als Beiwerk der Eltern galten, sowie schändlich hässlicher Urlaubsklimbim, den Opi und Omi von ihren Luxair-Tours mitbrachten.

Vor allem aber befinden sich an diesem magischen Ort viele, viele Fotos: stolze Tanten vor Wirtschaftswunderkarossen, Schwarzweiß-Verwandte vor Ferienhütten, gelegen in Tälern, die längst vom Stausee eingefordert wurden, gebräunte Jungfamilien in 50er-Mode vor mediterranem Meer, eine Sonne hier, ein Picknickkorb dort. Während ich mir die Fotos anschaute, von denen die frühesten aus den 30ern stammen, fiel mir etwas auf, was mir eigentlich längst hätte auffallen müssen: Es sind fast ausschließlich Analogfotografien der Familie mütterlicherseits. Was ist mit den Fotos der anderen? Gab es dort einfach weniger Knipswütige? Wer will, glaubt an dieser Stelle an Zufälle. Das ist meistens angenehm, immer faul.

Ins Bild geflüchtet

Besser also, an Strukturen zu denken: Denn die eine Familienseite hat einen bäuerlichen, die andere einem bürgerlichen Beamten-Hintergrund. Aus einem sozio-ökonomischen Blickwinkel dürfte das eine für Luxemburg typische Konstellation sein. Die Bevölkerungsstruktur hat hierzulande im 20. Jahrhundert einen rasanten Wechsel durchgemacht, der sich auch in den Arbeitsverhältnissen niederschlug. Eine stark agrarisch geprägte Gesellschaft transformierte sich allmählich in neue Milieus, hier in (Stahl-)Arbeiter, dort in Staatsbeamte. Letztere waren vor allen anderen in der Lage, Zeitgeist als Konsum auszuleben. Sie hatten das Geld, sich ein damals nicht allgegenwärtiges Gerät wie einen Fotoapparat zu leisten, und das Selbstverständnis des schöngeistigen Amateurs, sich Zeit für derlei Tätigkeiten zu nehmen. Alles in allem: eine perfekte Kombi, die erklärt, weshalb die einen eine Zukunft begingen, die für andere erst Jahre, ja Jahrzehnte später beginnen sollte.

Im Keller spürte der Vulgärsoziologe in mir diese Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen, und sie schmerzte ihn ein wenig. Denn das damalige Ungleichgewicht mag heute in der Form nicht mehr gegeben sein, aber es hat sich ja dann doch irgendwie ins Symbolische geflüchtet – und dort erhalten. Die einen Vorfahren halte ich sozusagen in Händen: Ich sehe sie reisen, posieren, trinken, lachen, ich sehe sie da sein. Die anderen Vorfahren, die doch genauso da waren, haben mir in der Hinsicht nichts zu geben, nichts zu bieten. Das ist der bittersüße Evidenzeffekt der Fotografie: dass sie erbarmungslos so tut, als hätte es nie etwas anderes gegeben als das, was sie und nur sie zeigt. Dabei gibt es ein Pendant an Erlebnissen. Sie fanden bloß nie Eingang in die Erinnerungsrituale, die mit dem Foto ja erst einsetzen, nicht aufhören. Auf dessen Basis werden Anekdoten gesponnen, Schwärmereien angestoßen und Rückbesinnungen ermöglicht. Ich wusste gar nicht, dass sie auch dorthin gereist sind. Ach, so sah das Haus damals aus. Schau mal, der hat dieselben Augen. Etc. pp.

Ich sitze wieder vor der Kommode und blättere und blättere. Der Trug der Präsenz lässt sich nicht ganz verscheuchen, wohl aber durchschauen. Die halbtransparenten Zwischenfolien rascheln, während ich das komplementäre Erinnern übe: die Bilder zu denken, die nie das Glück hatten, eingefangen zu werden.

Die Kolumne was fehlt: erscheint zu Beginn jeden Monats in der Zeitschrift forum
und wird am Ende des jeweiligen Monats hochgeladen. Die Fotografien stammen von Gilles Kayser.

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