Kolumne

was fehlt: v

von Samuel Hamen
September 10, 2020 / 0 Kommentare

Ich weiß ja selbst nicht, wieso ich es mir gebe, wieder und wieder. An besonders affigen Tagen scrolle ich gleich runter, ohne den Artikel zu lesen. Die eigentliche Information, das sage ich mir beflissen auf, liegt gar nicht im News-Artikel, sondern in den Reaktionen darauf. Dort finde ich sie, die rettende Einsicht, und dann kapiere ich diese Welt endlich besser, die mir täglich beängstigender, auch witziger vorkommt in ihrem säuglingshaft unverständlichen Verhalten. Dafür muss ich mir nur durchlesen, wie sich die anderen so herumschlagen. Je schriller die Kommentare, umso heller die Erkenntnisse, das ist die zugegeben dämliche Hoffnung, die ich hege, während ich mich durch die Einträge klicke.

Aber meinen Köppern in die Untiefen der Online-Meinungen, in die Ja-Abers, Und-was-ist-mits und die Das-muss-gesagt-werdens, wurde letztens Einhalt geboten. Mitte Juli hatte RTL nämlich angekündigt, seine Regeln zur Online-Kommentierung zu reformieren: „Et geet do ëm Reaktiounen, déi vu perséinlechen Ugrëff, Beleidegungen, bis zu rassisteschen Aussoe gepräägt sinn, Saachen, déi op eisem Site näischt ze sichen hunn.“ In der Bekanntmachung hieß es, dass im vergangenen Jahr 24,5 % aller Kommentare durch das Moderationsteam abgelehnt worden seien. Dass gelöscht bzw. gar nicht erst genehmigt wird, war mir klar; dass aber in diesem Ausmaße eingegriffen werden muss, hat mich dann doch überrascht. Anders ausgedrückt: Ein Viertel fehlt.

Ob die schlimmsten Reaktionen auf die neuen Regeln deren Notwendigkeit unter Beweis stellten, kann nicht überprüft werden. Sie waren ja nie zu lesen. Es hätte mich schon interessiert zu sehen, ob hier eine Art self-fulfilling idiocy am Werk ist, ob die Kommentar-Etikette sich also selbst begründet, indem der Artikel, der sie vorstellt, die Trottel dazu bringt, über Gebühr trottelig zu sein. Die Abwesenheit der Kommentare triggert dabei einen paradoxen Effekt, der unabhängig vom Fallbeispiel RTL den öffentlichen Austausch prägt: Wenn eine Äußerung gelöscht wird, fühlt ihr Urheber sich mithin bestätigt. Schlimmstenfalls bestärkt die Löschung ihn oder sie weit mehr als eine bloße Zustimmung seitens Gleichgesinnter. Im querulantischen Selbstverständnis sind die Beiträge, so schrottig, falsch oder desinformiert sie auch sind, plötzlich wagemutig und unbequem. Das heißt: Sie stimmen nicht, weil sie stimmen. Sie stimmen, weil andere sie abweisen.

Dahinter steckt eine infantile Idee von Interaktion, eine Verhaltensweise des idiotisch Rechthaberischen: Gerade weil mir verboten wird, vom Beckenrand zu springen, mache ich es. Wenn ich mir den Kopf blutig schlage, ist das kein Argument für die Richtigkeit der Regel, sondern ein Beispiel für die gelungene (und deshalb zu wiederholende) Freiheit meines Tuns. Dass ich mir das Hirn allmählich zu Matsch kloppe, ist kein Kollateralschaden, sondern der Tribut, den ich bereitwillig zahle. Mehr noch: Dass ich das Becken verschmutze, ja kontaminiere, ist kein Problem, sondern ein Erfolg und eine Chance. Irgendwann ist alles besudelt.

Sorge oder Ressentiment?

Ich plansche hier vor mich hin, das ist mir klar. Gut möglich, dass das der blöde Clou ist, wenn man sich mit Fehlendem befasst: Die Mutmaßung gewinnt Überhand, die Imagination läuft heiß, der innere Erklärbär kann nicht anders, als sich auf und in die Lücken zu stürzen. Es kann aber auch sein, dass ich gerade einer Obsession erliege, die seit einigen Jahren die Öffentlichkeit auf Trab hält. Denn die Frage danach, wie öffentliche Teilhabe aussehen soll, ist längst zu einem defining moment nicht nur von Medien, sondern insgesamt von Demokratien geworden. Dabei geht es immer wieder um zwei unterschiedliche Vorschläge für ein- und dasselbe Problem, egal ob es nun als Hate-Speech, Hetze oder gesellschaftliche Verrohung bezeichnet wird: Soll mehr gelöscht oder mehr zugehört werden? Müssen wir den Sorgen ein Ohr schenken, den Ängsten eine Plattform geben? Müssen wir die Stammtische decken, damit dort Parolen geklopft werden? Oder sind diese Sorgen und Ängste nichts anderes als Ressentiments, denen der Deckmantel des emotionalen Engagements übergeworfen wird, um Widersprüche als persönliche Affronts abtun zu können?

Die kurze Antwort auf das lange Problem lautet: Nö, weg damit. Wenn manche das dialogische Prinzip pervertieren, indem sie es umarmen, wenn es ihnen zum Vorteil gereicht, und ablehnen, wenn es einem Grenzen aufzeigt, dann ist das, naja, eher sehr suboptimal. Die lange Antwort ist weniger eingängig, weil sie den blinden Fleck der Lösch- und Moderationstätigkeit fokussiert: Die Autorität, mit der Wortmeldungen abgelehnt bzw. getilgt werden, muss in einer demokratisch verstandenen Öffentlichkeit beharrlich in Frage gestellt werden. Ansonsten läuft sie Gefahr, den Wert des Freiheitlichen zu unterspülen, zu dessen Verteidigung sie angetreten ist. Das darf nicht dazu führen, dass diese Instanzen zahnlos um sich schnappen und nichts zu fassen kriegen. Bestenfalls garantieren sie – durch Kritik ebenso wie durch Selbstkritik – einen integren Austausch, der seine ganz eigene Pointe bereithält: Ein Viertel fehlt doch nicht, weil es nie dazugehört hat.

Die Kolumne was fehlt: erscheint zu Beginn jeden Monats in der Zeitschrift forum
und wird am Ende des jeweiligen Monats hochgeladen. Die Fotografien stammen von Gilles Kayser.

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