Kolumne

was fehlt: vi

von Samuel Hamen
November 6, 2020 / 0 Kommentare

„Why the butterflies?“, singt Prince im gleichnamigen Song aus dem Jahr 1983. Gerne würde ich ihm Antwort geben, eine schöne, tröstende oder einfach nur sinnfällige Antwort. Aber mehr als 35 Jahre später weiß ich ihm nichts zu sagen. Junge mit den tollen Locken und der traurigen Stimme, ich kann doch auch nicht so recht erklären, wieso die Schmetterlinge nicht mehr flattern, wieso die Insekten nicht mehr kriechen und fliegen, ja, wieso das Artensterben so schnell voranschreitet. Aber Prince hört nicht auf, seine Frage in taube und müde Ohren zu säuseln: „Why the butterflies? Why the butterflies?“

Dabei ist die Sicht klar, das windshield phenomenon längst belegt. Darunter ist die Tatsache zu verstehen, dass seit Jahrzehnten immer weniger Insekten an den Windschutzscheiben von Autos hängen bleiben. In einem Vergleichszeitraum von zwanzig Jahren (1997-2017) blieben beispielsweise 80 % weniger kleine, tote Leiber an Wagen kleben, die eine bestimmte Strecke in Norwegen abfuhren. Es ist eine von vielen, vielen Datenerhebungen, die allesamt mit unterschiedlichen Belegen dasselbe Fazit ziehen: Wir leben umgeben von sterbenden Arten in dahinsiechenden Landschaften. Im Wochenrhythmus liefern die Wissenschaften hierzu Details, die Nachrichten Bilder und die Betroffenen Augenzeugenberichte.

Die Katastrophe ist auch eine der Unüberschaubarkeit. Wo immer der Blick hinfällt, ist ein Verlust vage zu benennen, grob zu beziffern und hilflos zu betrauern: kein Ort, nirgends, der heil bliebe. Gletscher schmelzen, Permafrost-Böden tauen auf, Wälder brennen ab, Meere versauern, Küstenregionen werden überschwemmt. Vögel fallen von erhitzten Himmeln, Fischleiber platzen vor Plastikschrott. Was fehlt? Immer mehr. Und täglich wird dieses Immer mehr immer mehr, ohne dass uns eine (Er-)Zählung zur Verfügung stünde, die uns die Entwicklung in ihrem Ausmaß begreifbar machen könnte. Selbst die Haudegen des Verantwortungslosen murmeln ihr „Après nous, le déluge“ immer leiser vor sich hin. Sie merken, dass sie in ihrem Zynismus eingeholt wurden: „Le déluge, c’est maintenant“.

Neue Verhaltensweisen

Ich bin kein Wanderer, nicht mal ein Spaziergänger. Andere sagen, sie verträten sich mal kurz die Beine, und pirschen dann im soldatischen Outdooroutfit zweieinhalb Stunden durch Wälder. Ich gehe bei akutem Bewegungsdrang im Park zweimal um eine Hecke und habe Angst, dass irgendein Harz aus dieser Natur auf meine Schuhe tropft. Menschen, die von Moos schwärmen, auf das sie sich beim Zelten betten, finde ich – es tut mir leid – zutiefst unsympathisch. Leute, die sich Strohhüte und Latzhosen anziehen, durch Weizenfelder torkeln und das als Lifestyle („Cottagecore“) verkaufen, sind mir höchst suspekt. Sie zelebrieren eine anti-moderne Naturliebhaberei der ideologisch fragwürdigsten Sorte, energetisiert durch ein Verlustgefühl, das gerade alle heimsucht.

Und, ja, selbst ich werde zusehends sentimental, wenn ich etwa Hummeln auf Blüten landen sehe. Na, du kleines, eifriges Pummeltier, wann wirst denn du verrecken? Das große Sterben trotzt allen neue Verhaltensweisen ab, als Rüstung, als Entgegnung oder Trost. Die einen werden nostalgisch und ziehen sich blumenbetupfte Klamotten der Großeltern an, um die gute, alte Zeit zu simulieren. Den anderen kommt die Ironie abhanden, diese angenehm spielerische Haltung, die es einem erlaubt, die Welt zu genießen, indem man eine ästhetische Schutzzone zwischen ihr und sich selbst einzieht. Die Nachrichten zur Klimakrise mögen tagesbedingt zwischen Regionen, Naturereignissen und Schäden springen; eins aber ist allen Meldungen gemein: Distanzwahrung, sei sie nun wirtschaftlicher, sozialer, politischer oder emotionaler Art, ist nicht mehr möglich. Beziehungsweise nur noch auf Kosten jeglicher Solidarität, Ehrbarkeit und Verantwortung zu haben.

Prince läuft noch immer in Endlosschleife. Er singt vom Regen, der fällt, und vom Auge, das weint. Vielleicht hilft es ja im allgemeinen Schlamassel, die Artikel auszutauschen. Die Welt geht unter, das Ende ist nah. Auf solch totale Sätze kann niemand vernünftig reagieren. Sie spielen denen in die Hände, die aufputschen und verängstigen. Lässt sich die Apokalypse nicht parzellieren? Eine Welt geht unter, ein Ende ist nah. Das ist reine Rhetorik, nichts als Grammatik, klar. Aber das Manöver ist pragmatisch und ehrlich. Es erkennt an, dass es schlimm wird; zugleich erhält es sich einen Fitzel Hoffnung und Idealismus.

Prince darf ein letztes Mal ran, bevor der Akku weg ist. Was wisperst du in deinem unnachahmlich glamourhaften Trübsinn? „Mama, mama, what’s this shaking in me? / Mama, what’s this crazy swirling around? / Mama, why the butterflies?“ Ein Ende ist in Sicht, und die Sicht ist klar.

Die Kolumne was fehlt: erscheint zu Beginn jeden Monats in der Zeitschrift forum
und wird am Ende des jeweiligen Monats hochgeladen. Die Fotografien stammen von Gilles Kayser.

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