was fehlt: viii

von Samuel Hamen
Dezember 22, 2020 / 0 Kommentare

Peinlich ist es schon, ein wenig wie: der portugiesischen Bedienung im Urlaub Gracias und auf der Rückreise dem spanischen Kollegen Obrigado zu sagen, ohne den Lapsus zu bemerken. Erst kürzlich wurde ich darauf hingewiesen, dass in meinem Buch V wéi vreckt, w wéi Vitess ein Name nicht stimmt. Die portugiesische Pflegefamilie, in der die Hauptfigur aufwächst, heißt Suarez. Richtig wäre: Soares. Der erste Name stammt aus dem Spanischen, der zweite aus dem Portugiesischen. Gracias, obrigado; Suarez, Soares – wen kümmert’s, wie’s heißt? Ein Dreibuchstaben-Fehler, war doch gut gemeint, nein? In Anbetracht der Tatsache, dass Leute Hitzewallungen bekommen, wenn man Café Crème und Americano verwechselt – ja, ich gehöre zu dieser Meute –, tendiere ich zu: Gut gemeint reicht nicht, es ist eher ein Symptom als ein Fauxpas.

Denn wenn die Literatur in Luxemburg an irgendetwas gescheitert ist, dann weder an ihrer Mehrsprachigkeit noch an ihrem Minderwertigkeitskomplex, sondern daran, gesellschaftliche Erfahrungen dieses Landes adäquat zu repräsentieren. Seit mehr als einem halben Jahrhundert ist das Großherzogtum ein Einwanderungsland für Menschen aus Portugal; mehr als 100.000 portugiesischstämmige Personen und Portugies*innen erster, zweiter, dritter und vierter Generation leben im Land. Betonung nicht auf arbeiten, wohnen, pendeln, schlafen, sondern auf: leben.

In den literarischen Imaginationen fehlt dieses Leben aber bis auf einige Ausnahmen, darunter Romane, Erzählungen, Gedichte und Theaterstücke von Roger Manderscheid, Guy Rewenig, Josy Braun und Roland Meyer. Weil es nun einmal keine reichweitenstarken Schriftsteller*innen mit portugiesischem Hintergrund gibt, wird das repräsentative Manko in den wenigen Texten, die es denn überhaupt gibt, tendenziell auf zwei Weisen verarbeitet: In der einen Form ist das Portugiesische ein folkloristisches Kuriosum, dann geht’s plakativ um Bacalhau, um die Fátima-Wallfahrt in Wiltz, um Wörter wie Fodes und um noch mehr Bacalhau. Das Kabarett suhlt sich in diesen Fällen darin, wagemutig an der Grenze zum Ressentiment zu arbeiten, um den Rassismus „bloßzustellen“ oder „einen Finger in die Wunde“ zu legen. Es ist aber eigentlich zweitrangig, ob diese Texte – so lautet der gängige Vorwurf – das Klischee bloß reproduzieren und es dadurch affirmieren oder ob sie – so lautet die Selbstverteidigung – das Klischee nur mutmaßlich affirmieren, um diejenigen vorzuführen, die lachen und glucksen und sich auf die Schenkel klopfen. So oder so: Die Darstellung bleibt trivial.

In der anderen Form der literarischen Repräsentation ist das Portugiesische Anlass zu sozialkritischen Diagnosen, in denen die portugiesischen Figuren zumeist die diskriminierten, stummen und randständigen sind, während die luxemburgischen Figuren als xenophob, laut und etabliert portraitiert werden. Opfer und Täter, Arme und Reiche, Glücklose und Glückliche, alles ist ordentlich aufgeteilt. So oder so: Es ist eine Arbeit mit und in Schablonen, so emanzipativ der Schreibimpuls auch sein mag. Die Frauen sind Putzfrauen, die Männer Bauarbeiter, die Kids mies in der Schule. Man trinkt Super Bock, wird rassistisch beleidigt und fährt im Sommer nach Portugal. Was sonst? Ist das nicht der Standard, eine Wirklichkeit, die es zu kritisieren gilt? Klar. Aber wer sich einem narrativen naturalistischen Zwang unterwirft, verspielt auch die Möglichkeit, abseits der mutmaßlichen Tatsachen nach nichttypischen Szenarien zu suchen. Im schlimmsten Fall heißt das: Im Dienste einer Gesellschaftskritik werden Bevölkerungsgruppen in den Blick genommen, um sie erzählerisch aus ihren Zwängen zu befreien. Tatsächlich zementiert man bestehende Vorurteile, weil die immergleichen Bilder und Rollen wiederholt werden.

Beide Formen sind nicht aus sich selbst heraus fragwürdig, sondern weil sie innerhalb eines ungebührlich einseitigen Umfelds operieren. Mehr Nuancen und Freiheiten sind vor diesem Hintergrund nur zu haben, wenn mehr Leute mit unterschiedlichen sozialen, sprachlichen, nationalen und ethnischen Hintergründen an der Literatur in Luxemburg teilnehmen. Das wiederum ist zuallererst eine bildungs- und gesellschaftspolitische Aufgabe. Bloß scheitern Schulsystem und Politik seit Jahrzehnten an der Verbesserung der sozio-ökonomischen Aufstiegschancen, die die Grundlage hierfür wäre. Aber erst wenn Diversität nicht mehr unter Applaus als Ausnahmemoment abgefeiert wird, sondern selbstverständlich ist, kommt es zu einer Art Druckabbau: Ganz unabhängig davon, wer den Text verfasst, wäre es dann so, dass jede*r quasi alles machen darf, solange es sprachlich gelingt. Wenn es nicht gelingt, dann kann auch jede*r dafür kritisiert werden, ohne dass dem Kritisierenden eine Agenda, Bevormundung oder unrechtmäßige Beurteilung vorgeworfen werden kann.

Wenn dabei Themenbereiche wie portugiesische Migration, Milieu- und Alltagserfahrungen nicht vorkämen, dann wäre das kein eklatantes Fehlen wie im Augenblick, ein Fehlen, das zu fragwürdigen literarischen Antworten verleitet, weil problematische Konzepte wie Den-Schwachen-eine-Stimme-geben und Tokenism nicht so recht durchdrungen werden. Und wenn diese Sujets regelmäßig vorkämen, dann wirkten sie nicht – wie im Augenblick – wie bravouröse Darstellungen einer „anderen Wirklichkeit“, die die Mitte so ja gar nicht kennt. Es wäre schlichtweg ein weiterer Alltag, der eben genau das wäre: Alltag, aber endlich keine Milieu-Attraktion mehr. Das Verständnis, was als gesellschaftliche Normalität gilt, würde sich weiten. Figuren dürften mehr sein als Bauarbeiter und Putzfrauen und mies in der Schule, weil die Erzählungen, in denen sie vorkämen, sich nicht mehr verpflichtet fühlen würden, offensichtliche Lücken wettzumachen.

Kommendes Jahr wird Portugal Gastland der Leipziger Buchmesse sein. Es ist ein guter Anlass, sich zu fragen, wie das in Luxemburg so beliebte Mantra einer interkulturellen Zusammenkunft in der schriftstellerischen Praxis tatsächlich aussieht. Die Förderung einer erweiterten kulturellen und ganz grundsätzlich: einer gesellschaftlichen Teilhabe täte allein deswegen not, weil es der idée fixe eines mehrsprachigen und offenen Landes ein wenig von ihrer Heuchlerei nähme.

Die Kolumne was fehlt: erscheint zu Beginn jeden Monats in der Zeitschrift forum
und wird am Ende des jeweiligen Monats hochgeladen. Die Fotografien stammen von Gilles Kayser.