was fehlt: ix

von Samuel Hamen
Januar 15, 2021 / 0 Kommentare

Das Jahresende ist nicht nur eine so unerträgliche Zeit, weil es die Essenswahl auf das Schisma Fondue/Raclette reduziert und das Tischgespräch primär darum kreist, wem denn nun dieser eine Spieß mit dem hellblauen Knauf gehört. Es ist auch deswegen so unerträglich, weil es zuverlässig die schlimmsten Artikel bereithält. Es wird auch 2020 Rückblicke geben darüber, wie „intensiv“ alles war und wie „gebeutelt“ wir nach den letzten zwölf Monaten sind, auch wenn es einige „emotionale Momente“ und „Hoffnungsschimmer“ gegeben hat. Es wird Vorausschauen geben, wie wir ins neue Jahr starten werden, voller Vorsätze, es „anders“ zu machen, sich mehr „Zeit“ zu nehmen und mehr auf die „Mitmenschen“ achtzugeben, was und wer auch immer damit gemeint sein mag.

Selten fühle ich mich hilfloser als in Augenblicken, in denen ich merke, in Phrasen festzustecken. Die Jahresende-Artikel stürzen mich in eine Lethargie, die mich 2020 besonders trifft: Mit Floskeln und Standardformeln soll ein Jahr beschrieben werden, für das einem schlicht und ergreifend die Worte fehlen. Es fängt ja bereits mit den passenden Seufzlauten an. Ein Hmpf, Oargh oder Boaf klingt irgendwie nicht mehr zeitgemäß in Anbetracht der Lage. Zu vergnüglich, zu viele Klamauk-Sounds aus Comics, in denen Superhelden eine gute alte Welt retten, die sich längst von uns verabschiedet hat. Lauschen Sie mal in sich hinein: Was für ein Geräusch macht Ihr Körper, wenn jemand sagt, das sei doch nur eine Grippe? Ist es ein autoritäres Krgharh? Oder doch eher ein erschöpftes Hhhhhwnn, ein Laut, den eine Luftmatratze macht, wenn man ihr am Ende eines knalleheißen Sommers die Restluft nimmt? Oder vielleicht ein kurzes, resigniertes Hjm, das dem Kind entfährt, wenn die Eltern ihm beichten, es ein Jahrzehnt lang belogen zu haben. Es gibt keinen Weihnachtsmann, du Dummerchen, es gibt nur bis zur Gemeingefährlichkeit hirnrissige Menschen.

Um das Manko zu beheben, böte sich noch ein anderes Verfahren an. Man nehme eine Gesellschaftsgruppe, junge Eltern etwa oder Krankenhauspersonal. (Am besten sind welche ohne starke politische Lobby, die sind am einfachsten zu verarschen.) Ich sehe diese Leute genau vor mir, wie sie spätabends zuhause am Laptop sitzen, müde, hart an der Grenze zum Komatösen. Wie sie die Nachrichten schauen und Artikel lesen, die auch und besonders sie betreffen. Sie bekommen Applaus von Balkonen statt Gehaltserhöhungen auf Konten. Sie bekommen gesagt, die Pandemie sei eine Frage der familiären Organisation und der privaten Disziplin.

Bitte, bitte, Ruhe jetzt: keine Beschwerden, jetzt doch nicht, kein langes Ausdiskutieren, wir haben schließlich Krise, macht mal mit bei unserem sogenannten Krisen-Management, das immer auch Klientel-Politik ist. Und jetzt hopphopp, kümmert euch mal wieder um eure  Sachen, während wir daran scheitern, uns um unsere zu kümmern. Ganz langsam, fast unmerklich sackt diesen Leuten am Ende eines unerbittlichen Tages und Monats und Jahres der Kopf nach unten weg. Mit der Stirn knallen sie auf die Tastatur und ergeben sich in ihr Schicksal, auf unverschämte Weise für dumm verkauft zu werden. Das Wortkürzel, das beim Aufprall entstünde, das wäre er, der Seufzer des Jahres 2020.

Aber nicht nur an der Stelle geht uns das Vokabular ab. Jedes Mal, wenn ich zum Bersten volle Geschäfte und zum Weinen leere Kultursäle sehe, wenn also die Politik öffentliches Leben mit Shopping gleichsetzt und ersteres so lange einschränkt, bis auch wirklich der allerletzte Müll aus den allerletzten Winkeln weggeshoppt wurde, jedes Mal, wenn die Gesellschaft also so dreist nach Prioritäten geordnet wird, horche ich in mich hinein, in der Hoffnung, ein Wort fände sich für das Gefühl, das mich wütend und traurig und alles dazwischen macht.

Klarer könnte die Botschaft jedenfalls nicht sein: Kulturelle Orte machen erst wieder flächendeckend auf, wenn anderswo die Handelsbilanz stimmt – merkt euch das, ihr kunstkrämerischen Maskottchen, die wir uns gönnen für unsere heiteren Tage, an denen wir mit den Füßen wippen und ein wenig Gänsehaut bekommen wollen. Das Wort, das ich zutage fördern würde, klänge so scharf wie Überdruss und so unbarmherzig wie Groll. Es würde so unversöhnlich hart einsetzen wie Choleriker und so matt ausklingen wie Desillusion oder Resignation. Noch bin ich nicht fündig geworden. Aber hey, im neuen Jahr nehmen wir uns ja ausreichend „Zeit“ (s. o.) für alles Mögliche, für die Mitmenschen, für die Müdigkeit, die sich breitgemacht hat, und für den Blick, mit dem man hinausschaut in eine Welt, an deren neue Gestalt sich die Augen und die Worte erst einmal gewöhnen müssen.

Die Kolumne was fehlt: erscheint zu Beginn jeden Monats in der Zeitschrift forum
und wird am Ende des jeweiligen Monats hochgeladen. Die Fotografien stammen von Gilles Kayser.