was fehlt: x

von Samuel Hamen
Februar 27, 2021 / 0 Kommentare

Damals, als die Leute noch mit einer erstaunlich solidarischen Grandezza auf die Pandemie reagierten, als sich Grüppchen vor offenen Balkonfenstern versammelten, um Pianist*innen beim Musizieren zuzuhören, Leuten, die sie ansonsten nicht einmal beim Mülltonnenschieben grüßten, damals, als für einige Wochen trotz der misslichen Lage so etwas wie ein anderes Miteinander ausprobiert wurde, ein Projekt, das uns heute wie eine lässliche Verwirrung erscheint, damals trendete bei Twitter der Hashtag #wasfehlt, der mit einer gewissen Frequenz bis heute fortgeführt wird.

Der Hashtag war zwar schon davor im Umlauf, nahm dann aber während der Lock- und Shutdowns Fahrt auf. Wem es gelingt, die Sado-Maso-Community zu ignorieren, die #wasfehlt ebenso benutzt, um ihre Fantasien zu teilen, dem eröffnet sich ein schönes, kleines Archiv über die COVID-19-Erfahrungen. Im Laufe der Zeit ist ein Katalog der Sehnsüchte, Verzweiflungen und Empörungen entstanden, der vielleicht mehr über die augenblickliche Gemütslage aussagt als die Journal- und Essaybücher zur Pandemie, die gerade en masse erscheinen: / Jemand, der für mich kocht. / Ineinander verschlungene Hände. / Stirnküsse. / Auf dem Weihnachtsmarkt einen Glühwein trinken. / Sehnsucht nach Meer. / Umarm-Service für traurige und überlastete Alleinerziehende. / Unbeschwertheit. / Regen. / Videokonferenzgerät mit genau 1 Knopf und 0 Einstellungen für Leute, die sich ausschließlich für Soziales und nicht für Technik interessieren. / Lächeln. / Betrunkenheitsgespräche. /

Wenn ich bei Twitter mehr täte, als Literatur- und Tier-Bots zu teilen, die automatisiert Fotos veröffentlichen, mal von Simon Beckett, mal von Pelikanen, die mit ihren Schnäbeln Wasserschweine traktieren, denen das sowas von egal ist, dann hätte ich vielleicht auch die eine oder andere Sache unter #wasfehlt gepostet: Pandemie-Filme als lächerlich übertrieben abtun. Nähe nervig finden. Den Besuch im Supermarkt nicht als einen Moment der Freiheit empfinden. Sich in Fußgängerzonen über Leute aufregen, DIE EINFACH VIEL ZU LANGSAM GEHEN UND DABEI UNVORHERSEHBAR NACH LINKS UND RECHTS AUSSCHEREN.

Ein Sommer der Enthemmung?

Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass meine Hoffnung Realitäten schafft und im Sommer wieder ein plusminus okayer Alltag möglich sein wird. Vor allen anderen Dingen wird Nähe, die ja nur ein Sammelbegriff ist für Sorge, Empathie, Solidarität und Zuwendung, hoffentlich erneut Alltag sein, wieder stattfinden zwischen Partnern, Freunden, Familienmitgliedern und Fremden. Und der Hashtag #wasfehlt wird abflauen wie die Lust nach einer geilen Peitschenhieb-Session und nur noch den SM-Leuten eine Hilfe sein.

Aber, und auf dieses Aber hat dieser Text sowas von keine Lust, weil er sich ein bisschen vor ihm fürchtet: Aber werden Juni, Juli, August, September nicht vielleicht auch Monate der Hyperkompensation? Werden viele Leute, die Geimpften, die durch die Krankheit Immunen sowie die immer schon Rücksichtslosen nicht mit einer Mischung aus Trotz, Gier und Verspannung umherlaufen? Und sich dabei ständig versichern, dass sie nach all der Disziplin und Entbehrung jetzt aber mal so richtig auszuflippen haben? Sie werden Enthemmung als ihr Recht erachten, Fun als ihre Freiheit betrachten und Dürfen mit Müssen verwechseln. Auf so einen sardonischen Sommer habe ich dann doch nicht so wirklich Lust, so sehr ich mich auch der warmen Jahreszeit entgegensehne.

Schlimmstenfalls wird es auch der Anfang eines miesen Vergessens sein. Ich sehe sie jedenfalls schon vor mir: die Lauten, die ihre eigenen Verletzungen wegschreien, die Übermütigen, die Momente der Trauer, Einsamkeit und Hilflosigkeit, die auch sie sicherlich erfahren haben, wegfeiern. Dabei wäre später in Anbetracht der Lage, wie sie sich jetzt darstellt, in Anbetracht von mehr als 700.000 an COVID-19 Gestorbenen alleine in Europa, von Millionen Erkrankten, die mit Langzeitfolgen zu kämpfen haben, und von kaputten, verschuldeten und verzweifelten Menschen das genaue Gegenteil angebracht. Nicht nur und nicht immer, aber eben auch und immer wieder: sich später zu erinnern, was diese Zeit mit einem selbst und den anderen angestellt hat. Ich weiß noch nicht, wie lädiert ich in den kommenden Sommer oder Herbst entlassen werde. Aber eins ist klar, eins darf nicht fehlen: sich die Möglichkeit eines Rückblicks offenzuhalten, der keine Schwäche à la Orpheus ist, sondern das Eingeständnis, möglichst wenig aus den Augen verlieren zu wollen.

Die Kolumne was fehlt: erscheint zu Beginn jeden Monats in der Zeitschrift forum
und wird am Ende des jeweiligen Monats hochgeladen. Die Fotografien stammen von Gilles Kayser.