was fehlt: xi

von Samuel Hamen
März 20, 2021 / 0 Kommentare

Zum Abschluss kann man doch ohne schlechtes Gewissen ein Spiel vorschlagen, wie die Lehrer, die am Ende des Schuljahres Galgenmännchen in ihren Klassen spielen, weil sie keine Lust mehr auf Schüler haben, die keine Lust mehr auf sie haben. Also: Ich möchte eine Partie Ich sehe was, was du nicht siehst spielen. Aber das Du ist in dem Fall kein Du, sondern die Öffentlichkeit in Luxemburg, der berüchtigte Diskurs, die Art und Weise, wie eine Gesellschaft über sich selbst nachdenkt, im Streit, durch Nachfragen und Hinhören. Man muss nicht sonderlich ausgetüftelt vorgehen, um das Spiel zu gewinnen. Eigentlich reicht es, Rassismus, Sexismus, Klassismus oder andere Spielarten der Diskriminierung in den Blick zu nehmen, um ohne jede Mühe zu gewinnen.

Oder ist Luxemburg tatsächlich die Insel der Seligen, für die es sich hält, und seine Institutionen sind – als Beispiel – frei von Sexismus? Diese Fragerei ist  wahrscheinlich der erste von vielen Fehlern. Natürlich ist es so. Es gibt Missstände, aber keine Debatten, die dazu führten, die Missstände zu beheben. 2017: „Parce que la cause est suffisamment grave, parce que le Luxembourg ne doit pas passer à côté de cette insurrection féminine.“ 2018: „Le débat sur les agressions sexuelles envers les femmes au Luxembourg occupe moins l’espace public mais se poursuit dans des cercles plus petits et fermés.“ 2019: „Instead, the discourse around the issue is practically non-existent.“ 2020: „Et gëtt Zäit, dass och zu Lëtzebuerg Fraen d’Wuert ergräifen an haart an däitlech fir sech selwer astinn, Verantwortung  iwwerhuele fir sech, fir hir Geschicht, an och vun hirem Géigeniwwer verlaangen, sech fir seng Akten ze veräntwerten.“ 2021: „Es ist klar, dass es das auch in Luxemburg gibt.“ 2022, 2023, 2024.

Vielleicht ist das der zweite von vielen Fehlern: immer wieder neu rechtfertigen zu müssen, weshalb man das Thema überhaupt aufbringt. Nüchtern betrachtet haben anti-diskriminatorische Initiativen wie #metoo in Luxemburg zwar eine Solidarisierung nach innen ermöglicht, aber keine Schlagkraft nach außen entwickelt. Denn es gibt sie ja, die vielen im Privaten vorgetragenen Berichte von Betroffenen, dass derundder dasunddas gemacht hat, dass es dortunddort schon lange übel zuginge. Aber aus diesen safe spaces der Vertraulichkeit werden keine Debattenräume der Öffentlichkeit. Liegt das ausschließlich daran, dass hier jeder jeden kennt und man sich, wie die gängige Erklärung lautet, zu sehr fürchtet vor Revanche, Karriere-Aus und Gegenschlägen? Sicherlich auch.

Die stillen Tage

Aber: There’s no such thing as an Öffentlichkeit. Es gibt Medien, klar, es gibt Zeitungen, Journalisten und Engagement von Verbänden bis zum Rand der Erschöpfung. Aber gibt es einen Effekt der Bündelung? Einen Moment, wenn vor allem bei gesellschaftspolitischen Themen wie Sexismus, Rassismus, Klimakrise und der Wohnungsnot tatsächlich an derselben Stelle mit- und gegeneinander diskutiert wird? Das letzte erste Aufflackern einer solchen Kraft war vor gut einem Jahr der Fraestreik, der bereits von Corona & Co. geschluckt wurde – und der am Montag, den 8. März 2021, erneut stattfand. Aber selbst, wenn eine Debatte angestoßen wird, entstehen daraus nur Pünktchen, die sich zu nichts verbinden lassen, eine Talk-Show und eineinhalb Themenhefte hier, zwei Editorials und drei Leserbriefe dort, ein wenig Applaus und ein wenig Augenrollen im narkotisierten Großherzogtum.

Das ist schon spezifisch luxemburgisch: Während in Frankreich über inzestuöse sexualisierte Gewalt gestritten und in Deutschland darüber diskutiert wird, wie ein fairer, das heißt: diverser Kulturbetrieb abseits identitätspolitischer Exzesse aussehen könnte, während dort also ausgetragen wird, wem eine Gesellschaft wie zugeneigt sein möchte, herrschen hierzulande die stillen Tage vor. Vielleicht ist das auch eine der Folgen vom Demokratiedefizit, von der Tatsache, dass eine sehr knappe Mehrheit der Bevölkerung die politischen Vertreter wählt, während der Rest in diesem kostspieligen Land vor allem Geld verdienen muss, um sich im privaten Glück einzurichten, aufgehoben in (auch sprachlich) zersplitterten Communities, die sich nirgendwo treffen, in keiner Vision, in keinem Argument und keinem Gemeinplatz.

Vielleicht sind die Möglichkeiten in dieser wortwörtlichen Monotonie also schlichtweg festgelegt, die Pfade ausgetreten und die Programme geschrieben, die einem mitteilen, was es gibt und was es nun einmal nicht gibt. Wer „metoo au luxembourg“ googelt, kriegt zur Antwort: „Meintest du: meteo au luxembourg?“ Ja, gut, dann halt weiter zum Wetter. Die weiteren Aussichten? Heiter bis zum Gehtnichtmehr.

Die Kolumne was fehlt: erscheint zu Beginn jeden Monats in der Zeitschrift forum
und wird am Ende des jeweiligen Monats hochgeladen. Die Fotografien stammen von Gilles Kayser.
Dies war die letzte Folge.